Bayern 2 - Notizbuch


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Selbstständig vorsorgen Mehrgleisig fährt sich’s am besten

Selbständige sind es gewöhnt, Risiken zu tragen. Das Risiko künftiger Altersarmut muss aber nicht dazu gehören. Die gesetzliche Rentenversicherung steht im Prinzip auch Selbständigen offen; je nach persönlicher Situation lassen sich unterschiedliche Risiken dort absichern. Es lohnt sich, frühzeitig die Weichen zu stellen.

Von: Klaus Boffo

Stand: 14.12.2016

Illustration zur Rente | Bild: picture-alliance/dpa

Forever young? Schön wär’s!

Sozialversicherungspflicht - so manch jungem Freelancer, digitalen Nomaden oder kreativem Einzelgänger ist derlei bürokratisches Zeug ein Dorn im Auge. Doch es hilft nichts: jeder wird älter, und mit Blick auf die Familie und die eigene Gesundheit lohnt es sich, schon in jungen Jahren über Altersvorsorge, die Absicherung einer Erwerbsunfähigkeit oder über eine Hinterbliebenenversorgung im Todesfall nachzudenken. Die gesetzliche Rentenversicherung bietet Selbständigen abgestufte Lösungen für die jeweiligen Risiken. Häufig empfiehlt es sich, mehrgleisig zu fahren und eine ergänzende Privatvorsorge abzuschließen.

Nicht alle Selbständigen haben die freie Wahl

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung überlässt der Gesetzgeber nicht allen Selbständigen die Altersvorsorge frei nach Gusto. So sind zum Beispiel Musiker, Schriftsteller und andere Künstler in der Künstlersozialversicherung pflichtversichert - und profitieren davon, dass Verlage, Galerien und andere Auftraggeber über einen Pool die Hälfte des Beitragssatzes aufbringen. Selbständige Handwerker sind ebenso pflichtversichert wie Hebammen oder freiberuflich tätige Lehrer und Erzieherinnen. Ebenso bilden die Selbständigen mit nur einem Auftraggeber eine große Gruppe der grundsätzlich Zahlungspflichtigen.

Risiko Scheinselbständigkeit

Immer häufiger verlagern Unternehmen Kosten und Risiken auf Auftragnehmer, die zuhause, im Außendienst oder auch direkt am Firmensitz Arbeiten erledigen, die in Wahrheit einer abhängigen Beschäftigung gleichen. Die exakte Definition dieser sogenannten Scheinselbständigkeit ist so umstritten wie der Status selbst.

"Ein echter Selbständiger trägt das volle wirtschaftliche Risiko und ist nicht weisungsgebunden. Die Clearingstelle der Deutschen Rentenversicherung Bund in Berlin prüft das auf Wunsch im sogenannten Statusfeststellungsverfahren."

Sandra Wissen, Deutsche Renteversicherung Bayern Süd

Als Faustregel gilt: Wer Aufträge annimmt, aber doch uneingeschränkt verpflichtet ist, allen Weisungen des Auftraggebers Folge zu leisten, ist in Wahrheit "scheinselbständig" und damit abhängig beschäftigt. Erst recht, wenn der Betreffende in Sachen Arbeitszeit, Anwesenheit und Auftragsausübung weisungsgebunden ist. Dann fällt Beitragspflicht zu allen Zweigen der Sozialversicherung an - in vielen Fällen auch rückwirkend!

Pflichtversichert auf Antrag: eine Weichenstellung fürs Leben

Echte Selbständige können wie Pflichtversicherte in die gesetzliche Rentenversicherung eintreten, wenn sie innerhalb von fünf Jahren nach Beginn der selbständigen Tätigkeit einen entsprechenden Antrag stellen. Diese Pflichtversicherung auf Antrag lässt sich allerdings nicht wieder kündigen; sie endet erst mit der Beendigung der selbständigen Tätigkeit. Wer als Selbständiger pflichtversichert ist, hat Anspruch auf das gesamte Leistungspaket der gesetzlichen Rentenversicherung - inklusive Rehabilitationsleistungen und Hinterbliebenenversorgung. Auch ein Anspruch auf Erwerbsminderungsrente kann damit aufrechterhalten werden, wenn seit dem Ausscheiden aus einer abhängigen Beschäftigung nicht mehr als 24 Monate vergangen sind.

Die Beitragsgestaltung: Beratung tut not

Selbständige, die auf Antrag pflichtversichert sind, können beim Beitrag zwischen zwei Varianten wählen. Entweder sie legen den jeweils aktuellsten Einkommensteuerbescheid vor - dann zahlen sie auf das dort nachgewiesene Arbeitseinkommen den vollen Beitragssatz von derzeit 18,7 %; da Steuerbescheide erst mit Verzögerung vorliegen, wird das zugrunde gelegte Arbeitseinkommen rechnerisch noch etwas erhöht. Oder sie verzichten auf die Vorlage eines Steuerbescheids - dann fällt der sogenannte Regelbeitrag an; er liegt derzeit bei 543,24 € in den alten Bundesländern und bei 471,24 € in den neuen Bundesländern.

In den ersten drei Kalenderjahren nach Aufnahme der selbständigen Tätigkeit gilt als „Einsteiger-Tarif“ die Hälfte des Regelbeitrags. Die Pflichtversicherung auf Antrag ist eine Weichenstellung mit langfristigen Folgen; daher sollte man vorher unbedingt eine der Beratungsstellen der Deutschen Rentenversicherung aufsuchen.

Freiwillig versichert - lohnt sich das?

Wer sich als Selbständiger für eine freiwillige Versicherung in der gesetzlichen Rente entschließt, kann die Höhe seines Beitrags frei wählen - zwischen mindestens 84,15 € und höchstens 1.159,40 € monatlich.  Von der Höhe der eingezahlten Beiträge hängt später die Höhe der Rentenansprüche ab.

Ob sich die freiwillige Beitragszahlung lohnt, erfährt man am besten bei einer persönlichen Beratung. Eine freiwillige Versicherung ist vor allem dann vorteilhaft, wenn es darum geht, Anwartschaften aufrecht zu erhalten oder bestimmte Mindest-Beitragszeiten zu erfüllen. Um zum Beispiel eine Regelaltersrente zu erhalten, muss man fünf Jahre Wartezeit mit Beitrags- und Ersatzzeiten belegt haben. Reichen die bisher zurückgelegten Beitragszeiten nicht aus, so können sie durch eine freiwillige Versicherung doch noch erreicht werden. Auch der Anspruch auf Hinterbliebenenrente lässt sich durch freiwillige Beiträge erreichen .

Im Prinzip lässt sich auch der Anspruch auf einer Erwerbsminderungsrente durch eine freiwillige Zahlung aufrechterhalten, hier gelten aber Besonderheiten. Dabei spielt auch eine wichtige Rolle, wie oft und für welchen Zeitraum (Monat) diese Beiträge eingezahlt werden. Am besten ist, Sie lassen sich auch hier beraten, wenn Ihnen die Erwerbsminderungsrente wichtig ist.


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