Süßstoff Die Verkehrssünderdatei
Hier gibt es den Süßstoff vom 11. Februar zum Nachlesen!
Süß: Von dem französischen Schriftsteller und Philosophen Albert Camus ist der Satz überliefert, man müsse sich Sisyphos als einen glücklichen Mann vorstellen. Sie erinnern sich: Sisyphos ist derjenige in der griechischen Mythologie, der die sinnentleerte Aufgabe hat, einen Stein einen Berg hinaufzurollen, nur damit nämlicher Stein, kaum oben angelangt, wieder hinabi rollt. Doch im Angesicht eines sinn- und götterleeren Kosmos hat der Mann wenigstens einen Aufgabe. Camus gibt dem Steine-Beweger in seiner Schrift „Der Mythos von Sisyphos – Ein Versucht über das Absurde“ somit eine gewisse Würde. Eine Würde, die wir nun auch Verkehrsminister Ramsauer zuschreiben können. Auch wenn der keine Steine bewegen will, sondern Punkte.
(Ramsauer:) Die Grenze 18 auf 8 runter - das klingt drastisch, aber relativiert sich dadurch, dass wir die Punktezahlen auch verkürzen, also bei Vergehen, bei denen es bisher bis zu drei Punkte gab, gibt’s in Zukunft nur noch eines, also das heißt, das Ganze wird gestaucht, geschrumpft und 8 Punkte werden im Grunde genommen dann nicht strenger gehandhabt als das bei 18 der Fall war.
Süß: 18 Punkte werden zu, also nun zu 8 Punkten, die aber wiederum 18 bedeuten. Woraus sich die Gleichung 18 ist gleich 8 ergibt, was wiederum absurd scheint und einmal mehr auf Camus und Existenzphilosophie verweist. Man ist geneigt, eine Fortführung von Camus' Werk in Angriff zu nehmen: „Der Mythos von Ramsauer – noch ein Versuch über das Absurde“. Wer allerdings nicht mit der Gedankenwelt der Existenzphilosophie vertraut ist, der könnte sich die Frage stellen: warum das alles?
(Ramsauer:) Wir arbeiten an einer Reform dieser Verkehrssünderdatei; der Grund dafür ist schlicht und einfach, dass dieses System heute derartig kompliziert geworden ist, dass niemand mehr richtig durchblickt, ich will das einfacher machen.
Süß: Jeder kann sofort erkennen, dass diese Vereinfachung sicher erreicht wird. Weil ja Ramsauer, der bislang 18 kleine Steine den Berg hinaufrollte, die dort eine Zeit lagen, bevor sie hinabi rollten, nun nur noch 8 größere Steine rollt, die dort kürzer liegen. Auch der Herr Reindl von ADAC ist begeistert, denn immerhin rollt der mythische Ramsauer die Steine ja nicht selber – als zuständiger Minister lässt er rollen.
(Reindl:) Es nützt sowohl den Behörden, weil ja die Verwaltung der Punkte wesentlich einfacher wird. Wir gehen davon aus, dass es etwa eine Million Eintragungen in Flensburg weniger sein werden.
Süß: Wir ahnen an dieser Stelle, dass auch im Zeitalter der lichtschnellen Kommunikation und der totalen Computerisierung in Flensburg sämtliche Eintragungen noch von Hand gemacht werden. Weil einem Computer sind eine Million Einträge mehr oder weniger recht gleichgültig. Auch das scheint also von erhabener Sinnlosigkeit durchwirkt. Doch wie soll nun der Übergang zwischen dem Alten und Neuen gehandhabt werden?
(Ramsauer:) Es müssen natürlich hier auch vernünftige überschaubare Übergangsregeln gelten.
Süß: Selbstverständlich ist das so. Denn wenn die alten und neuen und die Übergangsregeln gleichzeitig gelten, dann wird es bestimmt viel einfacher. Da freuen wir uns jetzt schon. Doch wer glaubt, dass bei einer Reduktion von 18 auf 8, Punkte erlassen werden, der hat Ramsauer nicht verstanden.
(Ramsauer:) Die Vermutung, es gäbe so etwas wie eine Generalamnestie, diese Vermutungen muss ich leider herb enttäuschen.
Süß: Wiederum zeigt sich, dass wer auf so etwas wie eine Generalamnestie gehofft hat, von Existenzphilosophie nichts versteht. An der grundsätzlichen Sinnlosigkeit des Daseins kann niemals gerollt… äh… gerüttelt werden. Dennoch glaube ich, wir müssen uns Peter Ramsauer als einen glücklichen Mann vorstellen. In diesem Sinne: Roll on.
Es gilt das gesprochene Wort.

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