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Die Wiedergeburt von Kalymnos Wie Kletterer eine Insel bereichern

Karge Felsen und keine Strände. Die Einwohner der griechischen Insel Kalymnos hatten lange nur eine Wahl: Schwammtaucher werden oder auswandern. Doch dann entdeckten Kletterer die Insel - und über Nacht wurde alles besser.

Von: Georg Bayerle

Stand: 19.10.2017

Masouri ist ein kleines Dorf an der Westküste von Kalymnos. Der "Mini Market" der Familie Mamouzellou ist wirklich mini. Und eine Drehscheibe. Jeden Morgen kaufen hier junge Leute Proviant und tauschen sich aus. Hausgemachte Teigtaschen und Gebäck sind die Spezialität im Laden. Der Markt gehört Yannis Mamouzellou. Früher hätte er von seinem Laden nicht leben können, denn da kamen einfach nicht genug Besucher nach Kalymnos.

Nackte Felsinsel mit kargen Bergkämmen

Wie viele hier auf der Insel musste Yannis Mamouzellou lange zur See fahren, um Geld zu verdienen. Zehn Brüder und fünf Schwestern hat er, zwei sind nach Australien ausgewandert, fünf in die USA. Familiengeschichten wie die von Yannis gibt es viele auf Kalymnos. Viele Bewohner haben die kargen Felsen weg getrieben. Denn früher gab es zum Auswandern nur eine Alternative: gelbbraune Schwämme.

Früher: die Insel der Schwammfischer

Früher gab es hundert Schiffe, die zum Schwammtauchen ausgelaufen sind, heute gibt es noch fünf. Wo früher einmal 150 Männer mit dem Taucherhelm bis in knapp hundert Metern Tiefe gearbeitet haben, sind es heute gerade noch zehn. Die junge Generation mag es nicht mehr machen. Es ist eine harte Arbeit und gefährlich außerdem. Das Geschäft läuft mittelmäßig, aber es reicht zum Leben.

Heute: die Insel der Kletterer

Wenn die Nachmittagssonne schräg in die Felsgewölbe der "Grande Grotta" über Masouri einfällt, entstehen die spektakulären Bilder von Kletterern, die überhängend am Fels zu kleben scheinen direkt über dem Meer. Manche der Routen erreichen Höchstschwierigkeiten im 10. und 11. Grad. Andere Abschnitte wie Spartan Wall oder Kastelli, einem malerisch auf eine kleine Halbinsel gesetzte Felsstufe, eignen sich auch für Sportkletter-Anfänger. Die Vielfalt ist schier unerschöpflich, sie reicht von blockigen Felsstufen über Höhlen mit stalagmitenartigen Zapfen bis zu glatten Wänden mit winzigen Fingerlöchern und Felsschuppen.

Von den neuen Besuchern profitieren auch die Fischer von Kalymnos. Am Hafen in Pothia wurde neben den Tavernen, kleinen Hotels, den Kirchen und Souvenirständen eine mittelgroße Lagerhalle renoviert. Wenn die Kutter mit dem frischen Fang anlanden, verarbeiten die Frauen und Familienangehörigen alles, was nicht unmittelbar verkauft wird, auf die alte Weise. Kalamari, Sardinen, Thunfisch, Makrelen und Schwertfisch werden nach der traditionellen Art geräuchert, eingekocht und eingelegt, so, wie es die Frauen aus der Vergangenheit noch kennen. Mit Thymian, in Olivenöl oder in der Tinte der Kalamari. Die alten Rezepte, die früher die einzige Chance waren, den Fang haltbar zu machen, gelten jetzt als besondere Delikatesse. Und: auch die Kletterer lieben sie. Vielleicht, passen sie auch deshalb so gut zur Insel. Sie suchen die Natürlichkeit, den Kontakt zu den Menschen, die kleinen Unterkünfte und Tavernen – alles so, wie es auf Kalymnos aus Not geblieben ist, weil die Insel keine tollen Strände hatte, und der Massentourismus an ihr vorbeigezogen ist.

Kalymnos und Kairos

So ist die Geschichte von Kalymnos auch ein Beispiel dafür, dass man den richtigen Moment abpassen muss. “Kairos” nannte man in der Antike den “günstigen Augenblick”. In der griechischen Mythologie gab es dafür sogar eine eigene Gottheit. Und diesen Kairos haben die Menschen in Kalymnos wirklich erwischt. Die Hotelburgen, Bausünden, die Ausbeutung der Natur und der Ausverkauf der eigenen Kultur - alles was im frühen Tourismusboom so oft falsch lief - das ist glücklicherweise an der Insel vorbeigegangen. Aber als die Kletterer kamen, da haben die Einheimischen ihre Chance ergriffen. Kalymnos, das karge, felsige Eiland ist steinreich geworden – in einem übertragenen, besonderen Sinn.

Die Beiträge der Sendung

  • Die Wiedergeburt von Kalymnos: Wie Kletterer die Insel bereichern. Von Georg Bayerle
  • Unterwegs mit der Fährlinie 40: Neue Route durch Stockholms Schären. Von Klaus Betz
  • Ometepe im Nicaraguasee: Eine Insel mit zwei Vulkanen. Von Erika Harzer und Kalle Staymann

Die Songs der Sendung

  • Panayotis Kalantzopoulos - Uranya she's gone to Athens
  • Jose Gonzales - What Will

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Moderation: Bärbel Wossagk


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