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Vom Drama der Lebensabschnittsväter Ein bisschen Papa

Das Patchwork-Zeitalter hat neben dem "Lebensabschnittsgefährten" längst auch den "Lebensabschnittsvater" hervorgebracht. Dabei prägt der Sozialvater manche Kindheit mehr als der leibliche.

Von: Franziska Storz

Stand: 28.03.2017

Seien wir ehrlich: Mütter sind – in der Regel – hysterischer. Klettere nicht so hoch! Bist du auch angeschnallt? Wo ist dein Helm? Der Begriff der Helikoptermama prägt nicht umsonst unser Jahrzehnt. Wie wohl tut dem Nachwuchs da ein Vater, der nicht jeden Sturz verhindert, nicht jede Träne vermeidet und eine Prise Abenteuer in die Kindheit streut. Leibliche Väter übernehmen diese Aufgabe. Und ein Heer von gewillten, liebevollen Sozialvätern auch. Diese Männer haben es sich zur Aufgabe gemacht, Kinder großzuziehen, die – im biologischen Sinn - nicht ihre eigenen sind. Aber sind diese Beziehungen tragfähig? Was muss man tun, um diese Bindung robust zu machen? Weniger störanfällig für Interventionen der Mutter und für ein empört-pubertierendes "Du hast mir gar nichts zu sagen, du bist ja nicht mein richtiger Papa“?

Sozialvater versus richtiger Vater

"Der leibliche Vater von Oscar ist überhaupt nicht greifbar und für Oscar auch überhaupt nicht präsent, nichtsdestotrotz hat Oscar immer betont, dass das sein Vater ist. Also wenn auf der Straße irgendjemand uns beiden begegnet ist und mich als seinen Vater angesprochen hat, dann war ihm das schon immer wichtig, 'das ist nicht mein Vater, das ist mein Stiefvater', das hat er dann schon immer betont."

Sozialvater Florian

Die Sozialväter oder Lebensabschnittsväter oder Stiefväter erfüllen in einer Familie vielseitige Aufgaben: Sie erziehen, helfen bei den Hausaufgaben, kochen Essen, zahlen Sportvereine und: lieben. Aber sie verfügen nicht über die in der Gesellschaft tief verankerte biologische Legitimation der Elternschaft und stehen damit unter einem anderen Rechtfertigungsdruck. Vor sich selbst, vor der Familie und dem leiblichen Vater. Auch Florian fehlte da manchmal die Anerkennung:

"Fehlende Wertschätzung war es bei mir definitiv. Und dann eben auch von der Mutter die fehlende Unterstützung. Bei uns war es halt so, sie war gleich alt wie ich,  hat aber mit über 40 eben auch nie richtig gearbeitet und einen Beruf gelernt, in dem sie von Haus aus schwer Geld verdienen kann. Und ich bin halt einer, der super funktioniert und jetzt schon eine Menge Geld verdient. Sie haben sich dann manchmal so zusammengeschlossen und waren ja  so ein bisschen aus dem gleichen Holz, ich war halt manchmal so ein Fremdkörper."

Sozialvater Florian

Sozialvater Stefan hat sich in seiner Patchwork-Konstellation nie als Fremdkörper gefühlt. Für ihn war Noah von Anfang an sein Sohn. Sein richtiger Sohn. Aber dann kam das Unvorstellbare: Die Beziehung zu Noahs Mutter zerbrach und die Mutter unterband den Kontakt.

"Was ich mir gewünscht hätte, wäre die Unterstützung meiner Familie und Freunde gewesen. Ich hätte mir gewünscht, dass jemand einfach dort mal anruft und sagt: 'Hey sag mal spinnst du eigentlich. Was fällt dir ein?' Meine Freunde und meine Familie haben das sehr intensiv mitbekommen, wir hatten viele Familientreffen, wie eng Noah und ich waren und ich hätte mir da schon sehr gewünscht, dass da mal jemand für mich in die Bresche springt und sagt: 'Wie kannst du es wagen, die beiden voneinander zu trennen?'"

Sozialvater Stefan

Stiefvater oder Bonusvater?

Die Vorsilbe "Stief" bedeutet dem germanischen Ursprung nach "beraubt". Eine Riege an Märchen und Erzählungen über fiese Stiefmütter und Stiefväter gab dem Begriff "Stiefeltern" den Rest.  Der bekannte Familientherapeut Jesper Juul hat für das unschöne Wort "Stiefeltern" ein neues Wort geprägt: Bonuseltern. Er sagt: "Was wir über Patchwork wissen? Es ist nicht einfach. Aber es ist ja in keiner Familie einfach." Und vielleicht zeigt sich auch im Falle der Sozialväter an der Sprache ein Plus an Wertschätzung. Denn "Stiefvater", mit diesem Wort kann sich ein Mann wohl schwer identifizieren. "Bonuspapa" klingt da schon viel besser.

Das Feature von Kathi Grünhoff und Franziska Storz erzählt von der modernen Rolle der nicht biologischen Väter. Denn eines hat sich über die Zeit nicht verändert: Wer im Familiengeflecht kein klares Rollenprofil hat, dem droht die Nichtbeachtung. In einem der zahlreichen Erziehungsratgeber bekommen Stiefväter übrigens den Tipp: "Erwarten Sie keinen Dank".

Die Autorin

Franziska Storz, Jahrgang 1979, ist Journalistin und lebt in München. Sie moderiert den "Zündfunk" auf Bayern 2, zusammen mit Tilmann Schöberl "Jetzt red i" im BR Fernsehen und schreibt u.a für die "Süddeutsche Zeitung". Sie war Mitherausgeberin des Buches "Feldpost: Briefe deutscher Soldaten aus Afghanistan" (Rowohlt). Für ihr Feature "Ihre Verbindung wird gehalten" erhielt sie als Ko-Autorin den Ravensburger Medienpreis 2007. 2011 war sie Redakteurin des mit dem Civis-Preis ausgezeichneten Zündfunk-Features "Mein Türke und ich" von Marco Maurer.

Produktion: BR 2013
Redaktion und Regie: Ulrike Ebenbeck

Hier können Sie das Manuskript herunterladen:

Ein bisschen Papa Format: PDF Größe: 116,77 KB


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