Bayern 2 - radioTexte


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Friedrich Ani: "Ermordung des Glücks" Der zweite Fall für Exkommissar Jakob Franck

Jakob Franck ist, wie alle Figuren des preisgekrönten Schriftstellers Friedrich Ani, ein außergwöhnlicher Kommissar, einer, der trotz Pensionierung weiter ermittelt, spezialisiert auf die Überbringung von Todesnachrichten, ein Schweiger und Grübler, ein Spezialist für Gedankenfühligkeit und Gedankengewusel. Schauspieler August Zirner liest den neuen Roman, der am 11. September gekürzt als Hörbuch erscheint zeitgleich mit dem Buch bei Suhrkamp. In "radioTexte - Das offene Buch" hören Sie exklusiv vorab drei Lesungen und den Schriftsteller Friedrich Ani im Gespräch mit Cornelia Zetzsche.

Stand: 30.07.2017

August Zirner liest Friedrich Ani: Die Ermordung des Glücks | Bild: Cornelia Zetzsche

Ein kleiner Junge verschwindet ...

Auch mit seinem neuen Mordermittler ist Friedrich Ani wieder ein untypischer Kriminaler gelungen wie schon bei seinen anderen Figuren, dem bedächtigen Tabor Süden etwa, der nach Vermissten fahndet, dem Ex-Mönch und Kripo-Kommissar Polonius Fischer oder dem blinden Kommissar Jonas Vogel. Mit Jakob Franck, pensioniert, geschieden, oft in Selbstgespräche versunken, in seiner Dienstzeit auch dafür zuständig, Todesnachrichten an die Hinterbliebenen zu überbringen, schuf der preisgekrönte Autor atmosphärisch dichte Schilderungen über die Abgründe einer Familie und der Gesellschaft. Lennard Grabbe, ein begabter Fußballer, musikbegeistert, der Sonnenschein der Familie, der sie zusammenhält und der mit seinen elf Jahren fester auf dem Boden zu stehen scheint als seine Eltern, verschwindet eines Tages, an einem regnerischen Abend. Tanja Grabbe wartet zu Hause mit seinem Lieblingsessen, "Toast Hawaii"... doch Lennard erscheint nicht. Die Kripo München fahndet fieberhaft nach dem Jungen, ohne Erfolg. Vierunddreißig Tage nach dem Verschwinden wird er tot aufgefunden. Exkommissar Jakob Franck überbringt die Todesnachricht. Eine kleine Welt gerät aus den Fugen, eine nach außen hin intakte Familie zerbricht.

In Reichweite das Meer

Hörbuch mit 6 CDs, eine Koproduktion von Osterwold Audio und Bayern 2

"Aus der Spiegelung der Eingangstür schaute ihr eine abblätternde Frau entgegen. Je länger sie hinsah, desto stärker wurde ihre Verwunderung darüber, dass sie noch da war, nach so vielen Tagen absoluter Abwesenheit in ihrer Welt; genau vierunddreißig Tage waren es heute. Hier stand sie, nah an der Scheibe, als wäre es das Allereinfachste, nach der Klinke zu greifen und die Tür zu öffnen. Leute gafften sie an; Feiglinge, die keinen Finger rührten, die stehen blieben und den Schnee störten, der ihr allein gehörte. Da tauchte der Mann vor ihr auf und verscheuchte ihr Spiegelbild und jede flüchtige Geborgenheit. Unwillkürlich machte sie einen Schritt nach hinten in Richtung Kuchentheke. Das Gesicht des Mannes auf der Straße wirkte alt und grau und bedrohlich. Der schwarze Schal quoll aus dem Kragen der braunen Lederjacke, der Riemen seiner Umhängetasche verlief quer über die Jacke, wie eine schwarze Narbe.
Der Mann klopfte an die Tür, nicht laut, beinah behutsam und ohne seine ausdruckslose Miene zu verändern oder ein Zeichen von Ungeduld erkennen zu lassen. 'Sie sind Tanja Grabbe?' Seine Stimme hatte nichts vom Übermut des Schnees. 'Ja, natürlich, ich bin Frau Grabbe, und Sie sind von der Polizei?' 'Mein Name ist Jakob Franck. Ich bin ein ehemaliger Kripobeamter. Können wir reingehen und uns an einen Tisch setzen? Ich habe Ihnen und Ihrem Mann eine schlimme Nachricht zu überbringen.'
Dann verschwand die Welt um sie herum."

Auf der Liste der 100 weltbesten Krimi-Autoren

Geschafft! Der zweite Fall für Exkommissar Jakob Franck

"Ermordung des Glücks" heißt Friedrich Anis neuer Roman, der am 11. September bei Suhrkamp erscheint. Wieder ein Werk, das das Genre "Kriminalroman" nur benutzt, um genau auf die Welt zu schauen. Es geht nicht um Mord und Totschlag, um die bloße Ermittlung, es geht vor allem um das Dazwischen, um Hintergründe und menschliche Abgründe, in die Anis neue Figur sanft, aber unerbittlich eindringt und seelische Zonen ausleuchtet. Anis Charaktere haben Ängste, sind Zweifler, sind oft auch verzweifelte, melancholische Menschen. Es geht um Schuld, doch manche Verbrechen geschehen fast zufällig, die nicht eindeutig geklärt werden können. Und Jakob Franck folgt dabei seiner ureigenen unvergleichlichen Methode: der "Gedankenfühligkeit". Ein spannendes, intensives Hörvergnügen mit Tiefgang in drei Folgen mit dem Schauspieler August Zirner und dem Schriftsteller Friedrich Ani ab 6. August an drei Sonntagen, jeweils um 11 Uhr auf Bayern 2. Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche.

Hörbuch-Produktion im Studio 9

August Zirner in seiner "Lesehöhle"

Fast eine Woche lang dauerten allein die Sprach-Aufnahmen für den neuen Roman von Friedrich Ani. Der renommierte Schauspieler August Zirner warf sich einfühlsam und mit Verve in die Gedanken- und Gefühlswelten der Protagonisten. Viele Figuren waren zu zeichnen, Tanja Grabbe etwa, die durch den Tod ihres Sohnes völlig abdriftet in tiefe Trauer und Melancholie, Jakob Franck, der Exkommissar, den auch die ungelösten Fälle seines Ermittlerlebens nicht loslassen, der manchmal listig, manchmal abwartend den Zeugen, Verdächtigen oder Familienmitgliedern Dinge entlockt, die seine Kollegen immer noch mit Anerkennung zur Kenntnis nehmen müssen, Jugendliche, die mit Lennard in der Schule waren, Senioren, die den Täter vielleicht gesehen haben könnten. Alle mussten stimmlich dargestellt werden, ein breites Spektrum, bei dem der Schauspieler alle Register zog. Das Hörbuch, das Bayern 2 mit Osterwold Audio produzierte, noch wird geschnitten und gemastert, erscheint am 11. September.

Blick hinter die Kulissen

"Als ich das Sprechen nur als Flüstern kannte ..."

Im Glas-Foyer des Bayerischen Rundfunks

heißt eine Gedichtzeile des Münchner Schriftstellers Friedrich Ani, die viel über ihn aussagt. Nicht umsonst wurde er von einem Kritiker als schreibender Franz Schubert bezeichnet. Friedrich Ani wurde am 7. Januar 1959 in Kochel am See als Sohn eines syrischen Vaters und einer schlesischen Mutter geboren. Schon immer zog es ihn weg vom Land, wo jeder jeden kennt, in die Anonymität einer Stadt wie München, wo er als Fremder unter Fremden leben kann. Bereits mit elf Jahren verfasste er Gedichte, schrieb für Lokalzeitungen. Nach dem Abitur und dem Zivildienst, den er in einem Heim für schwer erziehbare Kinder leistete, fing er an, Hörspiele und Theaterstücke zu schreiben, arbeitete als Polizeireporter, verfasste mehrere Lyrikbände wie seinen ersten mit dem typischen Ani-Titel "Wer die Dunkelheit entfacht" (1981). 1996 erschien sein erster Roman "Das geliebte, süße Leben". Bekannt wurde Friedrich Ani vor allem durch seine vierzehn Krimis mit dem Ermittler Tabor Süden. 1992 bekam Ani ein Stipendium der Drehbuchwerkstatt an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen. Er schrieb für "Stahlnetz", für die Serie "Faust" mit Heiner Lauterbach in der Titelrolle und für das Aushängeschild deutscher Fernsehkrimis, für den "Tatort". Vom Literaturförderpreisund dem Tukan-Preis der Stadt München bis zum Grimme-Preis für sein Drehbuch "Kommissar Süden und der Luftgitarrist", und dem Bayerischen Fernsehpreis wurde er allein siebenmal mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet und Friedrich Ani steht wie sein Vorbild Georges Simenon auf der Liste der 100 weltbesten Krimi-Autoren.

Blick in Friedrich Anis Bücherwelt


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