Das süße Kraut Stevia Der Coup mit dem Indianerzucker
Stevia ist süß, greift die Zähne nicht an, hat keine Kalorien - und hat damit das Zeug zum Verkaufsschlager. Das Kraut stammt aus Paraguay. Mit etwas Marketing hätten die Latinos damit den europäischen Markt erobern können.
Stevia soll bis zu 300 mal süßer sein als Zucker. Schon die Guaraní-Indianer verfeinerten ihren Matetee mit ihrer "Ka´á He´é" - dem süßen Kraut Stevia Rebaudiana Bertoni, so der exakte Name. 1989 hat der argentinische Landwirt Marcelo Vancsik damit begonnen, Stevia anzubauen und zu verkaufen - schon damals mit riesigen Schwierigkeiten. Heute steht seine Fabrik leer, in den Hallen schwebt Staub. "Seit zwei Jahren versuchen wir, für den Stevia-Konsum zu werben, denn ich bin davon überzeugt, dass es dafür einen Markt gibt", sagt der Geschäftsmann. Leider unterstütze die Regierung in Buenos Aires nur die Agro-Multis wie Cargill und Monsanto. Dabei bräuchten gerade die Kleinbauern dringend Subventionen, um neue Felder anzulegen.
Limonaden, Cocktails und Latte Macchiato
Die Amerikaner ziehen an den Latinos vorbei. Bis 2008 war der Indianerzucker dort verboten, seit der Zulassung hat sich der Konsum von Stevia-Süßstoffen aber vervielfacht: Softdrinks werden mit Stevia gesüßt, Ingwer-Cocktails oder Cola. Der Getränke-Riese Coca-Cola verwendet Stevia-Süßstoff in "Sprite Green"-Limonaden. Die upper class hält die Stevia für "schick", und wer es sich in Hollywood leisten kann, greift zu dem – etwas teureren – "Indianerzucker". Es ist eine Frage der Zeit, bis ihn die Ökos und Schicki Mickis vom Prenzlauer Berg und aus Schwabing in ihren Latte Macchiato streuen werden.
Stevia statt Marihuana
Ursprünglich stammt das Wunderkraut aus Paraguay, wo die Pflanze auch wild wächst. Die Menschen benutzen Stevia als Süßstoff und in der Medizin. "Wir wollen ihren Anbau massiv erweitern", kündigt der paraguayische Präsident Fernando Lugo an. Dort, wo künftig Stevia wachsen soll, sind derzeit Marihuanafelder. Sie bringen gutes Geld, der Schmuggel blüht. Aber die Regieurng steht unter Druck, die Bauern sollen umsatteln. Allerdings gilt es als unwahrscheinlich, dass künftig viel paraguayische Stevia importiert wird. Denn die Europäische Union erforscht seit Jahren, ob die Pflanze in Griechenland, Italien, Portugal und Spanien angebaut werden kann.
Die Pläne liegen in der Schublade
Stevia braucht ähnliche klimatische Bedingungen wie Tabak, die Regionen müssen frostfrei sein. Da die Subventionen für die südeuropäischen Tabakbauern demnächst auslaufen und der Tabakmarkt rückläufig ist - was läge da näher als das Stevia-Kraut aus Paraguay? Maschinen und Know-how haben die Bauern schon. Es könnte also sein, dass auf den Feldern der europäischen Tabakbauern künftig Stevia angebaut wird, womöglich in Monokultur - mit Kunstdüngern und Spritzmitteln, damit die Kosten niedrig und die Gewinne hoch ausfallen. Dann würden aber die südamerikanischen Campesinos und ihre Genossenschaften leer ausgehen.
"Es ist eine Tragödie. Wir nutzen die Blätter des Süßkrauts als Medizin, bei Diabetes, und wir süßen unseren Tee damit. Aber uns fehlt das Wissen, um Stevia im großen Maßstab anzubauen. Dafür bräuchten wir Bewässerung, aber davon träumt die Landbevölkerung nur. Und wir wissen nicht, welche Patente im Umlauf sind, und inwieweit wir diese Patente respektieren müssen."
Julia Franco von der Bewegung der paraguayanischen Kleinbauern
Ungerechtes Patentrecht
Die seit Jahrhunderten bekannte Stevia an sich ist nicht zu patentieren, jeder darf sie anbauen und verkaufen. Die meisten Stevia-Patente halten bisher die Asiaten. Die bisherige Erfahrung – etwa bei der patentierten Gensoja – lehrt, dass die Verfahren geringfügig verändert werden können und dann das Patent nicht mehr greift. Das gültige internationale Patentrecht sei ungerecht, meint die Entwicklungshelferin Gioia Weber aus der Schweiz: "Außerdem hat es das Agrarministerium in Paraguay verschlafen, sich um die Stevia als ur-paraguayische Pflanze zu kümmern und darum zu kämpfen, dass sie als ein Produkt aus Paraguay auf den Weltmarkt kommt. Stattdessen hat man sich Patente unter der Nase wegschnappen zu lassen." Somit gehen diejenigen, die seit Jahrhunderten das Kraut gehegt und um seine heilende Wirkung gewusst haben, leer aus: die Latinos.

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