Bayern 2 - Notizbuch


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Neuerungen seit 2017 Pflegegrade statt Pflegestufen

Zu Beginn dieses Jahres ist die Pflegereform in Kraft getreten. Der Begriff "Pflegebedürftigkeit" wurde neu definiert. Es geht nicht mehr um einen Hilfebedarf, der in Minuten gemessen wird. Im Mittelpunkt steht jetzt die Frage: Was kann ein Mensch noch selbständig und wobei braucht er Unterstützung? Dabei spielt es keine Rolle, ob seine Fähigkeiten aufgrund von körperlichen, psychischen oder geistig- kognitiven Erkrankungen eingeschränkt sind. Demenzkranke sollen so einen leichteren Zugang zu den Pflegeleistungen erhalten.

Von: Rainer Ulbrich

Stand: 28.09.2017

"Pflegedienst" steht auf einem Schild eines Fahrzeuges  | Bild: picture-alliance/dpa

Statt bisher drei Pflegestufen gibt es jetzt fünf Pflegegrade

Es gibt nun keine drei Pflegestufen mehr, sondern fünf Pflegegrade. Das soll eine differenziertere Beschreibung des Versorgungsbedarfs ermöglichen.

Wichtigstes Beurteilungskriterium: die Selbständigkeit
Pflegegrad 1: geringe Beeinträchtigungen der Selbständigkeit
Pflegegrad 2: erhebliche Beeinträchtigungen der Selbständigkeit
Pflegegrad 3: schwere Beeinträchtigungen der Selbständigkeit
Pflegegrad 4: schwerste Beeinträchtigungen der Selbständigkeit
Pflegegrad 5: schwerste Beeinträchtigungen der Selbständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung
Früher wurde der Hilfebedarf in Minuten berechnet:
Pflegestufe 1: täglicher Hilfebedarf mindestens 90 Minuten, davon mehr als 45 Minuten für Grundpflege ( Ernährung, Körperpflege und Mobilität )
Pflegestufe 2: täglicher Hilfebedarf 3 Stunden, davon mindestens 2 Stunden für Grundpflege, dreimal am Tag zu verschiedenen Zeiten
Pflegestufe 3: täglicher Hilfebedarf 5 Stunden, davon mindestens 4 Stunden für Grundpflege, auch nachts

Der Bedarf an allgemeiner Beaufsichtigung und Betreuung wird im Begutachtungsverfahren festgestellt.

Seit der Pflegereform ist nun entscheidend, was ein Mensch noch selbständig tun kann und wobei er noch Unterstützung braucht. Um das beurteilen zu können, schaut sich der Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung ( MDK ) verschiedene Bereiche an, sogenannte „Module“.

Sechs Module spielen bei der Begutachtung der Fähigkeiten eine Rolle

1. Mobilität

Wie selbständig kann jemand sich fortbewegen und seine Körperhaltung ändern? Wie kommt er in der Wohnung von einem Raum in einen anderen? Kann er Treppen steigen?

2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten

Kann der Betroffene Personen aus seinem näheren Umfeld erkennen? Ist er örtlich und zeitlich orientiert?

3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen

Ist jemand verhaltensauffällig oder aggressiv? Hat er Wahnvorstellungen oder Ängste?

4. Selbstversorgung

Kann der Betroffene sich alleine waschen und anziehen? Braucht er beim Essen und Trinken Hilfe? Schafft er es selbständig zur Toilette?

5. Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen:

Kann jemand selbständig seine Medikamente einnehmen oder Verbände wechseln? Kann er ohne Hilfe einen Arzt aufsuchen?

6. Gestaltung des Alltagslebens und der sozialen Kontakte

Kann der Betroffene seinen Tagesablauf strukturieren? Ist er in der Lage, sich mit etwas zu beschäftigen, zum Beispiel lesen, fernsehen, Musik hören?

Mit den neuen Modulen und den darin enthaltenen Fragen kann der Gutachter des Medizinischen Dienstes Beeinträchtigungen, die Folge einer Demenzerkrankung sind, wesentlich stärker berücksichtigen als dies früher der Fall war.

Was kann ein pflegebedürftiger Mensch noch selbst tun?

Die Fähigkeiten werden nach vier Kriterien beurteilt.

Beispiel aus dem Modul Mobilität:

selbständig

Als „selbständig“ gilt jemand, der in seiner Wohnung alleine – ohne fremde Hilfe - vom Schlafzimmer in die Küche gehen kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob er dazu ein Hilfsmittel braucht, zum Beispiel einen Stock oder eine Krücke.

überwiegend selbständig

„Überwiegend selbständig“ heißt, wenn der Betroffene eine andere Person benötigt, die neben ihm geht und ihm die Hand reicht, damit er nicht stürzt.

überwiegend unselbständig

Als „überwiegend unselbständig“ wird gewertet, wenn eine Hilfsperson den Betroffenen stützen muss, damit er beim Gehen nicht hinfällt.

unselbständig

„Unselbständig“ ist jemand, der im Rollstuhl vom Schlafzimmer in die Küche geschoben werden muss.

Ermittlung des Pflegegrads anhand von Punkten

Kann jemand etwas „selbständig“, zum Beispiel ohne Hilfe von einem Zimmer in ein anderes gehen, bekommt er keinen Punkt. Ist die Selbständigkeit eingeschränkt, gibt es Punkte nach einem abgestuften System.

überwiegend selbständig: 1 Punkt
überwiegend unselbständig: 2 Punkte
unselbständig: 3 Punkte

Wer nicht mehr selbständig trinken kann, erhält dafür Punkte.

Bestimmte Verrichtungen werden als besonders wichtig gewertet: Wenn beispielsweise jemand nicht selbst trinken kann, werden dafür nicht nur drei Punkte, sondern sechs Punkte veranschlagt. Wer überhaupt nicht mehr alleine essen kann, erhält sogar neun Punkte. Aus der Zahl der Punkte ergibt sich der Pflegegrad. Je mehr Punkte, desto höher ist der Pflegegrad. Um einen Pflegegrad zu erreichen, sind mindestens 12,5 Punkte erforderlich.

Pflegegrad 1: 12,5 bis unter 27 Punkte
Pflegegrad 2: 27 bis unter 47,5 Punkte
Pflegegrad 3: 47,5 bis unter 70 Punkte
Pflegegrad 4: 70 bis unter 90 Punkte
Pflegegrad 5: 90 bis 100 Punkte

Seit 1. Januar 2017 gilt: Geistige Einschränkungen sind ein integraler Bestandteil der Begutachtung und haben damit einen unmittelbaren Einfluss darauf, welchen Pflegegrad jemand bekommt.


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