Bayern 2 - radioReisen


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Reise in den Dschungel von Surinam Wo die Sklaven Zuflucht suchten

Ihre Vorfahren flohen einst vor der brutalen Behandlung auf den Plantagen tief in den Dschungel von Surinam. Dort konnten die Maroons ihre ganz eigene, afrikanische Kultur erhalten. Wie kommen sie mit der Moderne zurecht?

Von: Harald Schmid

Stand: 20.09.2017

Rund um die Maroons ranken sich in der Karibik und in Südamerika viele Mythen und Legenden. Der Name kommt vom spanischen Cimarrón, was so viel bedeutet wie "verwildertes Tier“. Denn die Sklaven wurden damals von den Kolonialherren rechtlich wie Haustiere behandelt. In Surinam, an der Nordostküste Südamerikas, leben heute immer noch viele Maroons in abgeschiedenen Dörfern – mehr als 150 Jahre nach Ende der Sklaverei. Wer zu den Maroons will, der muss tief hinein in den Dschungel. Raus aus der Hauptstadt Paramaribo, weg von der eh schon dünn besiedelten Küste. Dorthin, wo es nur wenige Straßen gibt und irgendwann gar keine mehr, wo man nur noch mit dem Boot hinkommt. Aber wie abgeschieden ist ihr Leben heute noch, wo jeder Fleck der Erde kartographiert und touristisch erschlossen ist?

Erste Station auf dieser Suche ist Bergendal. Knapp 90 Kilometer von Paramaribo entfernt im Landesinneren. Bergendal war früher eine Art Außenposten, eine Plantage auf einer Lichtung im Dschungel am Surinam River. Gezähmt durch eine große Staumauer am Brokopondo-See fließt er heute träge nach Norden in Richtung Atlantik.

Früher war Bergendal der letzte Außenposten der Zivilisation

Schon aus den Jahren um 1680 gibt es Berichte über eine Plantage an dieser Stelle. Eine von mehreren hundert zur Blütezeit der Landwirtschaft in Surinam. Damals im 17. und 18. Jahrhundert wurden geschätzte 300.000 afrikanische Sklaven als Arbeitskräfte ins Land gebracht. Auf Bergendal begann der niederländische Gouverneur mit dem Anbau von Zuckerrohr. Das Grab des Plantagengründers wird langsam vom Dschungel überwuchert.

Von den Plantagen am Oberlauf des Surinam River waren schon lange vor dem offiziellen Ende der Sklaverei 1863 zahlreiche Sklaven in den Dschungel geflohen. Sie wollten der harten Zwangsarbeit und den brutalen Strafen entkommen. Im Schutz des dichten Regenwalds und eines Gewirrs an kleinen Flüssen gründeten sie erste Siedlungen.

Irgendwann geht es nur noch per Boot weiter

Die echte Natur beginnt spätestens in Atjoni, einem kleinen Dorf auf der Südseite des großen Brokopondo-Stausees. Etwa 500 Einwohner, ein paar Supermärkte und Kneipen, ein kleiner Hafen. Ungefähr 20 der typischen Langboote warten auf Passagiere. Denn in Atjoni endet die Straße von der Küste. Ab hier geht es nur noch auf dem Wasser weiter – flussaufwärts, immer weiter hinein in den Regenwald.

Schon bald tauchen links und rechts am Ufer die ersten Maroon-Siedlungen auf: Aurora, Pikin Slee, Botopassie. Und nach knapp zwei Stunden auch endlich unser Ziel: Dan. Das Dorf wirkt wie ausgestorben. Es ist früher Nachmittag. Die Männer sind noch auf den Feldern, die die Maroons damals dem Dschungel abgerungen haben.

Die Stille wird nur von einem kratzenden Geräusch gestört. Auf einem Brett mit Nägeln reibt eine junge Frau in T-Shirt und einem dreieckigen bestickten Tuch um die Lende Maniokwurzeln - oder wie man hier sagt, Cassava - zu einem weißen Brei.

Kaloina Kwadjani spricht Niederländisch und Saaramaka. Der Creole-Dialekt heißt wie der Stamm, zu dem die etwa 250 Menschen im Dorf gehören. Die Saaramaka sind eine von sechs Maroon-Gruppen in Surinam. Und selbst hier, mitten im Regenwald, hat sich ihr Leben gerade in den letzten vielleicht 20 Jahren ziemlich verändert, erzählt Canel Kwadjani, der Häuptling im Dorf, der Captain: "Bis vor kurzem hat Geld hier noch keine große Rolle gespielt. Die Menschen haben sich gegenseitig geholfen und sich Dinge dafür gegeben oder getauscht." Heute frage jeder zuerst nach Geld.

Zahnpasta, Rum und zwei Handys als Insignien der Macht

Captain Canel ist 78 Jahre alt. Auch er heißt mit Nachnamen Kwadjani – wie das halbe Dorf. Zum Gespräch hat der Captain auf dem Tisch vor sich Zahnpasta, Shampoo und Parfumflacons aufgebaut. Dazu eine Flasche Rum und zwei Handys. Als wären das die Insignien seiner Macht.  In einigen Maroon-Dörfern hat sich mittlerweile der christliche Glaube durchgesetzt, in anderen - wie auch in Dan - halten die Menschen an Naturreligionen fest. Vielehe ist normal. Die meisten Männer haben mehr als eine Frau.

Am meisten Sorgen machen dem Captain die illegalen Goldsucher. Immer tiefer graben sie sich in den Regenwald hinein. Seitdem der Bauxitabbau in Surinam weitgehend ruht, boomt das Geschäft mit Gold. Er werde niemanden erlauben, hier nach Gold zu suchen, sagt Canel Kwadjani: "All das verunreinigt doch nur den Fluss. Gerade die Goldsuche. Auf diese Weise werden wir unseren Dschungel verlieren." Er wolle nur Geschäfte erlauben, an denen auch die Maroons etwas verdienen und die ihre Natur nicht kaputt machten. "Wir brauchen die Natur hier trotzdem zum Überleben."

Am Schluss des Gesprächs erinnert uns Captain Canel Kwadjani ganz direkt daran, dass wir uns nicht ohne eine kleine Spende aus seinem Dorf verabschieden sollten.

Wir verlassen Dan unter dem Eindruck, dass sich hier gerade etwas verändert. Auf der einen Seite, leben die Maroons immer noch vor allem von dem, was im Dschungel wächst. Und auch alte Kleidervorschriften haben in veränderter Form überlebt. Aber inzwischen ist selbst ein kleines Örtchen wie Dan per Schnellboot in fünf, sechs Stunden von der Hauptstadt Paramaribo aus zu erreichen. Zumindest an einigen Stellen am Surinam River gibt es Handy-Empfang. Und den Tourismus, der sich hier ganz langsam entwickelt, nutzen die Maroons geschickt als Einnahmequelle - tief drin im Dschungel von Surinam.

Alle Beiträge der Sendung

  • Die Ruta del Che in Bolivien - Auf den Spuren der letzten Tage Che Guevaras. Von Tom Noga
  • Die Nachfahren geflohener Sklaven - Eine Reise zu den Maroons im Dschungel Surinams. Von Harald Schmid
  • Spurensuche in Ecuador - Wo der Panama-Hut wirklich herkommt. Von Thomas Becker

Alle Songs der Sendung

  • Jorge Drexler - Al Otro Lado del Rio
  • Sabrina Starke - Second Class Woman

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Moderation: Bärbel Wossagk


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