Süßstoff Herrn Friedrichs Tabula rasa
Süß: Warum werden "letzte Worte" gerne mit dem Zusatz "berühmte" betextet? Nun, weil man in den "berühmten letzten Worten" immer verborgene Botschaften vermutet, als hätte der dann verblichene Sprecher ganz kurz vorm Ende des Neuronen-Feuers im Gehirn noch wesentliche Einsichten. Was war nicht zum Beispiel alles über Goethes "mehr Licht!" gemutmaßt worden. Darauf wollen wir jetzt nicht eingehen. Ich möchte lieber darauf hinweisen, dass in der Welt der Politik manchmal "letzte Worte" nicht von einem Scheidenden, sondern von einem Sprecher gesprochen werden. Zum Beispiel von einem zweiten Regierungssprecher:
(Streiter:) "Ja, da kann ich Sie beruhigen, die Bundeskanzlerin hat vollstes Vertrauen in den Bundesinnenminister und der Bundesinnenminister handelt in eigener Verantwortung und hat da auch die volle Rückendeckung der Bundeskanzlerin."
Süß: Jetzt werden Sie bestimmt einwenden wollen: erstens ist der Herr Innenminister Friedrich gar kein Hinscheidender, immerhin hat er doch das vollste Vertrauen der Kanzlerin. Sicher, man denkt bei der Rückendeckung an die unzähligen Beteuerungen von Vorständen, von Fußballvereinen, die in der letzten Saison angeblich voll hinter ihren Trainern standen, bevor sich diese aber dann doch genötigt sahen, alsbald den Vereinsaufkleber von ihrem Auto zu puhlen. Dennoch könnten Sie zweitens einwenden: in der Politik werden nie "letzte Worte" gesprochen. Da wird immer weiter geplappert. Richtig. Richtig. Dennoch lohnt es sich auf die verborgenen Bedeutungen in den Worten des Sprechers zu hören…
(Streiter:) „... der Bundesinnenminister handelt in eigener Verantwortung“
Süß: Freilich lässt sich das so verstehen, dass ihm die Kanzlerin da nicht in seine Entscheidungen hineinquasselt. Aber es ist eben auch ein Hinweis darauf, dass die Entscheidungen des Ministers nicht die ihren sind. Sie steht da nur hinter ihm. Ich würde das ja nicht wollen, dass die Kanzlerin hinter mir steht, wen die schon alles aus dem Weg geschubst hat... Aber vielleicht ist dem Herrn Friedrich ja das Vertrauen seines Parteichefs Horst Seehofer auch wichtiger…
(Seehofer:) "Ich hab' ja des gelegentlich in meiner Amtszeit auch gemacht, zum Beispiel nicht nur den Präsidenten des Bundesgesundheitsamts abberufen, sondern gleich das ganze Amt aufgelöst."
Süß: Ja, so war es. Das Bundesgesundheitsamt damals in drei Teile aufgespalten und also geteilt und geherrscht. Aber gilt das auch für Herrn Friedrich? Dessen Gründe für die spektakulären Personalentscheidungen dieser Woche gelten ja als umstritten.
(Seehofer:) "Ich hoffe, dass ich des weiß, was ich wissen sollte.“
Süß: Da lacht er, der Ministerpräsident. Und so einer Seehoferschen Jovialität wohnt auch immer auch eine kleine Drohung inne. Denn wenn nicht… also wenn er nicht alles weiß, was er wissen sollte, dann…. ja, mei... wie war doch die Formulierung?
(Streiter:) „... der Bundesinnenminister handelt in eigener Verantwortung“
Süß: Genau. Die nimmt ihm keiner ab. Und was waren jetzt die Gründe, warum hat man sich zum Beispiel vom Bundespolizeipräsidenten Seeger getrennt? Das Ministerium gibt sich da wolkig. Aber der Herr Radek von der Gewerkschaft der Polizei hat einen Vorschlag:
(Radek:) „... die immer wieder größer werdende Kluft von Aufgabenzuwachs und weniger Personal, auf die auch Herr Seeger gegenüber dem Parlament hingewiesen hat, werden damit nicht aus der Welt geschaffen.“
Süß: Ja, die natürlich nicht. Aber eben der lästige Herr Seeger, der damit nervt. So einen auf-Probleme-Hinweiser rauszuschmeißen, ist freilich auch das gute Recht des Ministers. Und dabei hat er ja, wie schon erwähnt…
(Streiter:) „... die volle Rückendeckung der Bundeskanzlerin.“
Süß: Ja, ja. Das könnten wohl tatsächlich die ersten in einer Reihe von letzten Worten sein. Mal sehen, was kommt. Schönes Wochenende.
Es gilt das gesprochene Wort.

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