Bayern 2 - radioTexte


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Lust am Rausch Charles Baudelaire: Wein und Haschisch

Wein und Haschisch sind Wohltäter des Menschen: Charles Baudelaire schrieb nicht nur über solche Weisheiten, er lebte sie. Für den Dandy und Dichter war der Rausch Erlöser von irdischem Leid, Hebel für künstlerische Inspiration und Pfad in künstliche Paradiese. Auch in Essays wie „Wein und Haschisch“, „Auswahl tröstlicher Maximen über die Liebe“ oder „Richard Wagner und der ‚Tannhäuser’ in Paris“ ergründet Baudelaire die verheißungsvolle Wirkung von Alkohol, Drogen, Musik und Sexualität.

Stand: 13.07.2017

Unbehaust und trunken

„Man muss immer trunken sein!“, war ein Lebensmotto des Dandys, Schriftstellers und Kritikers Charles Baudelaire. Es war auch seine Antwort auf die gesellschaftliche Situation in Frankreich Mitte des 19. Jahrhunderts. Sowohl unter dem französischen Bürgerkönig Louis Philippe als auch unter seinem Nachfolger, Kaiser Napoleon III., stand die französische Gesellschaft immer stärker unter dem Zeichen kapitalistischer Bereicherung und sozialer Zwänge und erzeugte so den Widerspruch von einem, der sich immer schon fremd und unbehaust fühlte in dieser Welt. Einem, der gegen die spießbürgerliche Einhegung von Leidenschaften oder Trieben anschrieb und für Rausch und Entgrenzung plädierte. Und einer, der selbst nur allzu genau um die Risiken und fatalen Konsequenzen des Exzesses wusste. Schon als 20-Jähriger hatte sich Baudelaire bei einer Prostituierten mit Syphilis infiziert, der er nach langer Leidenszeit 1867, 46-jährig, erlag. Für den Kranken waren Wein, Haschisch und Opium Medikamente, um Schmerzen zu lindern. Für den Autor und Künstler waren sie mehr: Instrumente der Grenzüberschreitung, Mittel zur Vervielfältigung der Persönlichkeit und Medien der Transzendenz.

"Tiefe Freuden des Weins, wer hat euch nicht gekannt? Jeder, der jemals Gewissensbisse beschwichtigen, eine Erinnerung heraufbeschwören, einen Kummer ertränken, ein Luftschloss errichten wollte – kurzum, alle haben dich angerufen, geheimnisvoller Gott, verborgen in den Fibern des Rebstocks. Wie großartig sind die Schauspiele des Weins im strahlenden Licht unserer inneren Sonne! Wie glühend und echt fühlt sich die zweite Jugend an, die der Mensch aus ihm schöpft. Aber wie gefährlich sind auch seine überwältigende Sinnlichkeit und seine kräftezehrenden Verzauberungen. Und dennoch lasst eure Herzen und euer Gewissen sprechen, ihr Richter, Gesetzgeber, Mitglieder der besseren Kreise. Wer von euch wäre so unerbittlich und hätte den Mut, jemanden zu verdammen, der sich Genie antrinkt?"

Charles Baudelaire, Wein und Haschisch

Zwischen Menschenfreundlichkeit und Pragmatik

In den Hymnen auf Alkohol und Drogen aus dem Essay „Wein und Haschisch“ zeigt sich Charles Baudelaire als weicher, hingebungsvoller und menschenfreundlicher Schreiber und Denker, der dagegen in Texten wie „Auswahl tröstlicher Maximen über die Liebe“ oder „Ratschläge an junge Literaten“ zum abgebrühten Pragmatiker wird.

"Freiheit und Schicksalsfügung sind Gegensätze; von nahe und ferne betrachtet, sind sie ein einziger Wille. Und deshalb gibt es kein Pech. Wenn Sie Pech haben, dann mangelt es Ihnen an etwas: Erkennen Sie dieses Etwas, und ergründen Sie das Spiel Ihrer Wünsche, damit Sie die Umstände anpassen können."

Charles Baudelaire, Ratschläge an junge Literaten

Liest "Wein und Haschisch" für die radioTexte: Franz Pätzold.

Die Textsammlung „Wein und Haschisch“ des Manesse Verlags, die sechs Essays Baudelaires zum 150. Todestag des Autors am 31. August 2017 in neuer Übersetzung von Melanie Walz präsentiert, macht die verschiedenen Tonlagen Baudelaires zugänglich, in der Lesung für die radioTexte mit Franz Pätzold werden sie auch hörbar. Charles Baudelaire einmal nicht als düster-brillanter Lyriker, der sich mit seinen „Blumen des Bösen“ wegen Obszönität ein Gerichtsurteil einhandelte, sondern als geistreicher Essayist, ironischer Lebenskünstler und wortmächtiger Protagonist der Pariser Bohème.

"Grundsätzliche und allgemeine Regel: Hüten Sie sich in der Liebe vor dem Mond und den Sternen, hüten Sie sich vor der Venus von Milo, vor Seen, Gitarren, Strickleitern und allen Romanen – selbst vor dem besten der Welt, und hätte Apoll ihn verfasst! Aber lieben Sie von ganzem Herzen, mit aller Kraft, keck, zielstrebig und unerbittlich die Frau, die Sie lieben."

Charles Baudelaire, Auswahl tröstlicher Maximen über die Liebe

Zum Autor

Charles Baudelaire (1821–1867) war Dandy, Ästhet und Inbegriff der Pariser Künstlerbohème. Nach unglücklicher Kindheit und Jugend begab er sich in die Pariser Bohème. 1842 erhielt er das beträchtliche väterliche Erbe ausgezahlt und verkehrte mit den damals berühmten Exzentrikern. Bald war das Vermögen durch seine ausschweifende Lebensweise verbraucht, und er musste seinen Lebensunterhalt mit journalistischen Arbeiten verdienen. 1845 bzw. 1846 erschienen die kunsttheoretisch bedeutenden Abhandlungen „Les Salons“, mit denen der Autor zeitgenössische Künstler wie Honoré Daumier, Édouard Manet und vor allem Eugène Delacroix bekannt machte. Edgar Allan Poe, dessen Werk er viele Anregungen verdankte, übersetzte er als erster ins Französische. 1857 erschien Baudelaires Hauptwerk, der Gedichtzyklus „Les Fleurs du Mal“ (Die Blumen des Bösen). Wegen sechs angeblich obszöner und gotteslästerlicher Gedichte in dieser Sammlung wurden Autor, Verleger und Drucker angeklagt und der 'Beleidigung der öffentlichen Moral und der guten Sitten' für schuldig befunden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses Urteil aufgehoben. In der Prosaerzählung „Die Fanfarlo“ schildert Baudelaire stark autobiographisch seine 20 Jahre dauernde Liebesbeziehung zu der dunkelhäutigen Jeanne Duval. Zwischen 1864 und 1866 lebte Baudelaire in Belgien. Entmündigt und verarmt starb er am 31. August 1867 in einer Anstalt in Paris an den Spätfolgen der Syphilis.

Charles Baudelaire
Wein und Haschisch
Essays
Aus dem Französischen von Melanie Walz
Nachwort von Tilman Krause
Manesse Verlag Zürich

radioTexte am Dienstag, 18.07.2017, 21.05 Uhr

Charles Baudelaire
Wein und Haschisch

Mit Franz Pätzold
Redaktion und Moderation: Antonio Pellegrino


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