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Die Fotografin Herlinde Koelbl spricht mit Soldaten Der Krieg im Fokus

Was denken Soldaten über das Töten? Die Fotografin Herlinde Koelbl reiste weltweit in militärische Ausbildungsorte und dokumentierte Schießziele. Dabei sprach sie mit Soldaten und Ärzten über Motivation, Gehorsam und Schuldgefühle.

Stand: 21.03.2017

Über sechs Jahre reiste die Fotografin Herlinde Koelbl in fast 30 Länder, um an militärischen Ausbildungsorten landestypische Schießziele zu dokumentieren. Aus diesen fotografischen Aufnahmen entstand ihr Kunstprojekt TARGETS. Darüber hinaus sprach Koelbl mit Soldaten und Scharfschützen. Unter Zusicherung der Anonymität erzählen sie von den moralischen Herausforderungen, von ihrer Motivation und Ausbildung, von Führung und Gehorsam, von Schuld und Fehlentscheidungen:

Ein Soldat

aus: Herlinde Koelbl: "Targets"

"Als ich zum ersten Mal einen Menschen erschoss, fing mein Herz an zu rasen, und ich schwitzte ein bisschen. Aber dafür hat man mich schließlich ausgebildet – zum Schießen. Das Schießtraining für uns als Spezialeinheiten muss so gut sein, dass wir automatisch reagieren. Aus dem Unterbewussten heraus."

Ein Scharfschütze

"In Israel fragt dich jeder: 'Oh, du warst Scharfschütze – wieviel Terroristen hast du getötet?' Die interessieren sich nur für die Anzahl. Wie du dich dabei gefühlt hast, was genau du getan hast – Fehlanzeige. Es wird vorausgesetzt, dass du mit allem einverstanden bist."

Ein Arzt

"Im Zweiten Weltkrieg feuerten nur 14 Prozent der amerikanischen Soldaten ihre Waffe ab. In Vietnam waren es 40 Prozent. Heutzutage feuern bei einem Konflikt 98 Prozent der Soldaten auf den Feind. Es hat also eine Desensibilisierung stattgefunden. Das gehört zum Training."

Ein Scharfschütze

aus: Herlinde Koelbl: "Targets"

"Als wir im Morgengrauen in das Haus eindrangen, machten wir unsere Sache so gut, dass die ganze Familie weiter schlief. Ich musste eines der Kinder in seinem Bettchen aufwecken, mit angelegtem Gewehr, Tarnfarbe im Gesicht - die ganze Nummer. Als der Junge dann aufwachte, starrte er mich völlig verängstigt an, wie ich so über ihm stand, die Waffe auf ihn gerichtet, und ich dachte plötzlich: 'Irgendwas stimmt hier nicht!'"

Ein Soldat

"Es gab natürlich Situationen, wo meine Jungs die falschen Leute erschossen haben, wahrscheinlich aufgrund falscher Befehle. Natürlich denke ich darüber nach, wer diese Leute waren, die da getötet wurden, was noch aus ihnen hätte werden können. Sowas bleibt an einem haften."

Der erste Schuß

Immer fragt Herlinde Koelbl nach dem ersten Schuß: "Wie war es, als Sie das erste Mal auf einen Menschen zielten und abdrückten? Können Sie sich daran erinnern?" Es ging der Fotografin um eine Erweiterung dessen, was man an Informationen über das Militär bekommt. Wie denken die Menschen?

"Töten, das verändert Menschen. Extreme Situationen verändern Menschen. Es geht mir um die Haltung von Menschen in der Welt, in ihrem kleinen Umfeld, in der Familie und wie es dann eben zu etwas Großem wird, beispielsweise beim Militär - eine moralisch-geistige Haltung in der Welt."

Herlinde Koelbl, Fotografin

Die Autorin

Heike Tauch arbeitet seit 1992 als Autorin/Regisseurin fürs Hörspiel/ Feature. Zuletzt: "Karnickel" (SWR 2016) und "Mit den Augen eines Scharfschützen" (zusammen mit Herlinde Koelbl, DLF 2017). Von 1996-2012 leitete sie das Hörtheater für Deutschlandradio in Berlin.

Redaktion: Wolfram Wessels
Regie: Heike Tauch
Produktion: SWR 2016

Herlinde Koelbl: "Targets"

Herlinde Koelbl: "Targets"
Prestel Verlag, 2015
240 Seiten
49,90 Euro

Das Kunstprojekt TARGETS war 2014 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn zu sehen.

Aktuelle Ausstellung von Herlinde Koelbl in München

"Refugees – Herausforderung für Europa“
Literaturhaus München
17. März bis 07. Mai 2017

Hier können Sie das Manuskript herunterladen:

Der Krieg im Fokus Format: PDF Größe: 90,83 KB


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