Bayern 2 - radioTexte am Samstag

Charles Dickens "Zur Strecke gebracht"

Der erste Eindruck von einem Menschen zählt - lassen Sie sich nicht vom zweiten Blick irre machen! Das ist die Lehre, die Dickens fiktiver Erzähler aus einer der packenden Geschichten schöpft, die zu seinem 200. Geburtstag neu erscheinen.

Stand: 17.01.2012
Der britische Schriftsteller Charles Dickens in einer zeitgenössischen Darstellung.  | Bild: picture-alliance/dpa

Es geht um einen üblen Versicherungsbetrug: Ein ziemlich gelackter Mann mit perfekten Manieren taucht in feiner Trauerkleidung in einer Versicherung auf und fädelt geschickt den Abschluss einer Lebensversicherung für einen Freund ein. Und das glückt ihm auch, aber der Freund, den er - wie schon zuvor mindestens einen anderen Menschen, seine Nichte, - nach Abschluss der Lebensversicherung zur Strecke bringen will, - diesmal vor allem mit Schnaps - dreht den Spieß um ... .

"Romane des wirklichen Lebens"

Dickens erzählt die Geschichte aus der Perspektive des leitenden Versicherungsangestellten Mr. Sampson, der die Muße dazu findet, zu tun, was der große Erzähler Dickens sonst tut: Aus seiner langjährigen Berufserfahrung die "Romane des wirklichen Lebens" erinnern, im Alltäglichen das Bedeutsame entdecken und zum Gegenstand einer spannenden Erzählung machen.

Charles Dickens

Der am 7. Februar 1812 in der Nähe von Portsmouth, England, geborene Charles John Huffam Dickens fing an, literarische Texte zu schreiben, als er als Gerichtsreporter im Zivilgericht arbeitete, Ende der 1820er-Jahre. 1832 wurde Dickens Berichterstatter im Hours of Commons und auch bei dieser Arbeit konnte er eine Menge Stoff für seine literarischen Geschichten sammeln, die er allerdings zunächst unter dem Pseudonym "Boz" publizierte. Auch als Dickens längst schon unter eigenem Namen Romane veröffentlichte, blieb der einstige Reporter dem Medium Zeitschrift treu: Er gründete und führte bis zu seinem Lebensende verschiedene literarische Blätter, in denen er Kurzgeschichten, Märchen, Reden und Fortsetzungsromane publizierte.

Stimme der Armen

Auch als berühmter und wohlhabender Schriftsteller behielt Dickens die Bodenhaftung und fand seine Themen meist im ganz normalen Leben, schälte seine Geschichten förmlich heraus aus dem grauen Einerlei des Alltags. Mit zwölf Jahren musste er sich in einer Schuhcremefabrik verdingen, um den nötigen Unterhalt für seine Mutter und Geschwister verdienen zu können, denn der Vater saß im Gefängnis. Diese Grunderfahrung der Armut prägte bis zuletzt sein schriftstellerisches Werk, das den Armen und Schlecht-Weggekommenen eine nicht zu überhörende Stimme verleiht.

"Der schwarze Schleier. Neuentdeckte Meistererzählungen"

Zu seinem 200. Geburtstag ist übersetzt von Ulrike Seeberger im Aufbau Verlag eine Sammlung von Geschichten erschienen, die das gesamte Spektrum seines literarischen Könnens spiegelt: "Der schwarze Schleier. Neuentdeckte Meistererzählungen".
Aus diesem Band liest Heiko Ruprecht "Zur Strecke gebracht": die Geschichte eines hinterhältigen Schurken , der von einem listigen Säufer überführt wird.