Bayern 2 - radioReisen


8

Von Manaus nach Belem Amazonas-Kreuzfahrt per Linienfähre

Auf dem Amazonas gibt es sie noch: Alte, bunt bemalte Seelenverkäufer, die im Linienverkehr die 1600 Kilometer von Manaus bis nach Belem an der Mündung des Stroms fahren. Ein echtes Abenteuer. Harald Schmid hat es für die RadioReisen gemacht.

Stand: 23.08.2017

Manaus, Mittwochvormittag gegen 11. Die "Amazon Star" macht schon einmal auf sich aufmerksam. Dicht eingeklemmt liegt sie zwischen vielen anderen Schiffen an einem von drei Anlegestegen, die von einer großen Sandbank aus in den Fluss ragen. Das ist der Passagierhafen in Manaus. In einer Stunde soll die "Amazon Star" ablegen. Vier Tage wird ihre Reise dann dauern bis Belem. Vier Tage vom Herz des Amazonas-Beckens bis zur Mündung am Atlantik. Noch stehe ich auf der Sandbank bei Jones Ferrera, der irgendwie seinen alten Kombi hier hin rangiert hat. Zwei große Boxen dröhnen aus dem Kofferraum. Hier, wo alle vorbeimüssen zu den Schiffen, ist der ideale Platz für den besten Straßenmusiker von Manaus.

Auch in den kleinen Bretterbuden läuft das Geschäft bestens. Säfte und Süßigkeiten sind gefragt, Groschenromane, Spielzeug und "Lanches", wie die Brasilianer sagen - verpackte Mahlzeiten. Von dieser Sandbank aus fahren jeden Tag mehr als 30 Schiffe in die entlegensten Winkel des Bundesstaates Amazonas. Träger balancieren Pakete, Matratzen und Paletten voller Bier über den Steg. Oben auf der Brücke der "Amazon Star" ist Kapitän Vanderlon Leao Pereira bereit zum Ablegen. "Unser Schiff ist noch bestens in Schuss," strahlt er. Die Stahlfähre ist 14 Jahre alt und gehört schon optisch zum moderneren Teil der Amazonasflotte, die hier liegt. Noch immer verkehren alte Holzschiffe auf Strecken bis sechs oder acht Stunden. "Längere Reisen erlauben die Hafenbehörden nicht mehr," sagt Pereira.

306 Passagiere an Bord

Mit drei Decks hat unser Schiff etwa die Größe eines Ausflugsdampfers auf Rhein oder Donau. Oben gibt es ein paar einfache fensterlose Kabinen. Fünf Quadratmeter mit Doppelstockpritsche, Dusche und Toilette für umgerechnet 300 Euro die vier Tage bis Belem. Deutlich preiswerter ist das mittlere Deck. Dieses Deck ist zu den Seiten offen. Hier reiht sich Hängematte an Hängematte: Gelbe, orange, blaue, grüne und buntgestreifte Hängematten sind dicht an dicht an der Decke festgeknotet. Darunter haben die Leute ihre Taschen abgestellt, darüber hängen noch Rettungswesten an der Decke und Kleider und Tücher baumeln zum Trocknen im Fahrtwind. Mir kommt es jetzt schon extrem eng vor, obwohl das Schiff heute halbleer ist. Selbst ganz unten zwischen der Fracht haben einige ihr Lager aufgeschlagen.

"Nur wenn man rechtzeitig an Bord ist, bekommt man einen guten Platz," Lucimar Machado kennt sich aus. Er ist 61 Jahre alt und fährt die Strecke jedes Jahr, im Gepäck: Seine eigene Hängematte. Nach einer Stunde Fahrt kommen wir an den Zusammenfluss von Rio Negro mit seinem dunklen Wasser und von dem schlammig-braunen Rio Solimoes. Solimoes heißt der Amazonas zwischen der Grenze zu Peru und Manaus offiziell. Hinten auf dem Oberdeck treffen sich die ersten Passagiere am kleinen Kiosk.

Ein Flussbad an Deck

Hier stehen auch acht Duschen. Jeden Nachmittag laufen sie drei Stunden durchgehend. Vor allem die Kinder an Bord freuen sich und vergnüngen sich unter der milchkaffeebraunen Brühe. Kapitän Leao Pereira sieht meinen fragenden Blick: "Das Bade- und Duschwasser ist aus dem Fluss. Aber zum Essen zubereiten nehmen wir natürlich Mineralwasser." An Bord ist einfach nicht genug Platz, um Duschwasser für alle Passagiere mitzunehmen. "Aber das Flusswasser ist sauber, es hat sich noch keiner beschwert."

Die Stimmung an Bord ist auch viel zu entspannt für irgendwelche Klagen. Auch wer nur bis Santarem fährt, hat noch rund 36 Stunden Nichtstun vor sich. Zeit spielt keine Rolle. Der Fluss ist hier noch bis zu fünf Kilometer breit. Die "Amazon Star" fährt in der Mitte. Sie weicht nur aus, wenn ein großes Seeschiff entgegenkommt: Container- oder Sojafrachter auf dem Weg nach Manaus. Spätabends kommt der erste Stopp. Das Städtchen Itacotiará ist aber so klein, dass es keinen Anlegesteg hat. Zwei Motorboote bringen ein paar neue Passagiere und Gepäck. Viele Reisende liegen schon in den Hängematten und versuchen, das ewige Brummen des Schiffsmotors einfach zu ignorieren.

Mais uma cerveja - noch ein Bier

Das Schiffshorn kennt keine Gnade. Obwohl am Vorabend der Hinweis aus den Lautsprechern auf das kulunarische Angebot zum Feiern eingeladen hat: Mais uma verveja - noch ein Bier. Es ist Donnerstagfrüh kurz nach sieben. Parintins heißt die nächste Station. Die Stadt auf einer riesigen Insel im Amazonas ist bekannt für ihr buntes indigenes Folklore-Festival immer in der letzten Juni-Woche. Aus ganz Brasilien strömen die Menschen dann hierher. Heute aber wollen nur wenige aussteigen und eigentlich wäre der Stopp in 20 Minuten erledigt, stünden da nicht zwei Männer mit ihren chromblitzenden Quads am Kai. Große Aufregung, denn die Hafenmauer ist zu hoch. Wie kommen die schweren vierrädrigen Geländemotorräder jetzt an Bord? Es wird probiert und diskutiert. Am Ende wuchten ein paar starke Männer die beiden Quads doch noch aufs Schiff. Sie gehören Emerson Alves Andrade und seinem Vater. Die beiden haben einen Ausflug geplant.

Dichter Regenwald, viele Abzweigungen

Noch etwa acht Stunden bis Santarem. Dort legt das Schiff über Nacht eine Pause ein. Direkt vor der Stadt mündet der mächtige Tapajos in den Amazonas. Der Strom wird so breit, dass die Ufer nicht mehr zu sehen sind. Am nächsten Tag dauert es aber nur ein paar Stunden, bis sich die Landschaft komplett verändert. Keine weiten gerodeten Flächen mehr. Stattdessen wird es grüner und enger. Immer mehr Seitenarme zweigen links und rechts ab in den dichten Regenwald. Einer sieht aus wie der andere. Der Hauptstrom ist kaum noch zu erkennen. Jetzt ist die Reise auch für den Kapitän nicht mehr ganz so entspannt: "Du siehst ja, hier gibt es so viele Abzweigungen in alle Richtungen. Und noch ein Flüsschen. Und noch eines. Das ist hochkompliziert auch wenn wir Seekarten haben. Aber es gibt Momente, da ist die Erfahrung einfach wichtiger."

Während der Reise wechseln sich der Kapitän und sein Vize ab, immer abwechselnd sechs Stunden Dienst, sechs Stunden Pause. Auf Dauer gehe das in die Knochen, sagt Kapitän Pereira. "Morgen früh um 10 kommen wir in Belem an. Dann ruhe ich mich erst einmal ein bisschen aus."

106 Stunden flussaufwärts gegen den Strom, 69 Stunden flussabwärts, zwei Mal im Monat

Am Ende sind es etwas mehr als 72 Stunden reine Fahrzeit bis die „Amazon Star“ dann am Sonntagvormittag endlich vor dem neuen Hafengebäude von Belem festmacht. Jetzt kann es vielen nicht schnell genug gehen. Die inzwischen fast 500 Passagiere drängeln sich die beiden Treppen hinunter zum Ausgang. Jeder will jetzt der Erste sein. Jetzt ist Kapitän Leao Pereira ganz entspannt. Immerhin einen Tag hat er nun wirklich Pause. Dann wird schon wieder beladen. Und am Mittwoch geht's zurück nach Manaus.

 

Alle Beiträge der Sendung

  • Unterwegs mit schlechtem Umwelt-Gewissen - Wie sauber ist eine Antarktis-Kreuzfahrt? Von Michael Marek
  • Wenn der Windgott schlechte Laune hat - Über den Atlantik mit dem Segelboot. Von Mechthild Müser
  • Von Manaus nach Belem Amazonas-Kreuzfahrt per Linienfähre. Von Harald Schmid

Die Songs der Sendung

  • Cesaria Evora - Avenida Marginal
  • Maria Rita - Agora Só Falto Você

Die ganze Sendung ist im Download-Center abrufbar.

Moderation: Bärbel Wossagk


8