Pia Solèr Aufzeichnungen einer Hirtin
"Die Freiheit, die ich fühle, hat keine Worte", schreibt die Graubündnerin Pia Solèr, die seit 18 Jahren ein Leben als Schaf- und Ziegenhirtin führt und in ihrem Tagebuch "Die Weite fühlen" doch einige Worte dazu gefunden hat. Am Sonntag, den 12. Februar, ab 11 Uhr, stellt die Autorin ihr Werk vor. Die Auszüge daraus liest Schauspielerin Krista Posch.
"Jeder kann ein Buch über sein Leben schreiben – auch wenn es noch so unbedeutend erscheint. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass ich etwas zu sagen habe? Die Eremitin, die man nur selten zu Gesicht bekommt. Die man nicht einordnen kann."
(Pia Solèr)
Sie fühlt sich gar nicht als Eremitin, die 40-jährige Hirtin Pia Solèr aus dem rätoromanischen Vrin. Schon ihr halbes Leben lang verbringt die Schweizerin die Sommermonate in 2000 Metern Höhe auf der Alp Scharboda mit ihren Ziegen, Schafen und ihrem Hund, und sie sei weder allein noch einsam, sagt sie. Und dass sie noch einiges mehr zu sagen hat, das bemerkte auch die Journalistin Daniela Kuhn, als sie für eine Reportage die Hirtin besuchte und sie ermutigte, ein Buch zu veröffentlichen.
Die Exotik des Hirtenlebens
Die unter dem schönen Titel "Die Weite fühlen" veröffentlichten Tagebuchnotizen wurden von zahlreichen Rezensenten überschwenglich gelobt, ihre Lebensentscheidung und ihr "Eins-mit-sich-Sein" bewundert. Alles etwas befremdlich für die Autorin, die sich keineswegs als Aussteigerin sieht und das Misanthropen-Image ihrer Berufsgruppe anficht:
"Oft werden sie Aussteiger genannt oder man meint, sie kämen mit anderen Menschen nicht zurecht. Aber diese Ansichten zählen nicht, denn Hirten sind selten Herdenmenschen. Introvertiert und illoyal müssen sie deshalb nicht sein. Meistens sind sie intelligent, oft auch Akademiker. Sie lieben die Natur, und dazu gehören auch die Menschen."
(Pia Solèr)
Solèr braucht nicht viele Worte, um große Gedankenbilder zu beschreiben. Aber auch pragmatische Alltagsbeschreibungen, Ideenfetzen und Anekdoten vervollständigen das Portrait ihrerselbst. Die karge, aber leidenschaftlich zuversichtliche Zeichnung ihres Lebens stellt die von uns gesetzten Definitionen von Lebensfülle, Notwendigkeiten und Disziplin in Frage. Man spiegelt sich automatisch in ihr beim Zuhören: Ihre Art des Lebens, mit Tieren, nur mit Handy-Empfang, wenn der Wind richtig steht, gegen unser urbanes Dasein, geprägt von Zeitnot und kabelloser Businesskommunikation.
Doch wenn Schauspielerin Krista Posch mit charaktervoller, warmer Stimme beispielsweise die Passage liest, in der sich die Autorin über den neuen Specksteinofen freut, scheint das Leben einer Hirtin uns doch nicht so fremd und hinterwäldlerisch zu sein.
Die stille Freiheit
Es herrscht nicht nur Idylle auf der Alp: Lawinengefahr oder das Töten eines schlimm verletzten Schafs sind ebenso Teil ihres Lebens. Und sie kennt auch andere Welten, hat Verwandte in Los Angeles, reiste durch verschiedene Kontinente, wo sie feststellte, dass sich Alp-Landschaft und Wüste ähneln und lernte in Schanghai Akkupressur. Nach allen Erfahrungen stellte sie jedoch fest, dass sie "das einfache Leben" bevorzugt. Und dass man noch lange nicht hinterm Mond lebt, wenn man am Ende des Tals zu Hause ist.
Pia Solèr: "Die Weite fühlen. Aufzeichnungen einer Hirtin", Mitarbeit und Nachwort von Daniela Kuhn, erschienen bei weissbooks.w im Oktober 2011. Die Auszüge daraus las Krista Posch.
Pia Solèr, geboren 1971 im Schweizerischen Vrin, lebt dort im Winter, während sie den Rest des Jahres in Vanescha und auf der Alp Scharboda verbringt. Sie absolvierte eine Verkäuferinnenlehre und arbeitete auf der Ziegenalp von Vrin als Hirtin. Sie ist in chinesischer Akupressur ausgebildet und unternahm mehrere Fernreisen. Seit 2002 hütet sie im Sommer Schafe. 1993 spielte sie die weibliche Hauptrolle an der Seite von Bruno Cathomas im Filmdrama "Levzas petras" (CH, 1993) in rätoromanischer Sprache.

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