Süßstoff Der unberechenbare Wähler
Hier gibt es den Süßstoff vom 26. Januar zum Nachlesen!
Von: Christoph Süß Stand: 26.01.2013
Süß: Wir sind ja so was von erforscht. Wir sind „moderne Performer“, „Postmaterielle", „Traditionelle“, „Hedonisten“, „Eskapisten“. Bei aller angeblichen Individualität passen wir doch allzu gut in unsere so genannten „Sinus Milieus“, also in die Schablonen, die die Meinungsforscher für uns erfunden haben. Und Google und Amazon kennen sowieso all unsere Wünsche. Und als Wähler sind wir ohnehin für die Demoskopen offene Bücher. So dachten wir zumindest bis letzten Sonntag. Doch bei der Niedersachsenwahl stellte sich dann heraus, dass doch alles ganz anders ist.
(Schönenborn) Wir haben es ja heute bei den Wählern mit Nomaden zu tun, also Menschen, die zwischen den Parteien hin und her wandern, die sich ganz wenig verbunden fühlen.
Süß: Da staunt der Herr der Balkendiagramme, der Herr Schönenborn. Der Wähler – also unsereiner – ist zu einem atavistischen vormodernen Zustand zurück gekehrt. Wir sind wieder Nomaden. Ortloses Gesindel, das keine festen Meinungshäuser mehr bewohnt, sondern nur noch lockere Gesinnungszelte aufbaut, um immer auf dem Sprung zu bleiben. Das aber verändert den Charakter von Wahlen, weil man nicht mehr vorneweg schon das Ergebnis weiß.
(Schönenborn) Es ist nicht vorherzusehen, das ist das Problem. Und wir haben ja nun gerade in den letzten Wochen erlebt, wie schnell sich der politische Wind drehen kann. Insofern ist das einfach ein Spiel.
Süß: Die Wahl als Spiel. Millionen von windgetriebenen Meinungskugeln kullern am Wahltag durch die Kabinen und halten sich nicht an die Prognosen. Und anstatt artig immer nur den Status Quo zu bekreuzigen macht der kontingente Wanderwähler die Demokratie zum Roulette. Ist das jetzt schlecht, wenn wir plötzlich wechselwendisch und meinungsinstabil geworden sind?
(Schönenborn) In unseren Umfragen sagt jeder 7. noch, ich bin Stammwähler, ich wähle immer die gleiche Partei. Das merkt man an der Wahlbeteiligung, das macht Politikern Angst
Süß: Na, das ist doch schon mal nett. Wir machen den Politiker Angst. Und genau das sollten wir auch tun. Der Wähler soll den Politiker das Fürchten lehren. Hatten sie uns doch bislang, vielleicht nicht völlig zu Unrecht, für ängstliche Schrumpfköpfe gehalten, die sich höchstens einen Namen merken können, den sie dann in der Kabine ankreuzen, weil sie sich freuen, dass sie auf dem Wahlzettel etwas bekanntes finden; Doch nun muss auch ein Spieler wie Horst Seehofer, den die Umfragen schon jetzt zum Sieger ausrufen, sorgenvoll meinen:
(Seehofer) Nur zu schauen, dass man von der Union was abknapst, das reicht für das bürgerliche Lager insgesamt nicht. Also die FDP muss sich schon auch um Substanz bemühen.
Süß: Stimmen verleihen? Diese Zeiten sind vorbei. Wenn der Wähler unvorhersehbar wird, dann kämpft jeder für sich allein. Und man soll inhaltlich werden. Das ist doch Mal was Anderes, am Ende stehen auf den Wahlplakaten nicht nur Namen und Kalendersprüche, sondern was substanzielles. Da dürfen wir doch auf die nächsten Monate mal wirklich gespannt sein. Denn wie sagt doch weise der Herr Trittin.
(Trittin) Wir haben noch neun Monate Wahlkampf vor uns. In neun Monaten können wundersame Dinge geschehen.
Süß: In diesen Zeitraum sollen angeblich schon Kinder auf die Welt gekommen sein. Oder wir treiben die ein oder andere Partei ab. Lassen wir uns überraschen. Von uns selbst. Schönes Wochenende.
Es gilt das gesprochene Wort.

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