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Luiz Ruffato "Teilansicht der Nacht"

Schon nach wenigen Seiten entfaltet der brasilianische Schriftsteller Luiz Ruffato in seinem neuen Roman "Teilansicht der Nacht" einen Kosmos der kleinen Leute. Sphärisch dicht gestaltet er auf faszinierende Weise aus einer Gleichzeitigkeit von Eindrücken eine sprachliche Komposition, die sich aus allen Genres speist: Prosa, Drama, Regieanweisungen, hörspielartigen Collagen oder Sprachfetzen. "Vorläufige Hölle" nennt Luiz Ruffato sein auf fünf Bände angelegtes Romanprojekt, das er der brasilianischen Arbeiterklasse widmet.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 11.05.2017

Luiz Ruffato | Bild: Gattoni, Leemage, picture allinace

"Teilansicht der Nacht"

Der "Fortschritt" – Schlagwort der Siebzigerjahre, in Brasilien vor allem eine Parole der Militärdiktatur – soll nach Cataguases kommen, eine Stadt gut 200 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro gelegen. Anstatt in gemieteten Verschlägen am Ufer des Rio Plombo auf das nächste Hochwasser zu warten, baut, wer es sich leisten kann, im neu erschlossenen Stadtteil "Paraíso" etwas erhöht am Stadtrand bescheidene kleine Häuser mit Wasserhahn in der Küche und einer Toilette. Ein Niemandsland, ohne soziale Strukturen. In vielen Episoden schildert Luiz Ruffato das Leben der armen Leute, einfache Arbeiter und ihre Träume, erzählt von Krankheiten und Verbrechen, von Alkoholismus und einem bigotten Katholizismus.
Der Roman entwickelt einen ungeheueren Sog. Schnelle harte Schnitte, Perspektivwechsel, innere Monologe wechseln mit Dialogen, Montagen aus Geräuschfetzen, Radio- und Fernsehsendungen, Beschreibungen; alles zusammen ergibt puzzleartig ein Gesamtpanorama der brasilianischen Gesellschaft.

"Eines eiskalten Morgens im Mai, noch vor Sonnenaufgang, schreckte ich hoch, ein Gezeter im Hühnerstall, das Herz polternd wie Faustschläge, über dem Rücken ein Schauer, die Beine weich und ein Summen im Kopf, stocksteif auf dem kalten Zementboden, umgeben von so dichtem Nebel, dass man ihn zwischen den Fingern hätte zerreiben können, Dämmerlicht, kein gutes Gefühl, weit aufgerissene Augen, Entsetzen, und hörte von Weitem, die Batterien waren schon schwach, diese Stimme, säuselnd aus einem Meer von sich überlagernden Wellen „Radio BBC, dir(…) London  (…) portugisiesche (…)dung (…)eue Anweisungen (…)Cataguases. Der Ang(…) laut Agenten der Ci(…) warten (…) Osten, Geschwade(…)“. Und mit einem Schlag aus dem Hinterhalt überwältigte Stille die Welt, alles wurde zu klebriger Flüssigkeit, zäh, unheilvoll, finster, die sich langsam fließend über sich selbst ergoss."

aus: Teilansicht der Nacht

Luiz Ruffato

Luiz Ruffato kennt das Leben der einfachen Arbeiter ganz genau. Er stammt aus einer Migrantenfamilie. Sein Vater kam aus Italien, versuchte als Popcornverkäufer die Familie zu ernähren, seine Mutter arbeitete als Waschfrau, konnte weder lesen noch schreiben. Trotzdem wussten die beiden, die einzige Möglichkeit für ein würdiges Überleben ist Erziehung. Luiz Ruffato wurde am 4. Februar 1961 in Cataguases geboren, in der selben Stadt, in der der neue Roman spielt. Er hatte großes Glück, ein Förderer sprach ihn eines Tages an, als er seinem Vater an seinem Popcornstand half. So konnte er eine bessere Schule besuchen. Und weil er sich unter all den Mittelschichtkindern nicht wohlfühlte, schüchtern wie er war, verkroch er sich in der Bibliothek. So entdeckte er eine ihm neue Welt und stellte fest, dass Leute und Familien wie seine nirgends in der brasilianischen Literatur vorkamen.
Nach der Schule machte er eine Lehre, arbeitete als Mechaniker, Verkäufer und studierte nebenbei Journalismus, über den er später zur Literatur kam. Keiner seiner Mitschüler hatte so ein Glück. Viele verfielen dem Alkohol, andere starben als Drogenhändler auf der Straße. Und Luiz Ruffato betont auch immer wieder, wäre er kein Weißer, würde er heute das nicht sein, was er ist.

"Den seinen gibt's der Herr im Schlaf", Katze auf dem Schreibtisch von Luiz Ruffato in São Paulo

Im Jahr 1998 veröffentlichte er einen ersten Band mit Kurzgeschichten. Drei Jahre später folgte der Roman "Es waren viele Pferde", mit dem Luiz Ruffato nicht nur die brasilianische Literatur revolutionierte, sondern auch mit dem "Prêmio Machado de Assis" der brasilianischen Nationalbibliothek ausgezeichnet wurde. 2005 erschien der erste Band seines Romanprojektes "Vorläufige Hölle" mit dem Titel "Mama, es geht mir gut" und 2011 erschien dann der zweite Band "Feindliche Welt". Alle Werke auf Deutsch erscheinen bei "Assoziation A". Mit seinem kongenialen Übersetzer Michael Kegler erhielt er 2016 den "Internationalen Hermann-Hesse-Preis". Gewürdigt werden soll laut Statut „eine schriftstellerische Leistung von internationalem Rang in Verbindung mit ihrer Übersetzung".

Übersetzer Michael Kegler und Luiz Ruffato

"In seinem bisherigen Werk, das aus fünf Romanen, Kurzgeschichten und Essays besteht, entfaltet der brasilianische Schriftsteller Luiz Ruffato ein Kaleidoskop entwurzelter Großstädter aus allen Schichten. Die allgegenwärtige Gewalt und Tristesse wird mit der Strahlkraft unvergesslicher Bilder festgehalten. Die extremen gesellschaftlichen Gegensätze sind geradezu Strukturprinzip dieser dichten Prosa. Ruffato ist ein Komponist, der alle Tonarten beherrscht Das Gespann Luiz Ruffato und sein Übersetzer Michael Kegler ist ein Glücksfall: Höchste literarische Qualität ermöglicht einen Blick auf die Abgründe einer fremden Welt."

Jury des Hermann-Hesse-Preises 2016

Auszeichnungen (Auswahl)

2001 Prêmio São Paulo der Associação Paulista de Críticos de Arte
2001 Prêmio Machado de Assis der Fundação Biblioteca Nacional
2005 Prêmio APCA
2013 Premio Casa de las Américas
2015 Prêmio Jabuti
2016 Internationaler Hermann-Hesse-Preis

Virtuose Lesung mit dem Schauspieler Shenja Lacher

Shenja Lacher vor den Bayern 2-Studios

Am Sonntag, dem 14. Februar lässt der Schauspieler Shenja Lacher, einst Ensemble-Mitglied des Münchner Residenztheaters, in einer virtuosen Lesung die Sprachpartitur von Luiz Ruffato erklingen. Er führt uns durch die Welt der kleinen Familie, die sich endlich den Traum von den eigenen vier Wänden erfüllen, in denen jeder Nagel bleibt, wo er eingesetzt wurde. Er liest einen Ausschnitt aus "Teilansicht der Nacht", vom Sommer 1972, als Reginaldos Eltern die Gelegenheit bekamen, "dem Glück einmal kräftig die Hand zu geben". Regie: Eva Demmelhuber, Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche.
radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 11 Uhr auf Bayern 2.


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