Bayern 2 - radioFeature


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Wer an Zukunft glaubt, hat keine 5 gefühlte Wahrheiten gegen unser schlechtes Gewissen

Müll sortieren, Bio kaufen, fleischlos ernähren: Reine Verzweiflungstaten oder bringen uns diese strategische Überlegungen wirklich eine bessere Zukunft?

Von: Ralf Homann

Stand: 30.09.2017

Wir trennen den Müll im Glauben, unseren Enkeln einen sauberen Planeten zu hinterlassen. Dass die Bundesregierung den Kauf von Elektroautos fördert und insgesamt eine Milliarde investiert, stimmt uns optimistisch: Nun wird der Straßenverkehr doch noch unabhängig vom Öl. Wer und was macht uns glauben, dass auch das Fortbewegungsmittel der Zukunft das Auto sein wird und muss? Wieso wird die Milliarde nicht in die Bahn investiert? Wie viel lassen wir uns den Glauben kosten, dass die Zukunft die Verlängerung der Gegenwart sein wird? Mit welchen Erzählungen erhalten wir uns die Idee einer Zukunft, die ein nötiges radikales Umdenken im Hier und Jetzt verhindert?

Müll: Ich recycle doch!

Auf der einen Seite sonnt sich Deutschland gerne im Selbstverständnis die führende Abfallsortier-Nation zu sein, oder gar World Recycling Champion. Auf der anderen Seite ist Deutschland, um im System der Höchstleistung zu bleiben, auch Europameister, was die Menge des Verpackungsmülls betrifft. Hinter dem vielen Recycling steckt eben auch viel Müll. Wer also glaubt, den Müll zu trennen, um seinen Enkeln einen sauberen Planeten zu hinterlassen, sitzt gleich einem doppelten Irrglauben auf. Wer tatsächlich weniger Müll will, muss ihn vermeiden, nicht trennen.

Fleischlose Ernährung: Ich rette Tiere und bin gesund!

Tatsächlich ernähren sich nur etwa 800.000 Menschen hierzulande vegan, also lediglich ein Prozent der Bevölkerung, so der Vegetarierbund Deutschland. Im besten Fall wird der Boom in den Supermärkten von Teilzeit-VeganerInnen bestimmt. Sie glauben, der Verzicht auf Fleisch sei gut für die Gesundheit. Ein doppelter Logikfehler: Das Naturprodukt Fleisch wird durch industrielle Fertignahrung ersetzt und eine Bewegung, die ursprünglich zur selbstlosen Verbesserung der Gesellschaft antrat, dient nun der Selbstoptimierung Einzelner.

Die Tafel: Ich helfe Bedürftigen!

Immer mehr ehrenamtliche Tafeln reichen die Lebensmittel-Abfälle der Überfluss-Gesellschaft an Bedürftige weiter. Kleiderkammern verteilen aus der Mode gefallene Stücke. Warum goutieren wir dieses "Wachstum" der Almosenindustrie, das tatsächlich einen dramatischen Schwund von Sozialstaat und Demokratie bedeutet? Mit den Spenden wird zum einen das eigene Gewissen beruhigt. Zum anderen jedoch die Idee einer Zukunft aufrechterhalten, die ein radikales Umdenken in der Gegenwart unnötig macht. Solange es Almosen-Tische für Arme gibt, müssen Reiche sich weder einschränken, noch höhere Steuern für einen funktionierenden Sozialstaat akzeptieren.

Muh: Es gibt doch Milch von glücklichen Kühen!

Die Vorstellung: Die Milch kommt von glücklichen Kühen, die auf einer Weide stehen. Doch die Realität schaut anders aus. Nur 42 Prozent der Milchkühe wissen was eine Weide ist. Bei Herden über 100 Tieren sinkt die Weidetierhaltung sogar auf ein Drittel: Nur 33 Prozent der Milchkühe dürfen sich unter unserem Himmel frei bewegen. Gerade dort, wo Landwirtschaft zur Tradition gehört, die Bauernhöfe also idyllisch in der Mitte der Dörfer zu finden sind, bleiben die Tiere im Stall, weil sie auf Grund des Verkehrs nicht mehr auf die Weide getrieben werden können. Viele glückliche Kühe - das heißt entweder weniger Autofahren oder mehr Soja-Milch trinken.

Überall Bio: Wirklich?

Der Faktencheck: Der Anteil von Bio-Produkten am gesamten Lebensmittel-Markt beträgt nicht einmal fünf Prozent. 95 Prozent sind also Nicht-Bio-Produkte. Das passt auch viel besser zur Struktur der deutschen Agrarindustrie: Etwa 90 Prozent der Landwirtschaft betreibt gar keinen Ökolandbau. Außerdem ist der Konsum von Bioprodukten gar nicht nötig, allein ihr Angebot erfüllt den Zweck. Bioprodukte stehen für Verantwortung, nachhaltige Wirtschaftsweise und damit für das Versprechen auf Zukunft: Ein echter Imagegewinn.

Redaktion: Katja Huber
Regie: Alex Distler
Produktion: BR 2017

Autor

Ralf Homann arbeitet seit 1989 als Autor überwiegend für den Bayerischen Rundfunk. Er studierte Rechtswissenschaften und Bildhauerei in München; anschließend Gastaufenthalte in Florenz, Weimar, Stockholm, New York und Bangalore. Für seine Arbeiten wurde er mehrfach ausgezeichnet u.a. 2016 mit dem Medienpreis Mittelstand für sein Feature "Das Taxi macht keinen Stich mehr…"

Hier können Sie das Manuskript herunterladen:

Wer an Zukunft glaubt, hat keine Format: PDF Größe: 567,39 KB


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