Bayern 2 - radioFeature


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Mapping Lenin Kartographie des neurussischen Zarenreichs

Leninsk, Lenino, Leninogorsk und Gorkij Leninskije. Lenin ist ein Mythos - ja, allerdings ohne Klassenkampf. Denn Russland arbeitet an der Umdeutung alter Helden. Auf dass es eines Tages ein Putinsk, Putina oder Putinskaja geben wird.

Von: Christine Hamel

Stand: 15.02.2017

Wer zu Lenin will, muss anstehen. Es sind nicht mehr Stunden wie früher, aber Geduld braucht man schon noch in dieser weltberühmten Schlange. Metalldetektor, Taschenkontrolle, dann ein paar Stufen hinab in die Gruft. In den Tresor der Revolution. Man darf nicht stehenbleiben am Glassarkophag, defiliert langsam und ein wenig ungläubig an ihm vorbei. Ein Blick auf das Gesicht und die Hände, mehr ist nicht zu sehen. Aber hey, es ist Lenin!

Lenins Körper ist eine lebendige Skulptur. Er wird nicht nicht nur konserviert, sondern kultiviert. Körperteile müssen ausgetauscht werden, unter den Augenlidern des Revolutionsführes liegen Glasprothesen, der Mund ist zugenäht, alle inneren Organe sind ohnehin entnommen. Lenin ist Work- in-progress.

Mythos Lenin - eine Reise durch Russland

Ähnlich hybrid gestalten sich die Machtverhältnisse heute in Russland. Sie sind ein Zwischending zwischen Zarentum und Sowjetunion, werden unablässig modelliert und ideologisiert. Bisweilen schwer originell. Aus der "Großen Sozialistischen Oktoberrevolution" ist inzwischen beispielsweise im offiziellen Sprachgebrauch die "Große Russländische Revolution" geworden. Eine Revolution ohne Klassenkampf und Arbeiterbewegung. Die Work-in-progress-Energie scheint sich heute vom Mausoleum aus auf das ganze Land zu übertragen.

Produktion: BR 2017
Redaktion: Katja Huber
Regie: Christiane Klenz

Hier können Sie das Manuskript herunterladen:

Mapping Lenin Format: PDF Größe: 310,93 KB


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