Bayern 2 - radioThema

Beschneidung Körperverletzung oder religiöses Recht?

Eine emotionale Debatte ist entbrannt: Ist die rituelle Beschneidung eine strafbare Körperverletzung oder religiöses Recht? Was wiegt schwerer: Das kindliche Recht auf körperliche Unversehrtheit oder die Religions- und Erziehungsfreiheit der Eltern?

Von: Antje Dechert Stand: 27.08.2012

Für Juden und Muslime ist die männliche Beschneidung ein wichtiges religiöses Ritual. Die Entscheidung des Kölner Landgerichts empfinden sie als Kriminalisierung ihrer Religion in Deutschland und sehen darin einen Angriff auf die Religionsfreiheit. Kinderschützer kritisieren das Abtrennen der Vorhaut bei Jungen als Misshandlung Unmündiger. Und auch die Juristen streiten: Wie weit darf die Religionsfreiheit gehen? Inwiefern dürfen Eltern über die körperliche Integrität ihres Kindes entscheiden und ab wann muss diese vom Staat geschützt werden?

"Die Juden haben die Brit Mila seit 3.700 Jahren und ich glaub nicht, dass das jüdische Volk deswegen traumatisiert ist. Sondern im Gegenteil, es ist etwas, was uns sehr viel Kraft gibt, was uns sehr viel Identität gibt. Mein Sohn ist vor ein paar Monaten in der Schule wegen seiner Religion sehr unschön angesprochen worden, von einem Schüler. Und das hat ihn wirklich traumatisiert. Er hat geweint und das hat ihn sehr beschäftigt. Seine Brit Mila hat ihn nicht traumatisiert. Das wage ich jetzt einfach so zu behaupten."

David Martin Kurz, Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde in Regensburg und Vater von drei Kindern

Gibt es medizinische Gründe für Beschneidungen?

Chirurgische Instrumente für die Beschneidung

Es gibt eine Fülle von Studien zur Beschneidung. Viele davon widersprechen sich. Michael Straub Kinderurologe am Münchner Klinikum Rechts der Isar vermutet sogar, dass einige der Forschungsarbeiten auch interessengesteuert sind. Der Kinderurologe sieht nach wie vor auch gute Argumente für eine standardmäßige Beschneidung bei Männern. Beschnittene Männer erkranken weniger oft an Peniskrebs und übertragen auch das HI-Virus seltener, um bis zu 60 Prozent. Das haben Forscher in großangelegten Studien in Kenia und Uganda festgestellt. Die WHO empfiehlt deshalb Männern im südlichen Afrika profilaktisch die Zirkumzision. Wie jeder medizinische Eingriff birgt eine Beschneidung auch Risiken. Trotzdem: Der Deutsche Ethikrat als unabhängiges Gremium hat sich bei seinen Empfehlungen für die Bundesregierung vorsichtig geäußert und davon abgeraten, jede Beschneidung automatisch ins Krankenhaus zu verlegen.

Unsere Vorfahren haben den Eingriff gut verschmerzt

Historische Quellen bezeugen: Die Beschneidung ist eines der ältesten Rituale überhaupt. Eine antike Operation mit einer über 4.000-jährigen Geschichte. Über die Ursprünge weiß man allerdings kaum etwas. Warum unsere männlichen Vorfahren irgendwann anfingen ihre Genitalien zu beschneiden? Darauf gibt es bis heute keine eindeutige Antwort. Fest steht: Sie müssen den Eingriff relativ gut verschmerzt haben. Anthropologen vermuten, dass die Ursprünge der Beschneidung bis in die Steinzeit zurückreichen. Offenbar maßen Menschen in verschiedensten Teilen der Welt diesem Ritual Bedeutung zu. Früh praktiziert wurde die Zirkumzision sowohl von australischen Aborigines als auch von afrikanischen und orientalischen Volksstämmen. Es liegt nahe, dass die Israeliten das Ritual von den Ägyptern adaptierten. Im Judentum entwickelte sich die Beschneidung zu einem überwiegend religiös-spirituellen Ritual.

"Für das Judentum geht es hier um den Gründungsakt der Religion, nämlich den Bund Gottes mit Israel. In Genesis 17 sagt Jahwe zu Abraham: Ich errichte mit Dir einen ewigen Bund. Und dieser Bund ist die Beschneidung."

Thomas Lentes, Katholischer Theologe an der Universität Münster.

Beschneidungen aus hygienischen und ästhetischen Gründen

Der Islam sieht die Beschneidung zwar nicht als religiöses Gebot, aber doch als Sunna – als nachzuahmender Brauch. Auch gilt die Zirkumzision als Voraussetzung für die Pilgerreise nach Mekka. Sie ist also auch für einen Muslim nicht verhandelbar. Der Deutsche Bundestag will bis Herbst einen Gesetzesvorschlag zur Beschneidung vorlegen. Aber ist das überhaupt nötig? Das radioThema wirft einen Blick auf die kulturgeschichtlichen Ursprünge der Beschneidung und ähnlicher "Körperpraktiken". In den USA zum Beispiel lassen auch atheistische oder christliche Eltern ihre Söhne beschneiden – aus hygienischen Gründen. Ganz zu schweigen von erwachsenen Männern, die den Eingriff der Ästhetik wegen vornehmen lassen. Letztlich stellt sich damit auch die Frage, warum der Schnitt an der Vorhaut gerade jetzt in Deutschland so aufregt.

Meinungen zum Thema Beschneidung

H. Putzke

Holm Putzke | Bild: picture-alliance/dpa

"Wenn ein Arzt einen medizinisch nicht indizierten Eingriff vornimmt, dann macht der Arzt sich strafbar." (Holm Putzke, Strafrechtsprofessor)

A. Y. Deusel

"Momentan würde ich keine Beschneidung durchführen. Es will ja keiner zum einen selber kriminalisiert werden, zum anderen die Eltern kriminalisieren." (Antje Yael Deusel, Rabbinerin)

I. Ilkilic

"Die Beschneidungsdebatte ist mehrheitlich nicht sachlich, fremdenfeindlich und nicht vorurteilsfrei und dazu werden Muslime mit der niedrigsten sozialen Gruppe gleichgesetzt. Das finde ich höchst problematisch." (Ilhan Ilkilic, Mitglied des Ethikrates)

M. Stehr

Maximilian Stehr | Bild: Maximilian Stehr

"Nach meiner Ansicht ist das Recht auf Unversehrtheit höher anzusiedeln als das Recht auf Erziehungsfreiheit und Religionsfreiheit zumal wir ja überhaupt nicht mit einem Verbot der Beschneidung an Minderjährigen reden." (Maximilian Stehr, Kinderchirurg)

H.-M. Heinig

Hans Michael Heinig | Bild: Hans Michael Heinig

"Die Entscheidung des Landgerichts Köln bezeichne ich als klassische Fehlentscheidung – alles was nicht offensichtlich schädlich ist, gehört eigentlich in einem freiheitlichen Verfassungsstaat, der unter den Bedingungen hoher kultureller und religiöser Vielfalt lebt, in die Hände der Eltern." (Hans-Michael Heinig, Staatskirchenrechtler)

S. Kutschinski

Salek Kutschinski | Bild: Salek Kutschinski

"Es gibt eine kleine Gruppe von Juden, die staunt ein bisschen darüber, dass man so ganz selbstverständlich ohne viel zu debattieren daran festhält. Wenn man darüber debattieren möchte, stößt man auf Unverständnis. Und das ist erstaunlich, dass ein Volk, das so viel nachdenkt und analysiert hat und die Psychoanalyse ins Leben gerufen hat, so wenig nachdenkt über den Sinn der Beschneidung. Vielleicht steckt eine Art Tabu dahinter, das aus der Angst nicht dazuzugehören resultiert. Und insofern denke ich, würde es sich lohnen eine innerjüdische Debatte zu führen. Ich fände das sehr interessant. Aber diese wird dann nicht deshalb geführt, weil ein Landgericht in Köln sagt, dass die Beschneidung verboten wird." (Salek Kutschinski, Facharzt für Psychotherapie in München)

H. Bielefeldt

"Das ist ganz wichtig, dass wenn wir die Debatte noch weiterführen und die muss ja weitergeführt werden, dass das in anderem Geiste geschieht, also auch mit der Bereitschaft zum Zuhören, mit der Offenheit für Zwischentöne und auch mit Respekt vor religiösen Ritualen. Man muss die ja nicht verstehen, man muss die auch nicht vorbehaltlos billigen, aber zur Kenntnis nehmen, dass es für viele Menschen wichtig ist, ich glaube, das gehört schon dazu, wenn wir eine pluralistische Gesellschaft sein wollen." (Heiner Bielefeldt, Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit im UN Menschenrechtsrat)


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