Kommunikationsprobleme "Wie redest Du denn mit mir?"
Vom Kindergarten bis zur Führungsetage in Unternehmen: Ob die Kommunikation gelingt, hängt davon ab, wie wir miteinander sprechen. Aber oft fehlt die Aufmerksamkeit für das Gegenüber, das persönliche Gespräch kommt zu kurz.
Dass Kommunikation auch misslingen kann, bekommen schon Kleinkinder zu spüren: Wenn Eltern und Erzieher Befehle als Bitten tarnen, mit Lob und Kritik das Kind manipulieren. Aber bereits im Kindergartenalter haben Kinder ein ausgeprägtes Gespür dafür, welche Gefühle in einer Stimme mitschwingen, zum Beispiel Angst, Wut, Traurigkeit, Freude oder Entspannung. Allerdings gehen in der heutigen schnelllebigen Zeit solche Botschaften oftmals im Alltagstrubel unter: zwischen Meetings und Emailkorrespondenz, Videokonferenzen und Verabredungen via SMS, kommt das persönliche Gespräch zu kurz, bei dem sich zwei Menschen in die Augen sehen und sich wirklich Zeit füreinander nehmen. Verheiratete Paare reden zum Beispiel statistisch gesehen nur noch einige Minuten pro Tag miteinander.
Konflikte lösen ohne Gewalt
Aber wie können wir gegensteuern? Anfang der 1970iger Jahre entwickelte der amerikanische Psychologe Thomas Gordon ein Kommunikationskonzept für Familien. Er plädierte dafür, den anderen so zu nehmen, wie er ist, und gleichzeitig aufrichtig zu sagen, was einem am Verhalten des anderen nicht gefällt. Aufrichtiges Reden und "aktives Zuhören" helfen dabei, Konflikte zu lösen: Ohne Krieg, ohne Verlierer, ohne Gewalt. Ein wichtiger Baustein in Gordons Strategie: Die zwölf Kommunikationssperren verhindern. Sie hindern den anderen daran, den Dialog fortzuführen. Für sein Kommunikationsmodell war er Ende der 90iger Jahre drei Mal für den Friedensnobelpreis nominiert.
Die zwölf Kommunikationssperren nach Thomas Gordon
- Befehlen, Anordnen, Auffordern
- Warnen, Mahnen, Drohen
- Moralisieren, Predigen, Beschwören
- Beraten, Vorschläge machen, Lösungen liefern
- (Ver)Urteilen, Kritisieren, Widersprechen, Vorwürfe machen, Beschuldigen
- Belehren, durch Logik begründen
- Loben, Zustimmen, Schmeicheln
- Beschämen, Beschimpfen, Lächerlich machen
- Interpretieren, Analysieren, Diagnostizieren
- Beruhigen, Sympathie äußern, Trösten, Aufrichten
- Nachforschen, Fragen, Verhören
- Ablenken, Ausweichen, Aufziehen
"Wir sind von Natur aus mitfühlend"
Der US-amerikanische Psychiater Marhall B. Rosenberg führte Gordons Konzept weiter. Seiner Meinung nach kann Kommunikation nur funktionieren, wenn sie einfühlsam ist. Er hat das Konzept der gewaltfreien Kommunikation aus der Erfahrung der damaligen Bürgerrechtsbewegung heraus entwickelt. Seine Mediationen halfen, die Rassentrennung an Schulen zu überwinden, er hat zwischen verfeindeten Straßengangs vermittelt. Rosenbergs These lautet: Wir sind von Natur aus mitfühlend, haben uns aber an verbale Gewalt gewöhnt. Denn: Wir sind erzogen worden, zu urteilen und beurteilt zu werden, zu kritisieren und kritisiert zu werden. Schon auf der vermeintlichen Sachebene urteilen wir. Ein Beispiel des Kommunikationstrainers Klaus Karstädt:
"In meinen Seminaren fordere ich die Teilnehmer dazu auf, sich vorzustellen, als Vater oder Mutter in ein Kinderzimmer zu kommen und zu sagen 'Dein Zimmer ist nicht aufgeräumt.' Dann lasse ich mir per Handzeichen signalisieren, wer schon einmal ein nicht aufgeräumtes Zimmer gesehen hat. Das sind in der Regel die meisten, die die Hand heben. Wir leben in der Idee, natürlich gibt es aufgeräumte Zimmer. Dass das aber meine persönliche Interpretation ist über den Zustand des Zimmers , dass dem bestimmte Beobachtungen über Fakten zu Grunde liegen, das ist im Alltagsbewusstsein der meisten Menschen nicht vorhanden. Zu sagen: 'Dein Zimmer ist nicht aufgeräumt', das dauert 3 Sekunden; oder ich sage an der Stelle: 'Da liegen 5 T-Shirts am Boden, die Schuhe stehen auf dem Kopfkissen und 7 Colaflaschen stehen auf dem Fensterbrett!', was 10 Sekunden dauert. An den 7 Sekunden wird es nicht scheitern."
Klaus Karstädt
Der Schlüssel zur gelingenden Kommunikation: Empathie
Kommunikationstrainer Klaus Karstädt bringt seinen Klienten die Werte und Methode der gewaltfreien Kommunikation bei. Er stellt vor jedes Gespräch die Beobachtung anstatt der Bewertung. Eine wesentliche Voraussetzung, wenn ein Gespräch, eine Verhandlung, gelingen soll, ist außerdem die Empathie. Das altgriechische Wort bedeutet "Leidenschaft", ins Deutsche ist der Begriff am ehesten mit "Einfühlungsvermögen" übersetzbar. Empathie ist vom Wesen her nicht notwendigerweise an Sprache gekoppelt, sondern es ist eine innere Aufmerksamkeit, eine Präsenz und der Fokus liegt auf dem Gegenüber.
Beim anderen "zu Gast sein"
Klaus Karstädt erklärt in seinen Kursen das Phänomen der Empathie auch damit, beim anderen "zu Gast zu sein". Empathisch Vermutungen anzustellen, um herauszufinden: Was braucht mein Gegenüber eigentlich gerade, zu fragen: "Kann es sein, dass Du gerade Deine Ruhe brauchst?" Und nicht: "Kann es sein, dass Du Ruhe vor mir haben möchtest...?" Wird das Gegenüber empathisch abgeholt, kann man beobachten, wie sich die Lage entspannt, wie Tempo aus einem Streit genommen wird, Lautstärke aus einer Diskussion. Fühlt der andere sich verstanden, wird er weiterreden, oder vielleicht nur mit dem Kopf nicken. Empathie funktioniert also auch ohne Worte.
Literatur-Tipps
- Marshall B. Rosenberg: "Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens"
- Melanie Sears: "Gewaltfreie Kommunikation im Gesundheitswesen"
- Kelly Bryson: "Sei nicht nett, sei echt"

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