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Spurensuche auf La Réunion Der tragische Pionier der Vanille

Ein Sklaven-Junge von La Réunion entdeckte als erster, wie man Vanille künstlich bestäuben kann. Damit erfand Edmond Albius die moderne Bourbon-Vanille. Auf seiner Heimatinsel wird er dafür heute verehrt - doch das war zu seinen Lebzeiten ganz anders.

Von: Till Ottlitz

Stand: 26.10.2017

Vanille ist das zweitteuerste Gewürz der Welt nach Safran. Und wenn es echte Vanille ist, dann steht auf der Packung oft “Bourbon-Vanille”. Dieser Name leitet sich von einer kleinen Insel im Indischen Ozean ab, von der ab ungefähr 1850 tonnenweise Vanille nach Europa strömte. Dort gelang es zum ersten Mal, Vanille in großen Mengen auf Plantagen anzubauen. Die Insel hieß damals Île Bourbon und dieser Name wurde zum Synonym für gute Vanille. Die ehemalige französische Kolonie ist heute als Überseedepartement immer noch fester Teil Frankreichs. Und auch wenn die Île Bourbon heute La Réunion heißt, die Bezeichnung “Bourbon-Vanille” hat sich gehalten

Ich habe mich aufgemacht in die Heimat der echten Bourbon-Vanille, nach La Réunion. Ich wollte herausfinden, warum ausgerechnet diese kleine Insel früher den Vanillemarkt auf der ganzen Welt dominiert hat. Und dabei bin ich auf die Geschichte eines kleinen Jungen gestoßen, dem wir die Vanillekipferl zu Weihnachten genauso verdanken wie billige Vanilla-Coke. Aber der Reihe nach.

Man sieht die Vanille vor lauter Bäumen nicht

Meine Spurensuche beginnt im Süden von Réunion, im Bergwald über Sainte-Rose. Hier liegt die "Plantation Vanilla Bourbon" von Maryse Mounier. Sie bietet täglich Führungen durch ihre Plantage an – aber auf den ersten Blick sieht man die Vanille-Pflanzungen gar nicht. Eine Dreiviertelstunde lang klettert unsere kleine Besuchergruppe über Wurzeln, wir ducken uns unter Ästen durch, auf denen Bromelien und Farne wuchern, horchen auf Vögel, die weit oben in den Wipfeln sitzen. Es dauert, bis ich in dieser grünen Hölle überhaupt die Vanille-Ranken erkenne.

 "Vor zehn Jahren, als ich hierhergekommen bin, gab es hier noch keine Plantage", erzählt Maryse. "Das war reiner Primärwald. Der musste ausgedünnt werden, um 20 bis 30 Prozent Licht durchzulassen.“ Denn auch wenn die Plantage nach wildem Urwald aussieht, die Vanille-Pflanzen sind anspruchsvoll: Sie brauchen 2 Meter Regen pro Quadratmeter im Jahr, möchten es immer zwischen 17 und 25 Grad warm haben, sie brauchen Schatten, um zu wachsen, aber doch etwas Licht, um zu blühen. Vanille ist eben eine Orchidee – die einzige Orchideenart übrigens, die essbar ist. Alle Plantagen hier auf Réunion liegen im Wald, wo die Vanille an ganz normalen Bäumen hochrankt - so wie bei uns Efeu.

Jede Vanille-Blüte wird einzeln, von Hand befruchtet

Maryse Mounier betreibt die "Plantation Vanilla Bourbon" quasi als Eine-Frau-Unternehmen. Sie hat das ganze Jahr über viel zu tun: die Plantage in Schuss halten, die grünen Vanilleschoten ernten, sie zu schwarzer Gewürz-Vanille veredeln, verpacken und verkaufen -  aber vor all dem steht der arbeitsintensivste und heikelste Handgriff: Maryse muss jede einzelne Vanilleblüte von Hand befruchten. "Jede Blüte ergibt nur eine Schote", erklärt sie. "Und sie blüht nur am Morgen, ab Mittag schließt sich die Blüte schon wieder. Deshalb schlafe ich hier in der Plantage und fange schon bei Sonnenaufgang an, um möglichst viele Blüten zu befruchten." Zwar braucht Maryse für jede Blüte nur wenige Sekunden, aber da die Vanille-Pflanzen im Wald wild verstreut sind, muss sie während der Blütezeit von November bis Januar jeden Morgen durch ihren Wald kraxeln. Aber Maryse liebt ihre Arbeit: "Ich brauche den Wald einfach - die Ruhe, die Natur. Das gibt mir Energie und Kraft."

Stellt sich die Frage: Warum Maryse Mounier - und übrigens auch alle anderen Vanillebauern auf Réunion - die Blüten per Hand befruchten müssen. Die Antwort: Vanille kommt eigentlich aus Mexiko. Dort bestäubt eine kleine Bienenart die Blüten. Die Bienen auf Réunion sind einfach zu groß für die feinen Vanilleblüten. Aber das weiß niemand, als die ersten Vanille-Stecklinge im frühen 19. Jahrhundert nach La Réunion gebracht werden. Alles was man damals weiß: Irgendwas funktioniert nicht richtig.

Ein kleiner Junge lüftet das Geheimnis der Vanille

Und hier geht unsere Geschichte eigentlich erst richtig los. Denn: Wie die künstliche Befruchtung der Vanille entdeckt wurde, ist eine Story, die viel über menschliche Erfindungsgabe erzählt, aber auch darüber, wie wenig Dank Erfinder oft für ihre Entdeckungen bekommen. Sie führt uns zurück in das dunkle Kapitel der Sklaverei auf La Réunion. Und sie beginnt mit einem kleinen Jungen namens Edmond Albius.

Sainte-Suzanne, der Geburtsort von Edmond Albius, ist ein kleiner Ort im Norden von La Réunion. Von der Nationalstraße führt eine lange Palmenallee zu einem perfekt restaurierten, alten Plantagenhaus mit breiter Veranda. Drinnen sitzen Frauen an Holzpulten und sortieren Vanille-Schoten nach Länge. Das Gebäude gehört zu "La Vanilleraie" - dem Herzensprojekt von Bertrand Côme. Er verfeinert hier die Vanille von ausgesuchten Plantagen zu besonders aromatischer Bourbon-Vanille. Man kann die Schoten hier direkt kaufen, aber auch Vanille-Pulver, flüssiges Extrakt oder aromatisierten Rum. Bertrand will in Zukunft verschiedene Vanille-Sorten anbieten. Sein Vorbild ist der Weinbau, denn je nach "terroir", nach Lage, ist auch das Aroma von Vanille leicht anders, je nachdem in welcher Höhe und auf welchem Boden sie gezogen wurde.

Wo Vanille wie Wein veredelt wird

Aber das liegt noch in der Zukunft. Zuerst erzählt Bertrand von den Anfängen der Vanille auf Réunion: "Um 1819 kommen die ersten Vanille-Stecklinge nach Réunion. Damals hatte Mexiko noch das Monopol." Dieses Monopol will Frankreich unbedingt brechen. Und zuerst schaut es vielversprechend aus. Die Stecklinge wachsen auf La Réunion gut an, klettern in die Höhe, treiben wunderschöne Blüten. Aber alle Blüten verdorren. Sie bilden keine Schoten. Zwanzig frustrierende Jahre geht das so, in denen sich Plantagen-Besitzer und Botaniker bemühen, hinter das Geheimnis der Befruchtung von Vanille zu kommen.

Aber schließlich kommt doch jemand dahinter - und zwar kein diplomierter Botaniker und kein reicher Kolonialherr. Sondern Edmond Albius, ein 12-jähriger Junge. "Edmond Albius war ein Sklave, seine Mutter war bei der Geburt gestorben, und sein Herr, ein Plantagenbesitzer und Botaniker, hat ihn so ein bißchen unter seine Fittiche genommen", erzählt Bertrand. Albius habe gesehen, wie sein Herr immer wieder daran gescheitert war, Vanille-Blüten von Hand zu befruchten. Aber als aufmerksamem Beobachter ist ihm aufgefallen, dass es ein kleines Häutchen zwischen weiblichen und männlichen Organen gibt. "Er hat ein bisschen rumprobiert und hat so die richtige Methode gefunden", sagt Bertrand.

Noch heute wird die Methode von Edmond Albius überall auf der Welt exakt so angewendet. Aber man muss schon dafür begabt sein, meint Bertrand Côme: "Das ist wie mit der Musik - entweder Sie haben die Gabe oder eben nicht. Früher haben das vor allem Frauen gemacht. Wir nennen sie auch die "Verheiraterinnen", weil sie die Vanille-Blüte quasi verheiraten."

Ein übles Gerücht

Edmond Albius hat die Gabe. Anfangs wird er gefeiert. Er reist auf alle Plantagen der Umgebung und zeigt seine Methode. Durch sie kann Réunion endlich das Vanille-Monopol Mexikos brechen und wird bald zum größten Vanille-Produzenten der Welt. Die Plantagen-Besitzer machen riesige Gewinne. Doch mit dem Erfolg kommen die Neider. Vor allem der Chefbotaniker der staatlichen Gärten in der Inselhauptstadt St. Denis nimmt Anstoß daran, dass ausgerechnet ein Sklavenjunge hinter das Geheimnis der künstlichen Befruchtung gekommen ist.

"Er hat ein Gerücht in die Welt gesetzt, das sich bis heute hält, obwohl es völlig falsch ist", sagt Bertrand. Das Gerücht: Albius wäre wütend auf seinen Herrn gewesen und hätte die Vanilleblüten im Zorn zerstören wollen. Dabei habe er sie "zufällig" bestäubt. Damit wird aus einer bewussten Erfindung ein unwillkürlicher Akt, ein Zufallstreffer. Sein Herr erklärt zwar in einem Brief an Freunde, wie es wirklich war, trotzdem wird das Gerücht zur allgemein akzeptierten Version des Geschehens.

Man nimmt Edmond Albius die Urheberschaft an seiner Erfindung. Doch das ist noch nicht das Schlimmste. Erst 1848, mit 19 Jahren, wird er ein freier Mann, als Frankreich die Sklaverei offiziell abschafft. Aber auch danach bekommt Edmond Albius keinen Dank für seine Erfindung. Er verlässt die Plantage, schlägt sich als Tagelöhner in der Inselhauptstadt durch. Wegen eines kleinen Diebstahls wird er zu drei Jahren schwerer Zwangsarbeit verurteilt. Nach seiner Entlassung kehrt als einfacher Arbeiter auf die Plantage seines ehemaligen Herren zurück. Da stirbt er dann auch 1880 im Alter von 51 Jahren - völlig verarmt. 

Späte Anerkennung für Edmond Albius

"Die Ironie ist, dass er noch nichtmal ein Grab mit seinem Namen bekommt", erzählt Bertrand. Edmond Albius wird in einem Massengrab der Gemeinde bestattet. "Das ist doch unglaublich! Ohne ihn hätte sich die Wirtschaft der Insel nie so entwickelt". Erst heute, mehr als hundert Jahre nach seinem Tod, beginnt man Edmond Albius für seine Entdeckung zu feiern: Die Gemeinde Sainte Suzanne hat vor einigen Jahren eine Statue von ihm aufgestellt - die erste Statue auf La Réunion, die einem Sklaven gewidmet ist - und an seinem Todestag wird jedes Jahr das Fest der Vanille gefeiert.

Die Beiträge der Sendung

  • Spurensuche auf La Réunion: Der tragische Pionier der Vanille. Von Till Ottlitz
  • Olivenernte in Griechenland: Himmlisches Öl, schlecht vermarktet. Von Leonie Thim
  • Safran-Anbau in La Mancha: Eine Fiesta für den Safran. Von Marion Trutter

Die Songs der Sendung

  • René Lacaille: Pondaurat
  • Imam Baildi: De thelo pia na xanarthis

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Moderation: Bärbel Wossagk


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