Moderne Genossenschaft Das Olympische Dorf sorgt für sich selbst
Weil sie mit dem Angebot in der Ladenpassage des Olympiadorfs in München unzufrieden sind, wollen die Bewohner die Läden in naher Zukunft selbst vermieten. Ein schönes Beispiel für Bürgerschaftliches Engagement für die Nahversorgung.
Noch heute gilt das Münchner Olympiadorf als weltweit einzigartiges Städtebauprojekt - über 6000 Bewohner genießen die Insellage als familiäre und autofreie Oase in der Millionenstadt. Zwölf Minuten ins Zentrum, große Arbeitgeber wie BMW in unmittelbarer Nähe und die täglichen Einkäufe lassen sich zu Fuß im Dorf erledigen. Das ist gerade für die Älteren und vielen Menschen mit Behinderung im Dorf ein großer Vorteil.
Monotonie im "Herzstück" des Dorfs
"Sie ist unsere gute Diele, das Herzstück des Dorfs", sagt der Architekt und langjährige Dorfbewohner Eberhard Schunck über die Ladenpassage. Auf 300 Metern Länge bieten 36 Geschäfte und Einzelhändler ihre Dienste an. Doch viele Bewohner sind seit Jahren unzufrieden mit dem Angebot: Fünf Bäckereien streiten um die Kundschaft, während dringend benötigte Dienstleister und Geschäfte wie eine Reinigung oder eine Metzgerei in der Passage fehlen. Die Geschäftsimmobilien gehören vielen unterschiedlichen Vermietern, deshalb können Angebot und Nachfrage allein das Problem nicht beseitigen. Die zahlungskräftigsten und nicht die gefragtesten Branchen bekommen den Zuschlag – und das sind im Moment die Backshops.
Bürgerschaftliches Engagement für die Nahversorgung
Beliebte Wohngegend
Das Olympiadorf war 1972 für die Olympischen Spiele im Norden Münchens als gigantisches Wohnprojekt gebaut worden. Noch heute steht es unter Ensembleschutz. 2008 mussten deshalb die renovierungsbedürftigen Studentenbungalows nahezu identisch wieder aufgebaut werden. Vor 30 Jahren sahen die Kommentatoren das Projekt noch mit gemischten Gefühlen, von der "Wucht der Betonzusammenballung" und "Monotonie immer gleicher Formen" war die Rede. Viele befürchteten, dass es nach den Spielen ein Schicksal wie andere Trabantenstädte oder Plattenbausiedlungen erleiden würde.
Nicht nur die mangelnde Vielfalt in der Nahversorgung steht im Olympiadorf in der Kritik, auch das äußere Erscheinungsbild hatte sich über die Jahre hinweg zunehmend verschlechtert. Auch auf Drängen der Einwohner wurden erst vor kurzem Anstrich und Bodenbelag der Ladenpassage renoviert. "Das war schon ein kleiner Erfolg, aber der Weg ist noch lang", meint Eberhard Schunck. Als Großvater denkt er auch an die Zukunft des Dorfes - seine Tochter wohnt mit ihren kleinen Kindern nur eine Straße weiter.
Bereits 180.000 Euro in zwei Monaten erhalten
Um in Zukunft mitreden zu können, welche Geschäfte sich in der Ladenpassage ansiedeln können, haben engagierte Bewohner die Sache selbst in die Hand genommen. "Wir haben uns letzten August zu elft zusammengesetzt und einfach damit begonnen, Leute für das Projekt zu gewinnen." Eine Genossenschaft, die "Olywelt eG", soll den rechtlichen Rahmen der Initiative bilden. 180.000 Euro hat sie in zwei Monaten schon eingesammelt, knapp die Hälfte der etwa 400.000 Euro, die benötigt werden, um den ersten Laden in der Passage zu kaufen. Die 180 Mitglieder kommen aus verschiedensten Berufen, die Altersspanne liegt etwa zwischen 35 und 75 Jahren, aber auch ein begeisterter Student zählt zu den Mitgliedern.
Breite Zustimmung für die "Olywelt"
Eberhard Schunck hofft zusammen mit seinen Mitstreitern, noch viele Menschen in und auch außerhalb des Dorfs von dem Genossenschaftsprojekt überzeugen zu können. Wenn die Entwicklung anhält, kann vielleicht schon im Frühjahr der erste Laden gekauft werden, dem im besten Fall noch einige weitere Folgen sollen.
"Der Mindestanteil an dem Genossenschaftsprojekt sind 200 Euro, der Schnitt liegt jetzt pro Mitglied bei 1.000 Euro. Es gibt Leute, die haben 10.000 Euro gegeben, manche nur 200 Euro - aber die sind uns natürlich genauso lieb."
Eberhard Schunck, 1. Vorstand der Olywelt eG i.Gr
Auch der im Dorf geschätzte türkische Gemüsehändler Taner Kas hätte nichts dagegen, wenn er seine Miete einmal an die Genossenschaft zahlen müsste: "Ich steh‘ voll dahinter. Schauen wir mal, ob’s klappt!"

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