Bayern 2 - Notizbuch

Wale und Delfine Pelagos - "Heiligtum der Wale"

Acht Wal- und Delfinarten, unter ihnen Finn- und Pottwale, große Tümmler und Streifendelfine, leben im Tyrrhenischen Meer. Dort sind sie wie mittlerweile überall auf der Welt Bedrohungen ausgesetzt: Schiffsverkehr, Fischerei mit Schleppnetzen, Schadstoffe aller Art, die über das Abwasser ihren Lebensraum verseuchen. 1999 wurde auf auf Betreiben von Umwelt- und Tierschützern eine 90.000 Quadratkilometer große Meeresschutzzone ausgewiesen. Pelagos ist ihr Name, sie reicht von den Küsten Liguriens und der Toskana, vom Fürstentum Monaco und der südfranzösischen Côte d'Azur bis nach Sardinien.

Autor: Christiane Büld-Campetti Stand: 22.12.2011

Weiße Flecken taumeln auf der Horizontlinie. Es sind Möwen auf Nahrungssuche, die ganz nah über dem spiegelglatten Meer kreisen. Plötzlich gerät das Wasser unter ihnen in Bewegung. Silberne Schatten springen hoch und tauchen ein paar Meter weiter spritzend wieder ein. Die Meeresbiologin Letizia Marsili von der Universität Siena holt ihr Fernglas hervor. Seit Stunden hält sie Ausschau nach Walen und Delfinen. Letizia Marsili studiert das Verhalten von Meeressäugern in ihrem natürlichen Lebensraum. Die Tiere sind optimale Bioindikatoren für ihren Lebensraum. Vor allem die großen Tümmler mögen keine Veränderung. Untersucht man fünfzehn oder zwanzig von ihnen, erhält man neben Angaben über ihren Gesundheitszustand auch verlässliche Werte über die Wasserqualität.

Forschung in der Meeresschutzzone

Da man anfangs kaum etwas über die großen Meeressäuger wusste, teilten Forschungsinstitute aus den Anrainerstaaten das Gebiet unter sich auf: Dort studieren sie seitdem das Verhalten der Tiere und erfassen sie über Fotoidentifikation. Silvio Nuti, der das Istituto Cetus in Viareggio leitet, und seine Mitarbeiter beobachten die Tiere in toskanischen Küstengewässern. Anschließend geben sie ihre Daten zur Auswertung an die Wissenschaftler in Siena weiter. 550 verschiedene Waltiere wurden bisher im gesamten Meeresschutzgebiet Pelagos katalogisiert, das sind ungefähr zwanzig Prozent des Gesamtbestandes. Aufgrund der Beobachtung wissen die Forscher heute: die Tiere sind sesshaft, leben im losen Verbund, halten sich vorwiegend in Küstennähe auf und verlassen nur selten ihren gewohnten Lebensraum. In der Regel folgen Waltiere der Strömung und damit den Fischschwärmen. Dann brauchen sie sich bei der Nahrungssuche nicht anstrengen. Delfine stehen ganze vorne in der Nahrungskette. Sie fressen Seeforellen oder Meeräschen, die sich wiederum von Sardinen ernähren.

Lebende "Sondermülldeponien"

Meeresbiologin Letizia Marsili ist Expertin für Toxikologie und hat sich vor zwanzig Jahren auf die Untersuchung von Waltieren spezialisiert. Anfangs musste sie sich damit begnügen, ihre Gewebeproben bei gestrandeten Exemplaren zu entnehmen. Heute ist Biopsie auch bei lebendigen Tieren möglich.

Dafür wird entweder eine mit einem spitzen Röhrchen präparierte, zwei Meter lange Stange, verwendet, mit der aus de Nähe Haut- und Fettgewebe entnommen werden kann. Bleiben die Tiere auf Distanz, wird eine Armbrust mit ebenfalls präparierten Pfeile genommen. Wenn man es richtig anstellt, spüren die Tiere bei einer Biopsie nur so viel wie einen Mückenstich. Was Letizia Marsili im Laufe ihrer Forschungsarbeit unter dem Mikroskop entdeckt hat, liest sich wie eine Aufstellung besonders besorgniserregender Schadstoffe: Pestizide wie DDT, Schwermetalle wie Cadmium und Quecksilber, das Biozid TBT, die Industriechemikalie PCB. All diese hochgiftigen Substanzen sind heute in der gesamten Nahrungskette zu finden, vom Plankton bis hin zu den Waltieren. Was diesen Befund für Delfine und Waltiere noch verschlimmert: Sie scheiden die Substanzen nicht aus, sondern lagern sie im Fettgewerbe ein, wo sich der schädliche Effekt oft noch potenziert. Am Ende ihres Lebens sind sie wie Sondermülldeponien.

Leichtes Spiel für Bakterien und Viren

Sogar Toxoplasmose

Bei einem Pottwall, der Anfang 2011 in der Nähe von Pisa gestrandet ist, wurden die schlimmsten Befürchtungen übertroffen. Neben Veränderungen der Geschlechtsmerkmale haben die Experten bei ihm das Staupevirus, Anzeichen von Hirnhautentzündung und erstmals Toxoplasmose diagnostiziert, eine Krankheit, die sonst nur bei Landtieren auftritt. Dieser Sprung eines Erregers vom Land- zum Meertier ist besorgniserreigend.

Die Meeressäuger sind voller Umweltgifte. Als Folge ist ihr Immunsystem oft derart geschwächt, dass Bakterien und Viren leichtes Spiel haben. Das ist auch für den Menschen keine gute Nachricht. Wale und Delfine sind Säugetiere. Ihr Organismus reagiert ähnlich wie der des Menschen. Alle essen denselben Fisch, der aus einen hochgradig verseuchten Lebensraum kommt. Doch nicht Klimawandel, Zusammenstöße mit Schiffen, Viren, Überfischung, Treibnetze sind die größte Gefahr für die Tiere. Es sind vielmehr die Abwässer aus Industrie, Landwirtschaft und Haushalten, die nach Angaben der Meeresbiologien Letizia Marsili eindeutig die größte Bedrohung für die Tiere dastellen.

Auswirkungen von Plastikmüll

Seit einigen Monaten haben die Meeresbiologen aus Siena ein weiteres Projekt laufen: sie untersuchen die Auswirkungen von Plastikmüll auf Meeresorganismen. Mikroplastik befindet sich mittlerweile im Magen fast aller Fische. Besonders schlimm ist es bei Meeresschildkröten, denn sie schlucken alles herunter, was ihnen vors Maul kommt. Mittlerweile haben die Biologen sämtliche Kunststoffe bei ihnen entdeckt: Phtalate, Kohlenwasserstoffe, Bisphenole, Substanzen, die sich auch in der Kleidung, in Papier und Spielzeug befinden. Natürlich sind diese hochgiftigen Stoffe längst im Fettgewebe der Waltiere gelandet, mit denselben schädlichen Nebenwirkungen.