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Skitourismus Neuschnee? Nein danke!

Skitourismus ist Big Business und hat mit Natur nicht mehr viel am Hut. Millioneninvestitionen in Lifte, Gondeln und Beschneiungsanlagen, die auch im Hochsommer funktionieren. Neuschnee stört da nur.

Stand: 13.01.2012
Schneekanone vor Gondel | Bild: picture-alliance/dpa

Sölden im Tiroler Ötztal zum Beispiel investierte 35 Millionen Euro in die neue Gaislachkogelbahn, dazu 50 Millionen Euro in Beschneiung. 250 Schneekanonen lassen Kunstschnee auf die schmelzenden Gletscher schneien. Der Lohn: 100-prozentige Schneesicherheit und 2,2 Millionen Gäste-Übernachtungen im Jahr, die Wien beinahe in den Schatten stellen.

Ungebremster Erweiterungsdrang

Der größte Konkurrent, Ischgl im Paznauntal, fällt nicht weit ab. Mit zwei Millionen Besuchern pro Winter macht der Skiort überwiegend durch Nachtleben und Open-Air-Konzerte auf 2.500 Metern Höhe von sich reden. Über 200 Pistenkilometer sind offenbar nicht genug - auch der Piz Val Gronda soll erschlossen werden und vier neue Pisten beisteuern. Naturschützer protestieren - bislang erfolgreich.

Nicht anders die Situation im Nachbarland Schweiz. 2003 haben Naturschützer eine aufwendige Erhebung durchgeführt. 2,2 Milliarden Euro waren schon damals für den Ausbau des Skizirkus vorgesehen.

"Selbstmord auf Raten"

"Man darf das nicht alles verteufeln, das ist ja die Grundlage für fast alle Leute im Tal", sagt Jakob "Jack" Falkner, Geschäftsführer der Söldener Bergbahnen. Aber brauchen 3.500 Söldener wirklich 16.500 Gästebetten zum wirtschaftlichen Überleben? Was ist nötig, um eine gesunde Struktur zu erhalten?

Sölden, das ist "Porno Alpin", hält der Söldener Bergbauer und Alpenkulturforscher Hans Haid dagegen. Ein "Selbstmord auf Raten. Das ist für mich die Mutation des Älplers, weil hier die Infrastruktur den Einheimischen gehört", klagt der Tiroler. "Umso mehr könnten sie Verantwortung tragen für die Zukunft."

Alpine Kultur als globale Lösung

Die alpine Kultur mit ihren gewachsenen, dem Gebirge angepassten Strukturen könnte wichtige Orientierung liefern für die globale Welt mit wachsender Bevölkerung und knapper werdenden Ressourcen.

Die Bergbauernkultur war eigentlich immer schon eine Kultur, die mit dem Mangel und dem Respekt vor der Natur leben musste. Der ökologischen Stabilität verpflichtet, ausgerichtet an der Regenerationsfähigkeit der Vegetationsdecke, dem Wasserhaushalt, dem Bodenschutz. Eine Kultur schließlich, die um die labilen ökologischen Verhältnisse weiß.

Öko-Schnee?

Kunstschnee entstehe doch auf ganz natürliche Weise, erklärt Christophe Mutillod von der Gemeindeverwaltung von Les Gets in Hochsavoyen: "Das ist nur Wasser, Luft und Elektrizität: Man gibt das im April zurück, wenn der Schnee schmilzt."

Dabei verbraucht die alpine Beschneiungsindustrie in etwa die Wassermenge Münchens und den Strombedarf Nürnbergs. Bewässerungsteiche weren in den Berg gegraben, kilometerweit Versorgungssleitungen verlegt, Pumpenhäuser gebaut. Die Pistenindustrie, an der Elektrizitätswerke oft direkt beteiligt sind, treibt auch die weitere Stromproduktion an. Alpenweit sind die ökonomischen Kräfte einer inzwischen perfekten Industriemaschinerie entfesselt.

"Weißes Gold aus vollen Rohren"

Auf der Zugspitze soll ein 800 Meter langer Skitunnel auf die österreichische Seite führen - wo die Ehrwalder gern eine neue Bahn bauen würden. Im Raum Bad Tölz erhitzen sich die Gemüter an einem neuen Speicherteich für die Beschneiung am Brauneck. Er soll so groß wie zwei Fußballfelder werden. Im Kleinwalsertal haben Pläne für neue Bahnen eine Protestbewegung hervorgerufen.

November 2010: Ein halber Meter Neuschnee fällt am Fellhorn im Allgäu. Trotzdem läuft die Saisonvorbereitung wie geplant. 100 Schneekanonen blasen drei Tage lang 200.000 Kubikmeter Wasser in Form von Kunstschnee ins Skigebiet. "Weißes Gold aus vollen Rohren" heißt die Devise. Den Naturschnee würden die Skifahrer nur zusammenfahren, die Buckel würden die Carver stören, der Skigenuss könnte gefährdet sein.