Bayern 2 - radioReisen


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Cultural Farm in Favara Kulturexplosion in Siziliens hässlichster Stadt

Arm, grau und hässlich - bis vor kurzem war die Stadt Favara im Süden Siziliens nur bekannt für Mafia und Arbeitslosigkeit. Dann hatte ein mutiges Paar genug von der Tristesse: Florinda Saieva und Andrea Bartoli haben eine kreative Bombe einschlagen lassen.

Stand: 28.03.2017

Wenn Italiener an das kleine Städtchen Favara im sizilianischen Hinterland denken, dann fällt ihnen zuerst der große Mafiaboss Gerlandino Messina ein, der sich hier lange vor den Carabinieri versteckt hat. Dazu steht steht Favara im Schatten ihrer Nachbarstadt Agrigent. Agrigent ist näher an der Küste, Agrigent hat bessere Jobs. Nach Agrigent fahren die Einheimischen zum Ausgehen und die Touristen wegen der Tempel. Nach Favara will keiner. Als wir in Favara ankommen, dämmert es schon. Je weiter wir in die Stadt  hineinfahren, desto hässlicher wird sie. Links und rechts graue Wohnblöcke mit bröckelnden Fassaden, ein Haus gleicht dem anderen, kein Grün, nirgends.

Eine Kunst-Kommune verändert die Stadt Favara

Wir erreichen die kleine Seitengasse, in der unser Bed & Breakfast sein soll. Sie wirkt düster, irgendwie sowjetisch. Kein Mensch ist zu sehen. Bis ein hinkender alter Mann ums Eck kommt, unser Gastgeber Piedro. Er begrüßt uns und trägt eilig unsere Koffer ins Haus, als wollte er, dass wir schnell von der Straße kommen. Die Wohnung ist einladend und modern eingerichtet. Unsere Gastgeber Maria und Piedro kümmern sich rührend. Auf die Idee, in Favara ein Bed & Breakfast zu eröffnen, wären sie bis vor ein paar Jahren nie gekommen. Aber dann hat hier in der Stadt ein neuer Ort aufgemacht, der inzwischen Leute aus der ganzen Welt anzieht, Gäste wie uns. Neugierig machen wir uns auf die Viertelstunde Weg durch die Nacht. Links und rechts leere Schaufenster, überall Schilder: "Haus zu verkaufen", "Wohnung zu verkaufen". Die Gehwege sind extrem schmal. Die Autos rasen rücksichtslos an uns vorbei. Ich habe schon fast keine Lust mehr, weiter durch Favara zu irren, da taucht links von uns eine Bar auf.

Tristesse trifft Kunst

Junge Leute sitzen draußen auf kleinen Hockern und trinken Wein. Wir stolpern in einen Innenhof: Noch mehr Menschen, eine Cocktailbar, eine Pizzeria, und laute Musik. Aber vor allem: Kunst. Die Wände sind mit Monstern bemalt, Holzbalken bilden eine riesige geometrische Installation. Eine Wand ist blau angestrichen wie eine Mülltonne. Darauf Putins Gesicht und der Spruch “Put-in-trash”. Das ist der Ort, wegen dem alle kommen, das ist die "Cultural Farm" - im Gegensatz zum Rest von Favara schon fast ein Kulturschock. Dass es ausgerechnet hier, ausgerechnet so einen Ort gibt, das kam so.

Ein Ehepaar mit Leidenschaft für Kunst und Architektur

Florinda Seiva ist um die 40, sie trägt kurze braune Haare und ein gestreiftes Polohemd. Sie und ihr Mann Andrea Bartoli sind in Favara geboren und aufgewachsen. Aber irgendwann halten sie die hohe Arbeitslosigkeit, die fehlenden Perspektiven für junge Leute einfach nicht mehr aus. Bei jeder Gelegenheit ergreifen sie die Flucht. Florinda und Andrea sind sich einig: Sie sind es leid, für Kultur und Inspiration immer nach Paris, London oder Rom zu fahren.

"Ich habe lange als Anwältin gearbeitet. Mein Mann und ich waren viel unterwegs, in Italien und Frankreich. Als meine ältere Tochter Carla drei Jahre alt wurde, mussten wir eine Entscheidung treffen, wo wir leben wollen. Wir haben damals überlegt nach Paris zu gehen."

Florinda Saieva

Nach Paris gehen, das hätte bedeutet, in einer echten Metropole zu leben, mit Kultur, Karrierechancen und guter Bildung für die Kinder. Aber auch: Die Heimatstadt zu verlassen. Florinda und Andrea bleiben, aber sie wollten Dinge ändern, damit ihre Töchter eine bessere Zukunft haben. "Also haben wir uns überlegt, dass wir all unsere kreativen, kulturellen und ökonomischen Ressourcen und unsere Leidenschaft zu investieren - für zeitgenössische Kunst." Das war 2010. Im selben Jahr wird der Mafiaboss Gerlandino Messina endlich gefasst. In einem Bunker spüren ihn die italienischen Polizisten auf. Vielleicht ein Zufall, aber 2010 wagen Florinda und Andrea ihren Neuanfang: Sie gründen die Cultural Farm. Die beiden kaufen ein paar leerstehende Häuser im halbverlassenen Stadtzentrum. Sie beginnen, sie zu renovieren und einzurichten. Sie buchen Künstler, setzen eine Webseite auf und laden Leute ein. Es kam alles eher intuitiv, erinnert sich Florinda, einen Plan gab es nicht. "Unser Interesse für Kunst kommt aus unseren Familien.Man Schwager ist ein großer Kunstsammler. Er hat in Calgary, Wales studiert und war von da an besessen. Meine Leidenschaft habe ich von meinem Vater. Er ist Bauherr, deshalb interessiere ich mich schon immer für Architektur. Andrea und ich haben unsere Interessen zusammengelegt."

Die Cultural Farm ist vielfältig

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Es gibt einen Kunst- und Designladen. In den Obergeschossen wohnen zeitweise Künstler - kostenlos. Es gibt einen riesigen grünen Teegarten, mit Terrassen, weinbewachsenen Wänden und gemütlichen Bänken unter Bäumen. Die braucht es, denn in der Mittagssonne rettet sich hier jeder von einer Schatteninsel zur nächsten. Das Herzstück der Cultural Farm sind die Ausstellungräume. In einem Bereich stellt Vlady aus. Er ist ein sizilianischer street artist. Wir stehen vor einer groß ausgedruckten Fotografie von Vlady. Der Times Square in New York, viele Touristen, dazwischen ein rotes Schild. Darauf steht: "Just to spoil your picture" - also etwa: "Nur, um Dein Bild zu versauen". Vlady hat versucht, den wahren Wert einer Fotografie zu verstehen, an einem Ort, an dem sehr viele Menschen sind und tausendmal das gleiche Foto schießen. Hier kommen all die Touristen nicht drum herum, auch sein rotes Schild zu fotografieren.

Künstler spenden Werke

Im ersten Stock hämmern drei Männer an einem Holzgerüst. Sie bauen ein kleines Haus ins große Haus. Es wird Teil der Architekturschule. Hier sollen Kinder an Baustile und Konstruktion herangeführt werden. Früher haben in Favara nur alte Leute gewohnt. Es gab keine Möglichkeiten, eine Arbeit zu finden. Langsam aber verändert sich die Stadt. Die Cultural Farm wurde 2016 schon auf der Architektur-Biennale in Venedig vorgestellt, und 2015 auf der EXPO in Mailand. Künstler aus der ganzen Welt spenden ihre Werke. Der Modefotograf Terry Richardson und der italienische Architekt Fabio Novembre zum Beispiel. Noch kommen zwar nur etwa 20 Touristen pro Monat, aber Florinda denkt schon an einen Ausbau: "Wir müssen uns überlegen, wie wir die Cultural Farm profitabel machen. Wir haben noch kaum Einnahmen, bis auf die Eintrittsgelder bei ein paar Ausstellungen, die Bar und den Laden", sie lacht. "Ok, wir haben glücklicherweise nicht so viele Ausgaben."

Swimmingpool im Teegarten

"Leck mich"

Wie lange Florinda Saieva und Andrea Bartoli noch durchhalten, ohne mehr Geld einzunehmen, wissen sie nicht. Andrea arbeitet parallel als Notar, um die Familie zu ernähren. Die Großeltern kümmern sich um die Kinder, wenn Florinda auf den Baustellen mithilft. Zugegeben: Die Cultural Farm ist nur ein winziger Teil Favaras. Auch wenn alle Bürger Favaras ihre "Farm” lieben gelernt haben, wird sie allein die Wirtschaft der Stadt nicht wiederbeleben können. Trotzdem setzt die Cultural Farm ein Zeichen: Florinda und Andrea haben nicht auf Finanzierung von außen gewartet, sie haben einfach losgelegt, "do it yourself" in Reinform. Vielleicht ist deswegen der knallrote Swimmingpool im Teegarten das am meisten fotografierte Werk in der Cultural Farm. Darin steht in weißen Buchstaben “Suca” geschrieben, was auf Deutsch in etwa so viel heißt wie: "Leck mich".

Alle Beiträge zur Sendung:

  • Puppenspieler auf Sizilien: Die marionetten kämpfen um ihr Publikum. Von Manfred Schuchmann
  • Circumetnea auf Sizilien: Mit der Schmalspurbahn rund um den Ätna. Von Andreas Pehl
  • Cultural farm in Favara: Kulturexplosion in Siziliens hässlichster Stadt. Von Caroline von Eichhorn

Die Songs der Sendung

  • Roy Paci & Aretuska - E’ Troppo Tardi
  • Pippo Polina & Giorgio Conte - Mare mare mare

Moderation: Bärbel Wossagk

Die komplette Sendung ist im Download-Center nachzuhören.


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