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40 Jahre später Was bedeutet der Deutsche Herbst 1977 für die eigene Biografie?

Zum Thema RAF und Deutscher Herbst 1977 scheint alles gesagt. Dennoch geht die RAF-Debatte weiter. Mit 40 Jahren Abstand fragt Roderich Fabian gemeinsam mit Ingrid Scherf, Hans-Jochen Vogel und Christof Wackernagel, was von der biografischen Prägung dieser Zeit geblieben ist.

Von: Roderich Fabian

Stand: 11.10.2017

Als am 18. Oktober 1977 die entführte Lufthansa-Maschine in Mogadischu befreit war und die RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe in Stammheim tot aufgefunden wurden, war Roderich Fabian, Jahrgang 1957, klar, dass es nur Mord sein konnte. Später sah er das anders und ist überzeugt: Der sogenannte Deutsche Herbst war mit diesem Tag vorbei und damit die größte innenpolitische Krise in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Ausnahmezustand der vorangegangenen Wochen war vorüber, eine ganze Nation schien erlöst nach einer nervenzerreibenden Eskalation.

Roderich Fabian damals

"1977 war ich Teil der alternativen Szene, die man damals noch nicht so nennt.  Deutschland damals, das war eine ‚gespaltene Gesellschaft‘. Hier die Bürger, dort diejenigen, die frei von autoritären Zwängen leben wollten. Die Befreiung der ‚Landshut‘ begrüßte ich, die Todesfälle von Stammheim beunruhigten mich: Ist es jetzt soweit, dass ‚durchgegriffen‘ wird, dass man nicht nur gegen die RAF, sondern gegen alle vorgehen wird, die anderer Meinung sind als die staatstragende? Kommt jetzt das große Aufräumen und Ausmisten?"

Roderich Fabian

Der Hinterfragende: Roderich Fabian

Roderich Fabian heute

Die bürgerliche Mehrheit des Landes und auch die linke Opposition im Lande waren sich darin einig, dass sich der Deutsche Herbst nicht wiederholen darf. Was folgte, war eine allmähliche ideologische Abrüstung; die Republik veränderte sich. Deutschland ist kein Polizeistaat geworden. Dennoch stellt sich heute, wo im Zeichen neuer terroristischer Bedrohung wieder aufgerüstet wird und neue Überwachungsgesetze auf den Weg gebracht werden: Was bleibt von der dieser Zeit, die fast alle heute 60- bis 70-jährigen gemeinsam haben? Ein Kritisches Bewusstsein? Das Wissen um das Recht auf den Zweifel und das permanente Hinterfragen bestehender Macht- und Autoritätsverhältnisse?

Die Ungebrochene: Ingrid Scherf

Ingrid Scherf damals

Ingrid Scherf, Jahrgang 1956, war 1977 Studentin und Aktivistin, heute arbeitet sie als Buchhändlerin und kuratiert Ausstellungen, z.B. über die Münchner Räterepublik. Sie war schon immer politisch aktiv, hat Antifa und viele andere Projekte initiiert und den Kampf und die Hoffnung nie aufgegeben. Die Zeit von damals verbindet sie mit lebendigen Diskussionen und einer Dynamik zwischen Aufbruch und Repression. Heute erscheint ihr die Gesellschaft befriedeter, aber auch zutiefst gespalten zwischen arm und reich.

Ingrid Scherf heute

"Die 70er Jahre waren für mich eigentlich durchgängig von Aufbruch geprägt im Sinne von: keinen BH mehr tragen, man musste sich keine Badehose oder keinen Badeanzug kaufen. Es war völlig egal, ob man am Starnberger See mit oder ohne Handtuch auftauchte. Wir hatten auch wirklich eine Vorstellung davon, was wir nicht wollten. Und wir waren der Meinung, dass uns dieser Staat Sachen aufdrückte, die wir als völlig ungerecht und auch undemokratisch empfanden."

Ingrid Scherf

Der Politiker: Hans-Jochen Vogel

Hans-Jochen Vogel mit Helmut Schmidt

Hans-Jochen Vogel, Jahrgang 1926, war in den 60er Jahren Münchener Oberbürgermeister. Im München der 60er Jahre spitzten sich die Konflikte mit der aufbegehrenden Generation nie so zu wie in Berlin. 1977 war Vogel Bundesjustizminister und Mitglied von Helmut Schmids Krisenstab. In seiner Erinnerung hat der Deutsche Herbst den Rechtsstaat damals letztlich mehr bestätigt als erschüttert. Und doch ging es Hans-Jochen Vogel damals auch darum, die Fragen, die die RAF an die Rolle des Staates stellte, oder ihren Appell zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, ernst zu nehmen.

"Wir haben keine wesentlichen Gesetzesänderungen als Folge gehabt. Es mag die eine oder andere gegeben haben, aber die hatte jedenfalls nicht die Dichte und den Charakter gehabt, wie man sich heute gelegentlich über die Asyl-Gesetzgebung äußert, aufgrund der Erfahrungen des Jahres 2015. Und im Übrigen hat es eine Bestätigung für den funktionsfähigen Staat gegeben. Die RAF hat weiter gemordet, aber es gab keine einzige Entführung mehr. Und das war sehr wichtig, dass dieses Kapitel abgeschlossen war."

Hans-Jochen Vogel

Der bunte Vogel: Christof Wackernagel

Christof Wackernagel damals

Christof Wackernagel, Jahrgang 1951, spielte in den frühen 70ern in Rockbands, experimentierte mit Drogen und wurde als Schauspieler bekannt. Das politische Egagement gehörte schon früh dazu. Er hat die „erste Generation“ der RAF noch persönlich kennen gelernt. 1977 wurde er als Mitglied der RAF verhaftet, 1980 verurteilt und blieb bis 1987 im Gefängnis. Seit 1987 ist er wieder als Schauspieler tätig. Die Parole von damals, „Wir werden Menschen sein“, hält er immer noch für bedenkenswert. Weil sie signalisiert, dass wir immer noch keine Menschen sind.

Christof Wackernagel heute

"Über allem schwebte dieser Adorno-Satz: ‚Es gibt kein wahres Leben im Falschen‘. Du kannst die Gesellschaft entweder nur ganz verändern oder du bist ihr ausgeliefert und sie benützt alles, auch die Punks. Die waren am Anfang vielleicht noch ein bisschen aufrührerisch – ein halbes Jahr später gab’s schon die erste Bankangestellte mit lila Haaren. Das wurde benutzt und es wurde vermarktet, wie heute ja auch die RAF. Also jetzt – 2017 – das ist ja nur noch ein Geschäft. 25.000 neue Bücher erscheinen, die alle wieder neu abgeschrieben sind aus den Archiven und den gleichen Quatsch wiederholen. Da wird halt ein Geschäft gemacht, selbst die RAF ist vermarktbar."

Christof Wackernagel

Literaturtipps

  • Hans-Jochen Vogel "Nachsichten" (eine politische Biographie), 1996
  • Christof Wackernagel "RAF oder Hollywood" (seine Lebensgeschichte bis zum Herbst 1977), 2017
  • Karl Heinz Roth, Fitz Teufel "Klaut sie! – Kritische Beiträge zur Krise der Lnken und der Guerilla", 1980

Ein heilsamer Schock - Der Deutsche Herbst 1977 aus der Sicht nach 40 Jahren

Redaktion: Ulrike Ebenbeck
Regie: Rainer Schaller
Produktion: BR 2017

Hier können Sie das Manuskript herunterladen:

Der heilsame Schock Format: PDF Größe: 107,61 KB


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