Das Biotop unserer Geräuschemacher ist vollgepackt mit Instrumenten, rätselhaften Objekten, verschiebbaren Wänden ...
Geräuschemacher Die Kunst des Knarzens
Wenn sie laufen sollen, bleiben sie sitzen. Wenn sie sich den Arm brechen, denken sie an Sellerie. Geräuschemacher von Kino und Radio sind ein seltsames Völkchen mit einem Arbeitsplatz voller Brummkreisel und Sandsäckchen.
Max Bauer sitzt aufrecht auf einem Stuhl. Nur seine Füße rennen wie losgelöst vom Körper in abgeschabten Lederschuhen aus den 30er-Jahren über eine Steinplatte. Rastlos stampft der rechte Fuß voran, die Hände streichen über den Körper. Max Bauer windet sich, als hätte er Schmerzen.
Vorne flimmert eine Leinwand, über die der Schauspieler Tobias Moretti hetzt, der einen Schauspieler spielt. Moretti ist der Ferdinand Marian im Kinofilm "Jud Süß". Max Bauer ist der Klang der Schritte von Marian. Max Bauer ist Geräuschemacher.
Der mit den Händen tanzt
Geräuschemacher, Tongestalter: Berufe, von denen man wenig hört. Doch ohne sie würde man im Kino außer Stimmengewirr gar nichts hören. Kaum ein Film kommt mit den Geräuschen aus, die die Schauspieler am Set produzieren. Bauer erklärt das am Beispiel einer Szene, bei der in einem vollen Wirtshaus eine Schublade aufgezogen wird. "Die Schublade ist groß im Bild. Große Schublade - lautes Geräusch. In Wirklichkeit wird das Schubladenschieben vom Stimmengemurmel verschluckt. Im Kino würde es fehlen." Der Geräuschemacher macht das Sichtbare hörbar. Und greift dafür tief in die Trickkiste.
Im Sitzen gehen gehört dazu, jedenfalls in Europa - die Amerikaner machen ihre Sounds im Stehen, was dynamischer, aber weniger exakt ist. Tanzen mit den Händen geht auch: Wenn die paar Dutzend Schuhe, die zu Bauers Berufskleidung gehören, nicht passen, hat er noch einige Säckchen mit Sand, Steinen und Puddingpulver in petto, die bei Verfolgungsjagden in schwierigem Gelände beste Dienste leisten.
Hals- und Selleriebruch!
Max Bauers Lehrmeister zählt zu den Göttern des Klangdesigns: Mel Kutbay, Gründer des Münchner Meloton Studios. In der Türkei arbeitete Kutbay als Synchronsprecher. In den 60er-Jahren besuchte er einen Freund in Deutschland - zwei Wochen, aus denen 45 Jahre geworden sind. Halb durch Zufall kam er zur Nachvertonung von TV-Serien wie "Sun Set Strip" und zahllosen Werbespots - und entdeckte an sich ein beinahe unheimliches Gefühl für Geräusche. Wer vor ihm hätte geahnt, dass brechende Selleriestangen so klingen wie brechende Knochen? Dass das Abreißen eines Klebstreifens von der Haut, überlaut abgespielt, dem kraftvollen Biss in einen Apfel gleicht?
Kokospferde und künstliche Brüllaffen
Neu ist der Beruf von Kutbay und Bauer nicht. Schon Quellen aus dem 1. Jahrhundert vor Christus berichten von einem Techniker namens Heron von Alexandria, der die Amphitheater mit hydraulisch heulenden Windmaschinen ausstattete. In der Barockzeit waren "Donnerbleche" hinter der Bühne Standard: Sturm und Gewitter standen für die Schicksalsmächte, denen die Protagonisten ausgeliefert sind.
Eine wahre Krachinflation brachte dann das 20. Jahrhundert mit den neuen Medien Kino und Radio. Ein gewisser S. de Serk verfasste 1914 ein Handbuch mit hunderten Anweisungen für Geräuschemacher im Stummfilmkino. Sein Pferdegetrappel aus Kokosnüssen war raffiniert - und doch nur ein Zwischenschritt zur Klangfülle Hollywoods. Murray Spivack ließ seinen King Kong 1933 brüllen, indem er in ein Megafon blies, das Resultat mit Löwengebrüll kombinierte und beides langsamer abspielte.
"Dafür braucht man zwei Metallbürsten, die auf der Oberfläche des rostigen Bleches auf dem Geräuschetisch spazieren gehen. Oder man nehme eine dicke, große Trommel und lasse über das Trommelfell langsam getrocknete Erbsen rollen."
S. de Clerk, Les bruits de coulisses au cinema (1914)
Wie die späteren King-Kong-Verfilmungen - zuletzt Peter Jacksons Version von 2005 - den Affen machten, ist ihr Geheimnis. Kein Geheimnis ist, dass die Klänge in Kino, Fernsehen und Hörspiel in jedem Kulturkreis anders wahrgenommen, in jedem Studio etwas anders produziert werden - und sich zudem laufend verändern. Eine Prügelei von Bud Spencer und Terence Hill aus dem Jahr 1970 hört sich anders an als Fight Club 1999.
Der Rest ist ... Schweigen?
Die technischen Möglichkeiten wachsen - die Budgets schrumpfen. Inzwischen gibt es kaum ein Geräusch, das noch nicht erzeugt, aufgenommen und digital archiviert wurde. In München - zu Kutbays Zeit die Hauptstadt der deutschen Geräuschemacher - passt die Szene inzwischen um einen Wirtshaustisch. Dass irgendwann Stille eintreten wird, ist dennoch unwahrscheinlich. Zumal Stille im Kino gar nicht existiert: Auch wenn auf der Tonspur nichts passiert, spielen die Klangmeister ein leises Rascheln ein. Die Zuschauer glauben sonst, die Tonanlage sei kaputt.

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