Bayern 2 - Notizbuch


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Politische Bildung Wie lernen Schüler Demokratie?

Antidemokratische Parteien, populistische Strömungen in der Gesellschaft - dagegen hilft nur Bildung: Jugendliche sollen in den Schulen Demokratie lernen. Die politische Bildung ist laut Kultusministerkonferenz sogar eines der "obersten Ziele schulischer Bildung überhaupt". Aber wie klappt die Demokratie-Erziehung der Schüler im Alltag?

Von: Gabriele Knetsch

Stand: 13.09.2017

Eine Schülerin meldet sich während des Unterrichts | Bild: dpa/picture-alliance/Murat

Selbst die bayerische Staatsregierung sieht Nachholbedarf in Sachen Demokratieerziehung: Im neuen G9 soll es an bayerischen Gymnasien wieder mehr Zeit für politische Bildung geben. Wie diese ausgestaltet sein wird, ist noch in der Diskussion. Die Kultusministerkonferenz schreibt sich Demokratieerziehung für alle Schultypen und für alle Bundesländer ganz oben auf die Fahnen. Auf ihrer Homepage heißt es:

"Eines der obersten Ziele schulischer Bildung überhaupt ist es, junge Menschen zu befähigen, sich in der modernen Gesellschaft zu orientieren und politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Fragen und Probleme kompetent zu beurteilen. (….) Diesem übergeordneten Ziel sind grundsätzlich alle Fächer verpflichtet, insbesondere aber die des gesellschaftswissenschaftlichen Bereichs."

Quelle: Zielsetzung der Kultusministerkonferenz

Demokratie-Erziehung: Zu wenig Zeit, zu viel Stoff

Demokratieerziehung gilt laut Lehrplan auch in Bayern als "Querschnittsaufgabe" für alle Fächer. Es wäre in Physik möglich, über Atomreaktoren zu diskutieren oder in Biologie über neue Reproduktionstechniken. In der Praxis kommt das aber selten vor, beklagen vor allem Schüler an Gymnasien. Zu wenig Zeit, zu viel Stoff und der dauernde Prüfungsdruck lassen Lehrern wenig Zeit, sich um die Meinungsbildung ihrer Schülerinnen und Schüler zu kümmern.

"Die Lehrer haben natürlich ihre Skripte, mit denen es ihnen leichter fällt, Unterricht zu halten. Das Problem ist, dass dann der Lehrer nicht auf aktuelle Probleme eingehen kann, weil - vor allem in der Oberstufe - gar keine Zeit ist."

Tobias Ketzel, Schülersprecher am Gymnasium Olching

Gute Politische Bildung an Mittelschulen

An Mittelschulen gibt es oft die beste politische Bildung.

Mehr Zeit steht offenbar in den Mittelschulen zur Verfügung: Dort diskutieren Schüler mit ihren Lehrern im Unterricht über Flüchtlinge, über rechte Tendenzen oder über Donald Trump - wenn der Lehrer engagiert ist. Wie viel politische Bildung in den Schulen stattfindet, hängt vom einzelnen Lehrer oder vom Direktor ab. Zu diesem Ergebnis kommt die Politologin Eva Feldmann-Wojtachnia vom Zentrum für Angewandte Politikforschung der Uni München:

"Die Umsetzung krankt eigentlich in allen Bundesländern am Leistungsdruck und an der Verdichtung der Lernzeiten. Es gibt kein Bundesland, das besonders hervorragend wäre. Am schlechtesten steht aus unserer Sicht das Gymnasium da, die besten Angebote gibt es an den Mittelschulen. Es darf aber nicht dem Einzelfall überlassen werden: Wenn ein Lehrer engagiert ist, funktioniert es, wenn nicht, findet gar nichts statt."

Eva Feldmann-Wojtachnia, Zentrum für Angewandte Politikforschung, München

Mehr Demokratie in den Schulen ist möglich

Langsam entwickelt sich an bayerischen Schulen ein Bewusstsein dafür, dass es nicht ausreicht, politische Bildung allein dem Sozialkundeunterricht zu überlassen. In den Gymnasien beginnt dieser erst in der 10. Klasse und wird nur einstündig gelehrt. Standards für Demokratie-Erziehung jenseits des Unterrichts gibt es nicht. Die Schulen legen unterschiedliche Schwerpunkte: Manche bieten Arbeitskreise am Nachmittag an, etwa zu den Themen Umwelt, Flüchtlinge oder "Jugend gegen Rechts". Andere führen politische Planspiele durch: Die Bundestagswahl im September wollen einige Schulen durch "Juniorwahlen" im eigenen Haus begleiten.

Politische Bildung im Planspiel

Schüler beim Planspiel im Bayerischen Landtag

Im Planspiel "Der Landtag sind wir" können bayerische Schüler im Landtag selbst üben, wie ein Gesetz entsteht. Andere Schulen werten schlicht die gesetzlich verankerten Demokratie-Instrumente auf: die Klassensprecherwahl wird zur echten Wahl. Im Schulforum bekommen Eltern- und Schülervertreter wirklich Mitspracherechte. Einige weiterführenden Schulen lassen inzwischen alle Schüler ab der 5. Klasse über den Schülersprecher in einer sogenannten "Urwahl"  abstimmen - mit Wahlkampfveranstaltungen und Präsentation der Kandidaten.


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