Bayern 2 - radioTexte - Das offene Buch

Josef Bierbichler "Mittelreich"

Bekannt ist er als Theater- und Filmschauspieler, der seiner Figurendarstellung eine melancholisch-kernige Intensität verleiht. Nun hat Josef Bierbichler sein Romandebüt vorgelegt. Es erzählt von hundert Jahren deutscher Geschichte - von der bayerischen Provinz aus.

Stand: 19.09.2011
Josef Bierbichler | Bild: picture-alliance/dpa

Eigentlich wollte Pankraz Musiker werden, aber nach den Stürmen des Himmels und der kriegerischen Zeiten wird er dann doch Seewirt, Familienoberhaupt, ländlicher Unternehmer im leuchtend gelben Bauernrenaissanceschlösschen, draußen vor den großen Toren der Stadt "Minga", direkt am Seeufer. Mehr und mehr Städter kommen aufs Land, seit die Bahn hinausfährt. Aus Füllwörtern wie "Wochenendvilla" und "Baden" werden Bedürfnisse. Mit den Gästen zieht etwas Welt ein, versöhnen sich Norden und Süden, scheinbar wenigstens.

Das Dorf und die Fremden

So geht es, bis Fremde auf Dauer kommen: Zwangsarbeiter, Flüchtlinge, Menschen wie Viktor, der Bankangestellte aus Polen, Herr Hanusch, dem die Russen die Heimat nahmen, oder das feine, aber falsche Fräulein Zwittau, das nach Jahrzehnten für eine große Überraschung sorgt. Es kommen Kriegsversehrte, Armamputierte, Beinlose, Verwirrte und später die "Itaker" in ihren himmelblauen Kunststoffhemden, die wissen, wie man mit Frauen umgeht. Sie alle bringen ihre Geschichten mit, als Täter und Opfer, als Hochstapler und Traumatisierte, vom Schicksal Getriebene, bis sich aus der Fülle der Biografen ein großes Panorama des 20. Jahrhunderts ergibt, von den großen Kriegen über Adenauerdeutschland bis zur Pershing-Debatte.

Haus und Himmel

"Viktor hebt den Kopf leicht an und dreht ihn ein wenig nach rechts – dann lauscht er. Unterm Dachgiebel der Remise hört er es leise kratzen und scharren, rutschen und schaben, dazwischen unterdrücktes Kichern und verhaltenes Flüstern von Kinderstimmen. Dann wieder Stille. Im großen Haus rauscht eine Toilettenspülung, und zischelnd füllt sich der Spülkasten. Auch danach ist es still. Hitze. Stille. Schweiß. Wie aus dem Nichts durchschlägt ein Kampfflugzeug den Schall, den Himmel, die Luft und den Mittag, die Ohren, das Gemüt, die Geduld und die Liebe, die Hoffnung, die Zukunft, alles ..., und verschwindet wieder mit einem minutenlang verebbenden, nicht mehr enden wollenden Maschinendonnergrollen am Himmel."

aus: Josef Bierbichler, "Mittelreich", Suhrkamp Verlag 2011

Ein beteiligter Chronist

"Mittelreich", der Roman Josef Bierbichlers, zeichnet ein Bild des ganzen Landes: regional verwurzelt, fesselnd und mit enormer Verve geschrieben in einer drängenden, energiegeladenen Sprache, die ihren Ursprung im Bairischen hat, aber zur Kunstsprache geworden ist. Zu lesen sind hier erfundene Geschichten, die alle im wahren Leben gründen. Aus Bauernland werden Badeplätze, aus den Sensen motorisierte Maschinen in diesem Dorf am See, das zur Bühne wird für Stammtischreden und Sauschlachten, Familiendramen und Ehetragödien, Streuwiesenmähen und Währungsreform. Erzählt wird all das von einem "Chronisten", der auf der Hälfte des opulenten Romans plötzlich "Ich" sagt und sich als Sohn des Seewirts erweist. Wucht und Wut, Not und Verzweiflung, die ganz großen Gefühle schwingen in seiner Erzählung immer mit, erst recht, wenn es um fröhliche Pater und die Klosterschule geht.

Hörprobe

Hörbuch-Cover "Mittelreich" von Josef Bierbichler | Bild: Der Audio Verlag, colourbox.com zum Audio Josef Bierbichler "Mittelreich"

Der Schauspieler, der seiner Figurendarstellung eine melancholisch-kernige Intensität verleiht, hat sein Romandebüt vorgelegt. Es erzählt von hundert Jahren deutscher Geschichte - von der bayerischen Provinz aus. Autorenlesung [mehr]

Josef Bierbichler wurde 1948 in Ambach am Starnberger See geboren, wo seine Eltern einen Gasthof führten. Den erbte Bierbichler, besuchte zunächst eine Hotelfachschule, wurde dann aber doch Schauspieler. Er absolvierte die Otto-Falckenberg-Schule und war später auf wichtigen Bühnen von Hamburg bis Wien, von München bis Berlin zu sehen. Auch im Film ist Bierbichler gefragt: Er arbeitete mit Werner Herzog und Herbert Achterbusch, drehte mit Tom Tykwer "Winterschläfer" und "Die tödliche Maria", mit Hans Steinbichler "Hierankl" und "Winterreise", mit Michael Haneke "Das weiße Band".

Preisgekröntes Hörbuch

Eine ausführliche Autorenlesung mit Josef Bierbichler ist auch als Hörbuch erschienen, mit produziert von Bayern 2 - und ausgezeichnet als "Hörbuch des Jahres 2011".

Regie: Eva Demmelhuber
10 CDs (12 Std., 7 Min.)
Audio Verlag / Bayern 2

Bayern 2 stellt ein Highlight des Bücherherbstes vor: Josef Bierbichler, dem wirkungsvollen Theater- und Filmschauspieler, ist mit "Mittelreich" ein ganz großer Wurf gelungen, ein Glücksfall der Erzählkunst, spannend, drastisch, schmerzhaft, sensibel. Für "radioTexte - Das offene Buch" kommt Bierbichler ins Studio und liest drei halbe Stunden aus seinem fulminanten Romandebüt, zu hören ist die Lesung in drei Folgen am 21. und 28. August und am 4. September, jeweils um 11.00 Uhr auf Bayern 2.

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

Bierbichler auf der Buchmesse

Bayern 2 stellt den Roman "Mittelreich" und das Hörbuch mit Bierbichlers Autorenlesung in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp-Verlag und dem Audio Verlag auf der Frankfurter Buchmesse vor.

Donnerstag, 13. Oktober 2011, 17.30 - 18.00 Uhr
ARD-Forum auf der Frankfurter Buchmesse

Lesung und Gespräch mit Josef Bierbichler
Moderation: Cornelia Zetzsche