Geschichte einer Ermittlung "Als ob ich noch einmal vergewaltigt würde"
Eigentlich will Annika B. das schreckliche Erlebnis nur so schnell wie möglich vergessen. Dann erstattet sie doch Anzeige. Damit beginnt, was die junge Frau ihre "zweite Vergewaltigung" nennt.
Annika B. ist von ihrem Nachbarn vergewaltigt worden. Noch am selben Abend sucht sie Hilfe beim Frauennotruf München. Am nächsten Tag geht sie zur Frauenärztin, die sie untersucht und alles dokumentiert. Auf deren dringenden Rat zeigt Annika B. ihren Nachbar an. Sie glaubt, in einen Schonraum zu gelangen, wo man behutsam mit ihr umgehen werde. Doch es kommt alles ganz anders: "Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, ich wäre nicht zur Polizei gegangen", sagt Annika B.heute.
Infografik
Schon das Gespräch mit der Frauenärztin war ihr schwer gefallen - obwohl die Ärztin sehr behutsam mit ihr umgegangen ist. Als Annika B. es eine Woche später endlich schafft, die Vergewaltigung bei der Polizei anzuzeigen, bittet sie darum, mit einer Polizistin zu sprechen: "Aus dem Nebenzimmer der Dienststelle habe ich nur gehört, wie einer sagt: 'Wie fertig ist sie denn, muss da eine Frau kommen?'" Kurz darauf sitzt sie zwei Polizisten gegenüber, zwei Männern. In der Vernehmung fühlt sie sich von den Fragen der Polizisten bedrängt, erlebt die traumatische Erfahrung noch ein mal.
Unangenehm, aber wichtig
Dieses "Bohren", das Fragen nach scheinbar noch so nebensächlichen Details, sei deshalb so wichtig, weil die strafrechtliche Relevanz der Tat herausgearbeitet werden müsse, sagt Kriminalhauptkommissar Rainer Samietz, Leiter des Kommissariats 15 in München. Seine Dienststelle bearbeitet Sexualdelikte aller Art.
"Eine sexuelle Beleidigung, zum Beispiel Betatschen, ist ein relativ geringes Delikt, kann aber für das Opfer schon sehr gravierend sein. So ein Betatschen kann schnell in eine sexuelle Nötigung übergehen, wenn der Täter das Opfer festhält, während es sich wehrt. Und dann kommt es zur absoluten Steigerung, eben der Vergewaltigung."
Kriminalhauptkommissar Rainer Samietz
Man müsse schon intensiv nachfragen, um beurteilen zu können, was genau vorgefallen ist, sagt Samietz. Es sei ihm bewusst, dass solche Befragungen für das Opfer äußerst unangenehm seien, aber es gehe leider nicht anders. Annika B. macht den Beamten auch keinen Vorwurf: "Die müssen ja rausfinden, ob ich lüge oder nicht." Ihr wäre es aber lieber gewesen, wenn sie nur Frauen befragt hätten: "Weil eine Befragung durch Männer einfach viel schlimmer ist, mögen die noch so nett sein."
Telefon-Hotlines in Bayern
Frauennotruf
Der Frauennotruf München hilft in verschiedensten Notsituationen: Etwa bei Vergewaltigung, Missbrauch, sexueller Belästigung am Arbeitsplatz oder wenn man als Kind sexuell missbraucht wurde. Neben telefonischer Beratung in akuten Krisensituationen bietet der Frauennotruf Begleitung bei Arztbesuchen, zur Polizei und Gerichtsverfahren an und berät bei der Frage, ob Anzeige erstattet werden sollte.
Nottelefon: 089 / 76 37 37
Frauenhilfe
Die Frauenhilfe München berät bei allen Formen von Gewalt gegen Frauen – auch vom eigenen Partner, Ehemann oder Freund. Neben dem 24-Stunden-Nottelefon gibt es dienstags von 16 bis 18 Uhr eine offene Sprechstunde.
Nottelefon: 089 / 354 83 0
Hilfe für Frauen in Not e.V.
Der Verein "Hilfe für Frauen in Not e.V." in Nürnberg wurde im Jahre 1977 gegründet und ist Träger des örtlichen Frauenhauses und der Beratungsstelle. Der Verein hilft unter anderem in akuten Krisensituationen und bei der Bewältigung von Missbrauchserfahrungen.
Nottelefon: 0911 / 333915
Beratung für Jungen und Männer
Für Jungen und Männer gibt es kaum Beratungsangebote bei sexuellem Missbrauch. "Kibs", die "Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle" möchte diese Lücke schließen. Sie informiert und berät Jungen und junge Männer zwischen 0 und 21 Jahren sowohl online als auch telefonisch. Zweimal die Woche ist eine Hotline besetzt: montags von 11 bis 14 Uhr und mittwochs von 12 bis 15 Uhr. In den übrigen Zeiten können Betroffene auf einen Anrufbeantworter sprechen und erhalten werktags innerhalb von spätestens 24 Stunden eine Antwort.
Telefonnummer: 089 / 23 17 16 9120
Unerwünschte Post
Dass weibliche Vergewaltigungsopfer immer nur von Beamtinnen vernommen werden, sei in der Praxis kaum möglich, sagt Samietz: "Ich hab eine Dienststelle mit rund 25 Mitarbeitern, davon sind knapp die Hälfte Frauen, das heißt, ich habe nicht immer genug Frauen zur Verfügung, die ich für so was bräuchte."
Radio-Tipp
Nach der Anzeige ihres Vergewaltigers hat Annika B. das Gefühl, eine zweite Vergewaltigung zu durchleben: Bohrende Fragen, entwürdigende Untersuchungen. "Es weiß ja kaum einer, was bei so einem Verfahren alles dranhängt", sagt das Opfer. Es möchte, dass die Menschen erfahren, worüber sonst Schweigen herrscht und spricht mit der Journalistin Claudia Decker. Diese rekonstruiert den Fall im Gespräch mit dem Frauennotruf, der Frauenärztin sowie Mitarbeitern von Staatsanwaltschaft und Polizei. Annika B. heißt in Wirklichkeit anders, für die Sendung ist ihre Stimme verzerrt worden.
Als ob ich noch einmal vergewaltigt würde. Die Geschichte einer Ermittlung
radioFeature von Claudia Decker
Samstag, 11.2.2012, 13.05 Uhr
Sonntag, 12.2.2012, 21.03 Uhr (Wh.)
Bayern 2
Wochenlang lebt Annika B. Tür an Tür mit ihrem Vergewaltiger, erst nach mehr als sechs Wochen wird er verhaftet. Bis der Täter schließlich vor Gericht steht, wird Annika B. mehrmals vernommen. Eine Aussage vor Gericht bleibt ihr letztendlich erspart, denn der Täter gesteht die Vergewaltigung und wird zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und zehn Monaten verurteilt. Annika B. will einfach nur abschließen mit der Sache. Doch dann erhält sie ein Päckchen von der Staatsanwaltschaft. Darin: der sperma- und blutverschmierte Slip und das Bettlaken, auf dem sie nach der Vergewaltigung gesessen war. Es ist üblich, dass nach Abschluss von Gerichtsverfahren die Eigentümer ihre Beweismittel einfach zurückgeschickt bekommen. Ob sie die überhaupt noch brauchen oder haben wollen, danach fragt normalerweise niemand.
"Nochmal damit konfrontiert zu werden, dem Geruch und so, das war schrecklich. Da war ich dann richtig wütend und dachte: Die haben ja gar kein Gefühl!"
Annika B., Vergewaltigungsopfer

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