Bayern 2 - Notizbuch


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Mals in Südtirol Die (fast) pestizidfreie Gemeinde

Die Bürger der Gemeinde Mals in Südtirol hatten genug. Sie wollten nicht mehr den Pestiziden ausgesetzt sein, die im Apfelanbau um sie herum gespritzt werden. In einer Volksabstimmung setzten sie eine Änderung der Gemeindesatzung durch. Seit dem Sommer wird der Beschluss der Südtiroler Gemeinde umgesetzt.

Von: Sara Schönthaler und Tobias Chmura

Stand: 15.09.2016 | Archiv

Ein Traktor beim Spritzen von Pestiziden oder Funghiziden auf einer Apfelplantage. (Archivaufnahme 1996) | Bild: picture-alliance/dpa

Südtirol ist Obstanbauland. So wird auch rund um Mals im Vinschgau intensiver Apfelanbau betrieben. Der konventionelle Obstanbau kommt aber ohne Pestizide nicht aus, denn allerlei Schädlinge setzen den Obstpflanzen massiv zu. Nur so wachsen Millionen makelloser Äpfel, die auch in Bayern in jedem Supermarkt zu kaufen sind. Ein großes Problem beim Spritzen ist der Wind. Er verweht die Pflanzenschutzmittel oftmals über weite Gebiete.

Eine kleine Gemeinde leistet Widerstand

Viele Bewohner der Gemeinde Mals in Südtirol sehen ihre Gesundheit und die ihrer Kinder deshalb in Gefahr. Die Gifte seien krebserregend, der beständig wehende Wind im Vinschgau verteile die Pestizide unkontrolliert im ganzen Tal. 2014 stimmte deshalb eine große Mehrheit der Bürger der Südtiroler Gemeinde Mals dafür, Pestizide in der Landwirtschaft auf dem Gemeindegebiet zu verbieten. Die Gemeindesatzung wurde entsprechend geändert.

Die neue Verordnung für eine pestizidfreie Gemeinde beinhaltet drei Maßnahmen:

  • Der Einsatz bestimmter Mittel ist ganz verboten.
  • Erlaubt sind nur Präparate, die in der biologischen Landwirtschaft möglich sind.
  • Bei allen anderen Mitteln werden strenge Abstandsregelungen eingeführt; das heißt, es müssen bestimmte Abstände eingehalten werden zum Nachbarn, zu öffentlichen Flächen, zu Radwegen, zu Spielplätzen.

In der Praxis bedeutet das: Jeder, der etwas neu anpflanzen will, muss sich an die Bestimmungen der Verordnung halten. Für alle bestehenden Anlagen gilt eine Übergangsfrist von zwei Jahren. Damit soll den Landwirten die Möglichkeit gegeben werden, ihren Anbau auf Bio umzustellen.

"Das führt eigentlich bei uns dazu,  dass der Einsatz von Pestiziden nicht mehr möglich ist. Das heißt, in Zukunft gibt es nur noch biologische Landwirtschaft in Mals."

Ulrich Veith, Bürgermeister von Mals

Konventionelle Bauern wehren sich

Einige der konventionell oder integriert wirtschaftenden Apfelbauern, wie man in Südtirol sagt, wollen sich die Umstellung nicht aufzwingen lassen. Sie sind deshalb vor Gericht gezogen. Genauer gesagt: Einen Tag vor Ablauf der Einspruchsfrist haben 43 Grundeigentümer beim Verwaltungsgericht in Bozen gegen die Pestizid-Verordnung Widerspruch eingelegt. Weil das aber keine aufschiebende Wirkung hat, bleibt die Verordnung bis zum Richterspruch gültig. Für die Kläger heißt es deshalb: Warten, bis das Urteil vorliegt. Und das kann noch dauern.

Zurzeit herrscht relative Ruhe

Der Bauernbund im Bezirk Vinschgau spricht unterdessen von einer "Sensibilisierung" der Bauern. Bei der Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln achteten die Bauern jetzt mehr auf die Windverhältnisse und seien auch bestrebt, mit den Nachbarn zu reden. So habe es diesen Sommer wenig bis gar keine Beanstandungen gegeben. Die Befürworter des Verbots ihrerseits blicken indes zuversichtlich in die Zukunft und hoffen auf eine neue Wirtschaftsform, in der die Ökologie den Ton angibt.

Das Notizbuch verfolgt seit zwei Jahren die Entwicklungen in Mals

Mals

Mit ihrem spektakulären Widerstand gegen die Pestizid-Landwirtschaft haben die Malser ihr Dorf in die Schlagzeilen gebracht. Nicht nur die Nachbarländer berichten über das sogenannte "Wunder von Mals", auch US-Zeitungen schreiben darüber, sogar ein japanisches Filmteam war im Ort, um einen Dokumentarfilm zu drehen.

Filmemacher Alexander Schiebel hat ebenfalls einen Dokumentarfilm gedreht. "Das Wunder von Mals" ist ab 23. September als Serie mit 14 Folgen auf YouTube und im Web zu sehen.


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