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Elnathan John auf dem Literaturfest München Von Identitätsverlust, Radikalisierung und Sinnsuche

Nicht einmal einen richtigen Namen hat Dantala, was nur so viel heißt, wie "an einem Dienstag geboren". Auch keine Familie. Sein Vater ist tot, sein Bruder verschwunden, seine Mutter geht betteln, seine beiden Schwestern kamen bei einer Flut ums Leben. Auf sich allein gestellt streunert er durch die Straßen einer nigerianischen Kleinstadt, schließt sich einer Gang an, macht für ein bisschen Geld alles. Ein berührende Geschichte aus Nigeria, intensiv und eindringlich, die in dem Mikrokosmos Dantalas von der Tragödie eines Landes erzählt zwischen Boko Haram, Korruption, Armut und Terror.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 13.11.2017 | Archiv

Elnathan John | Bild: privat/Elnathan John

"Jeder Tag ist eine Plage, lässt mein Leben mehr verglühen, zu Asche werden. Ich weiß nicht mehr, welche meiner Erinnerungen echt und welche Träume sind, die sich mein Kopf zusammenspinnen, damit ich nicht aufgebe."

aus: Geboren an einem Dienstag

Zwischen politischen Ideologen und Boko Haram

Elnathan John 2016 in Abuja, Nigerias Hauptstadt

Im Schatten eines Baobab-Baums denkt Dantala über sein bisheriges Leben nach. Hier fühlt er sich ein bisschen zu Hause, hier lebt er mit seinem Freund Banda, raucht "wee-wee", wartet auf Gelegenheiten, um an ein bisschen Geld und Essen zu kommen. Banda, groß und stark, Anführer einer Straßengang, ist so etwas wie ein Vorbild, ein Bruderersatz, der vorgibt zu wissen, wo's lang geht. Er wird von den anderen Jungs geachtet, zieht kleine "Geschäfte" an Land, lässt sich nichts gefallen, ist unverwundbar, weil er Zauberringe trägt. Bis er eines Tages bei einem Überfall auf ein Wahllokal sein Leben verliert. Dantala kann fliehen und findet Zuflucht bei einem Imam. Etwas Ruhe kehrt in Dantalas Leben ein, die aber nicht lange anhält ...

Elnathan John auf dem Literaturfest München


Cornelia Zetzsche empfängt Elnathan John auf dem Literaturfest in München.

Am 21.11.2017 um 18.00 Uhr auf Diwan auf der Münchner Bücherschau
und 20.30 Uhr im Literaturhaus München.

Nigeria neu erzählt

Trotz der schrecklichen Dinge, die in Dantalas Welt passieren, gibt es auch Freundschaft, Liebe und Schönheit. Grausam, traurig und manchmal humorvoll, was einen an Mark Twain denken lässt. Elegant geschrieben, leicht und unaufgeregt und trotzdem mit ungeheuerer Wucht erzählt. Man taucht ein in diese unbekannte Welt der Almajiri, die keine Schule besucht haben, junge namenlose Männer, die sich vom religiösen Extremismus angezogen fühlen, in deren System sie sich stark und wichtig fühlen. Es gibt Spannungen zwischen schiitischen und sunnitischen Muslimen, aber auch Erlösung in der Sprache und der Liebe. Johns Protagonist Dantala entdeckt die englische Sprache, wie leicht sie einem im Mund liegt, nicht so hart wie das Arabische. Wir Leser lernen viele Hausa-Wörter, die Elnathan John nicht übersetzt. So erschließt sich uns ein Nigeria neu, das wir hauptsächlich nur aus den Nachrichten kennen mit Terrormeldungen von Boko Haram oder Korruptionsskandalen. Ein fesselnder Roman, der einen in Atem hält.

"Born on a Tuesday" auf der Shortlist des "Nigeria Prize for Literature"

Open Book Festival in Kapstadt 2016

In seinem Heimatland ist der 1982 in Kaduna geborene Elnathan John ziemlich bekannt. Sein Debüt-Roman schaffte es auf die Shortlist eines der renommiertesten Literatur-Preise Nigerias. Schon seine erste Erzählung wurde für den "Caine Prize for African Writing" nominiert. 2017 bekam er dafür den "Betty Trask Award". Elnathan John wuchs in einer gut situierten christlichen Familie in Nigeria auf. Studierte in Zaira Rechtswissenschaften, arbeitete bis 2012 als Rechtsanwalt, bis ihn die nigerianische Wirklichkeit an seiner Arbeit zweifeln ließ. Gekaufte Richter, Korruption in allen Behörden, Verschleppung von Prozessen und Urteilen trieben ihn zum Schreiben. Als politischer Glossen- und Satire-Schreiber verdiente er sich erste Lorbeeren, schrieb für Zeitungen Kolumnen und Erzählungen, bis 2015 sein Debütroman "Born on a Tuesday" erscheint. Elnathan John lebt in Nigeria und in Berlin und hält an der Humboldt-Universität Vorlesungen zu Geschlecht und Männlichkeit.

Fesselnde Lesung mit Shenja Lacher, im Studio Elnathan John

Der Schauspieler Shenja Lacher

Am Sonntag, dem 19. November, begrüßt Cornelia Zetzsche den nigerianischen Schriftsteller Elnathan John, der von seinem Land erzählt, von Nigeria, und von seinem Schreiben. Und der bekannte Schauspieler Shenja Lacher begibt sich mit Dantala in eine uns unbekannte Welt einer Straßengang in Nord-Nigeria. "An einem Dienstag geboren", übersetzt von Susann Urban.
radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 11 Uhr auf Bayern 2.

"Jedes Schreiben ist politisch"

„Jedes Schreiben ist politisch“, erzählt Elnathan John in einem Interview. „Besonders als Nigerianer, als Afrikaner, als Schwarzer.“ So lange hätten andere ihre Geschichten geschrieben: Weiße. Kolonialisten. Neokolonialisten, eingeflogen aus europäischen Großstädten.

Und so beginnt Dantalas Geschichte:

"Die Jungs, die in Bayan Layi unter dem Baobab schlafen, prahlen gern damit, dass sie jemand umgebracht haben. Ich sage dann nie was, denn ich habe niemand umgebracht. Banda schon, aber er mag nicht darüber reden. Während sie durcheinanderplappern, raucht er wee-wee. Gobedanisa ist immer der Lauteste. Nur zu gern erinnert er alle und jeden an den Tag, an dem er einen Mann erwürgt hat. Ich war dabei, habe gesehen, was passiert ist, unterbreche ihn aber nicht. Gobedanisa und ich wollten von einem lambu Süßkartoffeln stehlen und wurden dabei vom Farmer erwischt. Als der unter lauten Morddrohungen hinter uns herjagte, stürzte er im Busch in eine Antilopenfalle. Gobedanisa rührte ihn nicht an. Wir standen einfach bloß da und sahen zu, wie er kämpfte und kämpfte und dann aufgab.

Almajiri in einer nigerianischen Koran-Schule

Mir ist egal, ob Gobedanisa Lügengeschichten erzählt, aber manchmal würde ich ihn am liebsten anraunzen, er soll endlich die Klappe halten. So wie er übers Töten redet, könnte man meinen, er kommt dafür ins aljanna, dass Allah ihm den besten Platz reserviert. Ich weiß, warum er so redet, die Kleineren sollen Respekt vor ihm haben. Und Angst vor ihm bekommen."
(aus "An einem Dienstag geboren" von Elnathan John, übersetzt von Susann Urban, Verlag Das Wunderhorn)


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