Bayern 2 - orange

Süßstoff Fachkräfte aus Kriseneuropa

Hier gibt es den Süßstoff vom 9. Juni zum Nachlesen!

Von: Christoph Süß Stand: 09.06.2012
Christoph Süß | Bild: BR

Süß: Der Mensch hat Angst vor dem Fremden. Und je Fremder desto Angst. Also vor den Fremden in der Nachbarschaft hat man im Allgemeinen nur ein bisschen Angst, vor Fremden aber aus dem Ausland umso mehr, weil sie eben noch fremder sind, als die Fremden nebenan. Dieser emotionalen Bedingtheit folgend haben uns die Politiker jahrzehntelang mit xenophoben Argumenten bedröhnt, um bei Wahlen unsere Zustimmung zu bekommen. Wichtigster Punkt: Die Ausländern nehmen uns unsere Arbeit weg. Doch jetzt? Da spricht der Chef der Arbeitsagentur der Herr Weise:

(Weise) "Bis 2025 fehlen uns für unsere Wirtschaft über drei Millionen Arbeitskräfte."

Süß: Aha. Das ist ja schlecht. Na dann sollte man wohl schleunigst mit der Qualifikation und Ausbildung der Jugend beginnen, auf das diese, dann kundig gemacht, in die Bresche springt?

(Weise) "Es braucht eine gezielte Zuwanderung von denen, die arbeiten wollen und die etwas können und hier beitragen können."

Süß: Also nicht. Die Zuwanderer sollen uns retten. Also diejenigen, die bislang für den Untergang unser Gesellschaft zuständig waren müssen jetzt die Wirtschaft wuppen. Interessant. Die nehmen uns also jetzt nicht mehr unsere Jobs weg, sondern sind die Stützen der Gesellschaft. Gut, dann lernen wir halt um. Aber wer genau soll‘s machen, Herr Rösler?

(Rösler) "Wir werden weitere Werbung starten, gerade in den europäischen Nachbarstaaten - Spanien, Italien und Portugal, die eine hohe Arbeitslosigkeit haben."

Süß: Aha, die von der Eurokrise Gebeuteltsten, sind die, die jetzt Deutschland beim Wachstum unterstützen sollen. Aber bedeutet das nicht, dass diese Länder dann überhaupt nicht mehr auf die Füße kommen, weil ihre Fachkräfte ja dann weg sind?

(Merkel) "Wir haben Freizügigkeit in 27 europäischen Ländern, das heißt zu uns kann jeder kommen, der hier ne Arbeit findet und eine Arbeit sucht."

Süß: Ich würde das mit "ist doch wurscht" übersetzten. Die Südländer haben dann eben Pech gehabt. Deutschland ist vorne. Und in Resteuropa aber soll streng gespart werden, um weiterhin Schuldendienst leisten zu können, während aber wir den Pleiteländern den letzten verbliebenen Rahm abschöpfen, indem wir ihre Fachkräfte absaugen. Und gleichzeitig kann man auch noch darauf verzichten hierzulande in Bildung zu investieren. Ach, weil wir schon grad bei billig sind.

(Merkel) „man kann bei einem Jahreseinkommen um bei 44.800 Euro, is' es glaub' ich, sechs Monate in Deutschland eine Arbeit suchen und wenn man dann eine gefunden hat, kann man hier bleiben."

Süß: Will sagen: Und den Ausländern, die ja keine andere Wahl haben, als sich in Deutschland einen Job zu suchen, denen muss man auch nicht so viel zahlen. Toll. Und dabei hört sich das Ganze auch noch so an, als wäre es sozial. Und worauf läuft das ganze jetzt hinaus? Hören wir Herrn Friedrich.

(Friedrich) „Jeder junge Mann, jede junge Frau, die in Italien nicht arbeitslos is', sondern in Deutschland sich einbringen kann in den Arbeitsmarkt, ist eine Entlastung für den Euro und ist ein Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit des Eurolands."

Süß: Ist das nicht toll? Und Europa kann man dann auch faktisch umbenennen, damit es am Markt mehr Vertrauen erzeugt und so wettbewerbsfähiger wird. Nämlich in Deutschland. (singt Eurohymne) "Europa, das heißt jetzt Deutschland lalalalalala…" Da müssen wir doch nur noch die EM gewinnen, dann ist eigentlich alles klar.

Es gilt das gesprochene Wort.

CD-Tipp: Christoph Süß - Süßstoff

Jeden Samstag kann man die wunderbar ironischen, klugen Kommentare zum politischen Weltgeschehen und wie es sich im O-Ton unserer Politiker wiederfindet, akustisch zu sich nehmen. Christoph Süß erklärt kurz und knapp, was uns hier eigentlich mitgeteilt wird und was wir davon zu halten haben.


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