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Zwischen Protestsong und Liedermaching Alte Revoluzzer und junge Wilde

Eben hat Konstantin Wecker seinen Siebzigsten begangen. Sein Mitstreiter Hannes Wader wird Ende Juni 75. Und Wolf Biermann feierte vergangenes Jahr seinen Achtzigsten. Die politischen Liedermacher alter Schule kommen in die Jahre. Doch es gibt auch Nachwuchs ...

Stand: 02.06.2017

Simon und Jan im Vereinsheim Schwabing | Bild: BR/Ralf Wilschewski

In die Jahre gekommen ...

Seit fast 50 Jahren singt Konstantin Wecker mit Herz, Hirn und Haltung für eine friedliche und gerechte Welt. Begonnen hat er Ende der Sechzigerjahre auf Kleinkunst- und Kabarettbühnen. Nun ist er siebzig geworden und die guten alten politischen Liedermacher kommen in die Jahre.

"Musik muss leidenschaftlich sein!"

Konstantin Wecker

Liedermacher 2.0

Doch es gibt sie, die Generation der Liedermacher 2.0 – eine Generation, die auf Humor statt auf Protest setzt, auf skurrile Texte statt auf den moralischen Zeigefinger und die ihre Kunstform gerne mit dem denglischen Wort "Liedermaching" bezeichnet, Der Stammvater des Liedermachings kommt vom Niederrhein: Funny van Dannen gilt für manch einen sogar als Deutschlands bester Songwriter. Er ist allerdings auch schon wieder fast sechzig.

Etwas jünger ist Reinald Grebe, Jahrgang 1971, der über seine Depression zum Lieder schreiben kam. Heute hat er längst alle Genregrenzen hinter sich gelassen, ist Theatermacher, Romanautor, Orchesterleiter und so etwas wie der Popstar unter den Musikkabarettisten.

"Bei mir war es wirklich Depression, so mit 16, 17, 18. Ich habe mich in den Keller verkrochen, da stand so ein Klavier rum und hab‘ angefangen eigene Lieder zu singen."

Reinald Grebe

Zwischen Unterhaltung und Hochkultur

Verschiedene Wege führen in die Kleinkunstszene. Viel Künstler sind zufällig oder quer ins Genre eingestiegen und kommen aus unterschiedlichen Sparten. Robert Alan aus Würzburg zum Beispiel wollte ursprünglich Rapper werden. Martin Zingsheim hatte vor, als seriöser Komponist sein Geld zu verdienen. Auch jede Menge anderer Musikkabarettisten ist bestens ausgebildet: Marco Tschirpke ist studierter Tonsetzer und Pianist, auch Bodo Wartke hat Klavier studiert. Mit seinen Aufritten tänzelt er auf dem schmalen Grat zwischen Unterhaltung und Hochkultur. Die Grenzen zum Musikkabarett sind fließend – obwohl nicht jeder satirische oder kritische Liedermacher gerne im Genre Musikkabarett verortet wird. Sebastian Krämer zum Beispiel:

"Kabarett ist ein Begriff, mit dem ich mich gar nicht besonders stark identifiziere. Vor allem hängt am Kabarett eine Form von Gesellschaftskritik, die viel damit zu tun hat, das Bestehende doch zu stärken, in dem man sich in der Art und Weise, wie man es geübt und gewohnt ist darüber beschwert [… ] Ich möchte Werke vorzeigen, die ihre Daseinsberechtigung aus sich selbst haben und nicht aus irgendwelchen tagespolitischen Anlässen und ich möchte auch etwas errichten, etwas aufbauen. Ich möchte nicht nur niederreißen. Kabarett ist oft sehr destruktiv."

Sebastian Krämer

Poetisch und unverkrampft witzig

Eher um leisere Töne geht es bei den Frauen. Kaum jemand singt so poetisch und zugleich so unverkrampft und witzig über die Liebe wie Dota Kehr. In ihren Liedern geht es um den Zeitgeist und die globale Ausbeutung, um Phantastisches und Alltägliches. Einst tingelte Dota Kehr als „Kleingeldprinzessin“ durch die Fußgängerzonen, mittlerweile hat sie ihr eigenes Plattenlabel gegründet: Kleingeldprinzessin Records. Dort veröffentlicht auch die gebürtige Ost-Berlinerin und Wahlschweizerin Uta Köbernick, die sich in bester alter Liedermachertradition bei den Montagsdemos zum Beispiel gegen Stuttgart 21 engagierte, was ihr manchmal den Ruf der (nur) Protestsängerin einbrachte.

"Meine Sachen sind sehr frei von Ironie und ohne Sarkasmus erzählt. Mir sind die Inhalte, über die ich singe sehr wichtig, wobei ich mich dabei auch selber nicht zu ernst nehmen will. Ich singe Lieder mit gesellschaftlichen Beobachtungen."

Dota Kehr

Die Liedermacher leben!

Auch in Österreich ist Liedermaching en vogue: Das Wiener Duo Christoph & Lollo hat seine Karriere mit Liedern über Skispringer begonnen und ist 2015 mit dem Radio-Kabarettpreis "Salzburger Stier" ausgezeichnet worden. Auch das Oldenburger Liedermacher-Duo Simon & Jan hat sich längst die Kabarett- und Kleinkunstbühnen erspielt, mit sanften Stimmen und bösen Texten. Simon & Jan beweisen, dass die Liedermacherei wieder oder immer noch publikumstauglich ist. Und sie bringen junge Zuschauer mit in die ansonsten doch eher überalterten Kleinkunstbühnen. Die lange tot gesagte Liedermacherei ist bunt und in Wirklichkeit quicklebendig und vielfältig.


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