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Der Mensch als Huhn Luigi Malerba: Die nachdenklichen Hühner

Der Hahn im Korb sein, goldene Eier legen, als Glucke nerven oder ein dummes Huhn genannt werden: Henne und Hahn müssen gar nicht so selten dafür her halten, den Menschen und sein seltsames Gebaren sprichwörtlich auf den Punkt zu bringen. So ironisch und lakonisch wie in Luigi Malerbas Hühner-Aperçus hat das Huhn aber selten den Menschen vertreten.

Stand: 09.08.2017

Hühner | Bild: picture-alliance/dpa

Hühnertypologie

Mit den „nachdenklichen Hühnern“ schrieb der italienische Autor Luigi Malerba 1980 fabelhafte Anekdoten, die im Huhn, seiner Gedankenwelt und seinem Lebensraum die seelischen Tiefen und Abgründe des modernen Menschen auffinden. So reicht Malerbas Typologie unseres gefiederten Zeitgenossen vom psychoanalytischen Huhn, das über die Sublimierung des Eis predigt, über das fromme Huhn, das die heilige Johanna mit Laurentius verwechselt, bis hin zum postmodernen Huhn, das den Stall und sich selbst erleuchten will. Sie alle sinnieren über das Leben, ihr Schicksal und die fatalen Folgen eines Druckfehlers, der sie zu Gunsten von Blondinen diskriminiert:

"Alle Hühner des Hofes versammelten sich, um über die Bedeutung des Sprichworts ‚Ein blindes Huhn findet auch einmal ein Korn’ zu diskutieren. Trotz langer Diskussion kamen sie zu keinerlei Schluß. Am Ende behauptete ein Huhn, es handle sich um einen Druckfehler und das Sprichwort müsse richtig lauten: ‚Ein blondes Huhn findet auch einmal ein Korn.’"

Luigi Malerba, Die nachdenklichen Hühner

Das Huhn als Zeitgenosse

Anders als noch im berühmten Schlager „Ich wollt, ich wär ein Huhn“ von Peter Kreuder aus den 30er Jahren, in dem der Mensch sich den entspannten Hühner-Feierabend nach dem noch entspannteren Eierbrüten wünscht, sind Malerbas Hühner – ganz moderner Mensch – schwer beschäftigt. So nimmt sich ein Schweizer Huhn vor, mit Spekulationen an der Börse viel Geld zu verdienen. Also versteckt es sich in der Aktentasche eines Kaufmanns, um zuerst im Haus eines professionellen Brokers und schließlich in dessen Kochtopf zu landen. Die ökologischen Hühner dagegen beschließen, jedes Huhn in die Verbannung zu schicken, das goldene Eier legt, weil Gold biologisch nicht abbaubar ist. Und dann gibt es da noch das mythomanische Huhn, dessen Einbildung in Zeiten von Dieselskandal, Mobilitätsdiskussion und Elektromotoren den Hörer ganz besonders schmunzeln lassen wird:

"Ein mythomanisches Huhn glaubte, es sei ein Auto. Seine Mithühner ließen es in dem Glauben, unter der Bedingung, daß es den Motor nicht im Hühnerstall anlasse, solange sie schliefen."

Luigi Malerba, Die nachdenklichen Hühner

Hühner-Lesung

Mit Witz und Ironie beweist Luigi Malerba, dass der Hühnerstall ein Menschenpark ist und umgekehrt. Ob sich die Schauspieler Horst Raspe und Laure Maire, die die Texte mit Verve und Spielfreude lesen, vielleicht sogar zu einem imitierenden Gackern hinreißen lassen, können Sie in einer unterhaltsamen halben Stunde in den radioTexten am Feiertag überprüfen.

"Alle Hühner des Hofs versammelten sich, um darüber zu entschieden, was man in der Freizeit tun solle. Viele machten Vorschläge, die jedoch nicht für interessant erachtet wurden. Am Ende schlug ein gedankenloses Huhn vor, das Gänsespiel zu spielen, aber seine Mithühner protestierten mit lautem Gegacker, denn von den Gänsen wollten sie noch nicht einmal den Namen hören."

Luigi Malerba, Die nachdenklichen Hühner

Der Autor

Luigi Malerba wurde 1927 in Berceto als Luigi Bonardi geborgen. Er war Jurist, Journalist, betrieb eine Werbeagentur und schrieb Prosa, Drehbücher sowie Hörspiele. Gemeinsam mit Umberto Eco und anderen gründete er die Literatenvereinigung „Gruppo 63“. In seinen Novellen und Romanen entwickelte er einen satirisch-grotesken Stil, der mit Erzählstrukturen spielt. Seine Texte leisten dabei häufig eine Analyse des Zusammenspiels aus Macht und Korruption. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und weltweit rezipiert. 2008 starb Luigi Malerba in Rom. Romane u.a. „Elianes Glanz“, „Der Traum als Kunstwerk“, „Der geheime Zirkel von Granada“, „Römische Gespenster“.

radioTexte an Mariä Himmelfahrt, 15.08.2017, 11.00 Uhr

Die nachdenklichen Hühner
Von Luigi Malerba
Aus dem Italienischen von Elke Wehr

Mit Horst Raspe und Laura Maire

Redaktion und Moderation: Antonio Pellegrino


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