Bayern 2 - radioFeature

Wie erzählen wir Wirklichkeit?

Sommerreihe: Offenes Archiv Wie erzählen wir Wirklichkeit?

Stand: 08.08.2017

Eine Radiogerät neben einem gezeichneten Notenschlüssel, der aus Zahnrädern besteht | Bild: colourbox.com, Montage BR

Im Bayern 2-Sommerradio öffnet der Bayerische Rundfunk sein Schallarchiv. Das „Offene Archiv“ widmet sich dabei der Frage: Wie erzählen wir Wirklichkeit? Zusammengestellt hat die Reihe BR-Autor Ralf Homann.

Herr Homann, das radioFeature präsentiert im Sommer Sendungen aus dem Archiv. Was macht den Reiz der alten Sendungen aus?

In den Beständen steckt viel Liebe, Herzblut, Aufwand und auch das Geld der Hörerinnen und Hörer. Warum also diese aus heutiger Sicht historischen Sendungen nicht neu präsentieren? Dabei handelt es sich ja durchwegs um analoge Aufnahmen, die dann digitalisiert werden, um heutigen technischen Ansprüchen zu genügen. Allerdings heißt Digitalisierung nicht automatisch, dass solche zeitbasierten Dokumente einfach wieder gesendet werden könnten. Deshalb braucht es eine Art Kuration, die nicht nur auswählt, sondern zumindest eine heutige Reichweite der Informationen markiert: Worüber kann uns ein Stück heute noch Auskunft geben, worüber nicht? Wo macht es Sinn, besonders hinzuhören? Das gilt gerade fürs Feature, für die Radio-Dokumentation. Das ist ja nicht einfach ein unterhaltender schwarz-weiß Film, der allein durch die Farbpatina überzeugt oder durch die aus der Zeit gefallene Mode der Kleidungsstücke Charme versprüht. Beim Feature spielen Fakten, und das heißt dann auch veraltete Tatsachen, eine viel größere Rolle.

Die Sommerreihe ist mit "Wie erzählen wir Wirklichkeit" betitelt. Hat das Motto auch etwas mit dem Wort "postfaktisch" zu tun, das ja 2016 zum Wort des Jahres erklärt wurde?

Autor Ralf Homann gräbt jedes Jahr nach Feature-Perlen im Archiv des Bayerischen Rundfunks

Die Rede vom postfaktischen Zeitalter verleitet schnell zum Glauben, es hätte je ein Zeitalter der Fakten gegeben. Aber schon im wissenschaftsgläubigen 19. Jahrhundert wird klar: Wenn zum Beispiel der Zoologe  und Philosoph Ernst Haeckel ins Mikroskop blickte und anschließend die entdeckten Einzeller zeichnete, dann ist seine Art und Weise zu zeichnen genauso wichtig wie das, was sein Auge sieht. Philosophen wie der Franzose Alain Badiou unterscheiden deshalb lieber zwischen fünf Wahrheitszuständen. Also: Der Ruf nach "Fakten, Fakten, Fakten" war schon immer ein guter Werbeslogan; nur Fakten alleine sprechen nicht, sie müssen zum Sprechen gebracht werden. Tatsächlich sind Tageszeitungen traditionell Tendenzbetriebe und Medien wie das Radio müssen ihren Bedingungen gerecht werden; auch ihre Stärken ausspielen. Das ist dann die große Kunst der Autorinnen und Autoren.

Nach welchen Kriterien haben Sie denn die Sendungen ausgewählt?

Für mich war wichtig, dass sie als Dokumente ihrer Zeit erkennbar bleiben: Keine "Fake-Dokumentationen", sondern echte Radio-Features ihrer Zeit. Trotzdem suche ich natürlich gerne nach Sendungen, die unterhalten, sei es durch ihre besondere Erzählweise, sei es durch die sprachliche Ausdrucksweise der Menschen. Und: Bekannte Radio-Stimmen sind mir wichtig. Sie haben unsere Eltern und Großeltern durch den Radio-Tag begleitet, gehörten zu ihrem Leben wie heute bei den Jüngeren Twitter und Facebook. Deshalb freut es mich auch besonders, dass bereits in der ersten Folge der diesjährigen Reihe des Offenen Archivs Gustl Weishappel den Erzähler gibt, die junge Stimme des legendären Bayern1-Moderators.

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Matthias Fink, im Hintergrund ein altes Radio | Bild: colourbox.com, BR; Montage: BR zum Audio mit Informationen Offenes Archiv: Eine nicht gerade deutsche Tugend (1995) Auf der Suche nach Zivilcourage

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Percy Adlon, im Hintergrund ein altes Radio | Bild: picture-alliance/dpa, colourbox.com, Montage: BR zum Audio mit Informationen Offenes Archiv - Autbahn-Nomaden (1972) Gespräche auf einer Großbaustelle

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