Bayern 2 - radioTexte am Dienstag


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Impressionen nemo im Lyrik Kabinett

Ein prall gefüllter, spannender Abend mit der nemo-Runde im Lyrik Kabinett: Impressionen der von Bayern2 aufgezeichneten Sendung sammelte Pia-Elisabeth Leuschner von der Stiftung Lyrik Kabinett.

Stand: 28.06.2016

Die nemo-Runde (v.l.n.r.): Stefan Wilkening, Elisabeth Tworek, Antonio Pellegrino, Bruno Jonas und Andreas Trojan | Bild: BR / Kirsten Böttcher

„Ui!! Is‘ ja ois scho voll!“ - Die verwunderte Reaktion des Besuchers traf zu: Schon um kurz nach 19 Uhr – fast eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung – waren in der Lyrik-Bibliothek kaum noch Sitzplätze zu ergattern, und der ganze Raum schwirrte von erwartungsvoller Vorfreude…

Kein Wunder! Nicht nur genießen die öffentlichen Präsentationen von Nemo, dem Literaturquiz des Bayerischen Rundfunks, unter den Münchner Kulturinteressierten mittlerweile Kult-Status. Wir haben uns gefreut, dass wir die Sendung schon zum sechsten Mal zu Gast haben durften. Darüber hinaus und vor allem aber war es in diesem Jahr endlich gelungen, einen schon seit Jahren erhofften Gast für die Rätselrunde zu gewinnen: Bruno Jonas.

Bruno Jonas mit Antonio Pellegrino

Freilich ist das Podium von Nemo auch ein heißes Pflaster. Die Spannung war groß, wie sich Jonas, den das Münchner Publikum seit Jahren für seine Auftritte in der Lach- und Schieß-Gesellschaft (1981-84) oder auf dem Nockherberg (2004-2007), in Film und Fernsehen oder gerade in jüngster Zeit im Radio wertschätzt, nun in dieser neuen Rolle beweisen würde: als literarischer Detektiv und belesener Autor, der selbst über zehn Bücher veröffentlicht hat.

Zeitgleich konnten sich die drei Detektive und der Moderator getragen fühlen vom heitersten Wohlwollen des gesamten Saales. Dies spürbar genießend, machten sich die drei Detektive Elisabeth Tworek, Andreas Trojan und Bruno Jonas mit Verve und souveräner Geistesgegenwart an die Aufgaben, die der verschmitzte Moderator Antonio Pellegrino ihnen bereitete.

Drei Zitate, drei Rätsel

Noch kaum war das letzte Wort der ersten Ratestelle verklungen – in sonorere Rezitationsvirtuosität präsentiert von Stefan Wilkening – als sich Bruno Jonas und Andreas Trojan schon einig waren, sie wüßten den Autor genau – nur sein Name und der des Werkes wollten ihnen partout nicht sofort einfallen… Stattdessen spannen sie hingebungsvoll Erinnerungen an einen Film aus – dessen Protagonistin Sally Bowles auch dem Publikum bald mit dem Gesicht Liza Minellis vor Augen stand…

So wurde zunächst die Textstelle auf alle ihre Indizien abgeklopft und das künstlerische und weltanschauliche Klima von Berlin in den 1930er Jahren entfaltet – bis es schließlich Elisabeth Tworek vorbehalten war, den Autorennamen Christopher Isherwood zu nennen. Der Werktitel Goodbye to Berlin blieb unerraten – bzw. ihn zu nennen der Triumph des gut gelaunten Moderators.

Auch der zweite ‚Niemand‘ – angetreten mit einer Satire über Geschlechterdifferenzen und Rituale des Rasierens, mit Gusto vorgetragen von dem (bärtigen) Stefan Wilkening – kam Bruno Jonas und Andreas Trojan unmittelbar bekannt vor. Der Magister Ludi Pellegrino mußte sie spürbar bremsen, damit sie den Autor – einen Publizisten, Autor von Prosa, Gedichten und Dramen, der unter zahlreichen Pseudonymen, etwa Tiernamen, zeichnete – nicht sofort verrieten. Erst nach entsprechender Erheiterung und Bereicherung des Publikums fiel der Name: Kurt Tucholsky und der seines Werks Der Verspielte Mann.

Der Zitator des nemo-Abends: Stefan Wilkening

Der – bzw. die letzte – ‚Unbekannte‘ schickte Pellegrino mit einem spannenden Romanauszug ins Rennen, in dem Attentat auf eine prominente Person in einer englischen Stadtszenerie geplant wird. Hier konnte das Incognito erst nach längerem Durchleuchten des Textes und Herumüberlegen der Detektive sowie dank zahlreicher helfender Hinweise des Moderators gelüftet werden: Hilary Mantel mit einem Auszug aus ihrem neuen Buch Die Ermordung Magret Thatchers.

"Und nun sind Sie dran!"

Mit besonderer Freude betätigte sich das Publikum nicht nur applaudierend, sondern selbst als Detektiv: in den beiden Publikumsrätseln. Freilich hatte Pellegrino die versammelte Runde der Münchner Literatur-Insider ein weiteres Mal ein wenig unterschätzt. Denn kaum war ein längerer Gedichttext – in dem Flüsse „feistes Blut“ führen oder Frauen Körbe mit Eingeweiden tragen – verklungen, da flogen aus dem Publikum die Hände in die Höhe. Sofort erraten war nicht nur der Dichter Georg Trakl (und zwar von vielen Anwesenden) – das Lyrik Kabinett hat gerade im Oktober aus Anlass seines 100. Todestags den Band "Trakl und wir" veröffentlicht –, sondern das Mitglied des Lyrik Kabinetts Lydia Girlinger konnte sogar den genauen Titel des Gedichts benennen („Vorstadt im Föhn“) und erbot sich das Pendantgedicht dazu auswendig als Ergänzung zu rezitieren…

Nur die grause „Ballade vom Dackel Waldi“, in der sich Wilkening zu satirisch-dramatischer Höchstform entfesselte, blieb eine sehr lang ungeknackte Nuß. Erst als Pellegrino die Nasen des Publikums auf die Münchner Kneipenszene – das Café Giesing – hinstieß, wurde das Incognito gelüftet: Konstantin Wecker.

Danke schön

Das Lyrik Kabinett dankt den Fahndern, die uns mit Belesenheit und Humor einen weiteren erkenntnisreichen Abend beschert haben, zuvörderst diesmal Bruno Jonas, der das Publikum mit seinem breiten und analyseversierten literarischen Wissen sehr beeindruckte und mit seinem schönen Understatement für sich einnahm.

Vor allem aber danken wir dem phantasievollen Literaturkenner, ausgefuchsten Fährtenleger und meisterlichen Gesprächs-Jongleur Antonio Pellegrino für seine Idee und den Freunden vom Technik-Team des BR (Kirsten Böttcher, Frank Halbach und Kirsten Ermeler) für ihre perfekte Organisation!

Wir freuen uns schon jetzt auf nemo in 2015!

Für Ursula Haeusgen (Stifterin), Holger Pils (Geschäftsführung)
und das Team des Lyrik Kabinetts

Dr. Pia-Elisabeth Leuschner
(Stiftung Lyrik Kabinett)


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