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Im Rocky Mountaineer durch Kanada Wie nah kommt man der Natur im Luxuszug?

Gletscher und Wasserfälle, Schwarzbären und Seeadler - das alles kann man im Rocky Mountaineer beobachten, ganz komfortabel aus klimatisierten Panoramawagen. Aber wie nah kommt man der Wildnis dabei wirklich?

Von: Michael Marek

Stand: 09.11.2017

„All aboard!“, ruft der Zugbegleiter. Pünktlich um acht Uhr morgens verlässt der Rocky Mountaineer den Bahnhof von Jasper. Langsam setzen sich die schweren Eisenräder des legendären Zuges in Bewegung und wir rollen südwestlich in Richtung Vancouver.

Die Strecke verbindet drei landschaftliche Extreme: Es geht durch Gletscher-, Wüsten- und Regenwaldgebiete. Vorbei an dicht bewaldeten Hügeln und Bergen. Mal dunkelgrün, mal silbrig schimmernd: ein Paradies für Vögel wie dem Weißkopfseeadler, dessen Flügelspannweite bis zu 2,50 Meter betragen kann. Dann wieder geht es durch Hochtäler, in denen es sogar im Juni schneien kann. Oder durch wüstenartige Landschaft mit staubigen Böden, roten Felsen und niedrigem Buschwerk, wo im Sommer das Thermometer weit über 40 Grad steigt.

Spektakuläre Natur hinterm Panoramafenster

Wir aber werden diese Extreme der Rocky Mountains ganz komfortabel erleben - von unseren gemütlichen Sitzen aus, durch Panoramafenster hindurch. Eine Fahrt im Rocky Mountaineer bucht man wegen der spektakulären Natur, die draußen vorbeizieht. Aber wie nahe kann man der Natur überhaupt kommen - in einem rollenden Luxuszug? Das werden die nächsten zwei Tage zeigen.

Immerhin kündigen die Zugbegleiterinnen im dunkelblauen Hosenanzug schon mal an, was wir mit etwas Glück alles während der Fahrt an den Panoramafenstern sehen werden: Schwarzbären und Grizzlies, Fischadler, Elche, Wapitihirsche, Pumas und Luchse.

In jedem Waggon sind die Zugbegleiter per Funk miteinander verbunden. Sie haben einen Stöpsel im Ohr. Und wenn der erste Wagen an einem Schwarzbären vorbeifährt, informiert vorne der Mitarbeiter hinten seine Kollegen. “Look to the left side”, erschallt es dann urplötzlich in den übrigen Waggons. Ahs und Ohs wechseln im Großraumwagen einander unentwegt ab, Kameras und Fotohandys werden kollektiv gezückt: digitales Shooting für die private Fotosofashow zu Hause!

Der Zug als einziges Zeichen der Zivilisation

Eine Sache stört das Naturerlebnis allerdings immer wieder: Die Dieselelektromotoren der zwei Lokomotiven durchbrechen die Stille der Natur. 6.000 PS sind nötig, um den Rocky Mountaineer von über 1.000 Meter auf Meereshöhe herunterzubringen.

Dafür ist der Zug meist das einzige Zeichen der Zivilisation in dieser wunderbar urzeitlichen Landschaft - ohne Strommasten, bunte Werbeplakate und Autoschlangen. Der Rocky Mountaineer verkehrt alleine auf der meist eingleisigen Strecke. Nur an den Kreuzungspunkten der einzelnen Bahnstrecken sieht man Güterzüge der staatlichen Bahngesellschaft.

Bahnfahren mit „Kodak Speed“

Die Orte und Sehenswürdigkeiten tragen vielversprechende Namen wie Hell’s Gate, Boston Bar, Batchelor oder Blue River – gemächlich mit durchschnittlich 50 Stundenkilometern geht es entlang der 1.000 Kilometer langen Strecke. Die meisten Gäste sind dankbar für die neue Langsamkeit des Seins, die einer längst vergangenen Epoche entsprungen ist. Denn so können die Gäste mit ihren Digitalkameras aus allen Blickwinkeln die Landschaft oder historische Stätten fotografieren. „Kodak speed“ nennen das die Mitarbeiter der Zuges.

Die Rockys schrumpfen auf Smartphone-Format

Manche Gäste scheinen die Landschaft nur im Sucher wahrzunehmen und packen damit noch einen Filter zwischen sich und die Natur. Ist das nicht absurd? Da haben sie die größten Wasserfälle und schönsten Berge der kanadischen Rockies in all ihrer Pracht und drei Dimensionen vor sich und sehen sie doch wieder nur auf ganz kleinen, flachen Bildschirmen!

Zugmanagerin Natalie und ihre Kolleginnen erzählen während der Fahrt viele Anekdoten. Von dem Farmer, der im Sommer immer nackt arbeitete und auf die vorbeifahrenden Züge schoss, weil ihr Signalhorn seine Kühe krankmachte. Oder von den 23 Kamelen, die ein Unternehmer während des Goldrauschs ins Fraser Valley brachte, um die Schürfer mit Proviant zu versorgen. Weil ihre Hufe zu weich für das felsige Gelände waren, wurden sie schließlich in die Wildnis entlassen. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts sollen Reisende sie gesehen haben.

Hunderte Arbeiter starben beim Bau der Eisenbahn

Was für die Touristen heute eine hübsche Spazierfahrt ist, das war für die Ingenieure vor rund 130 Jahren ein Alptraum. Sie mussten eine Bahnstrecke durch die engen Täler der Rocky Mountains treiben, um den Osten und den Westen Kanadas zu verbinden. So hatte es der erste Premierminister Sir John A. Macdonald den Siedlern und Goldschürfern in British Columbia versprochen. Macdonald fürchtete, dass diese sich ansonsten den USA anschließen würden, die im Jahr 1867 Alaska den Russen abgekauft hatten.

Es waren vor allem chinesische Auswanderer, die die Eisenbahnschienen ab 1883 quer durch Kanada verlegt haben – von Toronto im Osten bis nach Vancouver, der Hafenmetropole im Westen. Die Bauarbeiten forderten einen hohen Tribut: Hunderte Arbeiter kamen bei der Plackerei ums Leben. Sie starben bei Unfällen oder an Seuchen.

Plötzlich taucht ein Bär neben der Strecke auf

Plötzlich Unruhe im Wagen: "Ein Bär, ein Bär!" ruft Natalie ins Mikrofon. Die Gäste im Speisewagen lassen ihr Besteck fallen und sind aufgeregt wie kleine Kinder. Hektisch greifen sie nach Digitalkameras, iPads, oder Smartphones, aber es ist zu spät. Ein Seufzen und Stöhnen geht durch den Waggon. Der Schwarzbär neben den Schienen ist schon verschwunden. Zumindest in dieser Beziehung ist die Fahrt im Rocky Mountaineer dann doch ganz ähnlich wie eine Wanderung oder jedes andere Naturerlebnis in einem Nationalpark: Alles ist planbar, nur die Wildnis nicht.

Zugunfälle? Sorry, Fehlanzeige! Seit dem Bestehen des Zuges habe es noch keinen einzigen Unfall gegeben, sagt Zugtechniker Maurice Murren. Verspätungen, ja, die kämen vor, aber nicht weil irgendeine Mechanik versage, sondern weil der Zug bei wichtigen Anlässen auch mal anhalte: Zum Beispiel wenn ein Fischadler auf einem alten Telegrafenmast neben dem Gleis seinen Nachwuchs füttert. Diese Art von Verspätung nehmen die Gäste gerne in Kauf.

Bevor es Telefone gab, waren die Telegrafen übrigens unentbehrlich für die Kommunikation mit den Zügen. Die Nachrichten wurden an Bahnmitarbeiter gemorst, die in Hütten nahe der Gleise wohnten. Die Männer notierten die Botschaften auf Papier und hefteten diese an die Telegrafen-Holzpfosten neben den Gleisen. Die vorbeifahrenden Lokführer reduzierten das Tempo, lehnten sich hinaus und rissen die Zettel ab.

Natur nur „sehen“ statt wirklich „erleben“

Die Reise geht ihrem Ende zu. Nach zwei Tagen “Kodak Speed” sind unsere Kameras voller Bilder und unsere Speicherkarten im Kopf voller Erinnerungen an beeindruckende Landschaften in Cinemascope. Und irgendwie passt der Vergleich mit dem Kino auch. Denn wir haben die Natur der Rockies tatsächlich vor allem “gesehen” - durch die Panoramafenster, durch unsere Kamerasucher und von unseren bequemen Polstersitzen aus. Aber um die Natur hier tatsächlich hautnah zu “erleben”, müssten wir doch nochmal umdrehen, zurück in die Berge fahren und einfach loswandern, Kanu fahren, Zelten, auf der Karten nach Orientierung suchen, verschwitzt und durchnässt vom Wetter – all das ohne Klimaanlage und Drei-Gänge-Menu im Bordrestaurant. Doch da tauchen schon die grünen Vororte von Vancouver auf.

Alle Beiträge zur Sendung:

  • Im Rocky Mountaineer durch Kanada. Wie nah kommt man der Natur im Luxuszug? Von Michael Marek
  • Der rote Blitz. In der Holzklasse durch Mallorca. Von Margot Litten
  • Zug fahren, wo andere hinfliegen. München-London - mit dem Zug! Von Claudia Decker

Die Songs der Sendung

  • The Dead South: In Hell I’ll be in good Company
  • Axel Krygier: Serpentea el tren

Moderation: Bärbel Wossagk

Die komplette Sendung ist im Download-Center nachzuhören.


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