Bayern 2 - Notizbuch


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Obstklau Finger weg!

Die einen nutzen den Schutz der Dunkelheit, die anderen greifen ungeniert am helllichten Tag zu. Manche nehmen nur eine Beere, andere futtern so richtig was weg. Obstbäume entlang beliebter Rad- oder Wanderwege beispielsweise werden immer häufiger regelrecht geplündert. Aber auch Feldfrüchte erfreuen sich als Gratis-Mitnahmeartikel großer Beliebtheit. Doch wer sich an fremden Früchten bedient, der ist ein Dieb.

Von: Birgit Kraft

Stand: 19.08.2015

Obstklau: Finger weg von fremder Leute Eigentum! | Bild: BR/Birgit Kraft

Herbstzeit ist Erntezeit. Und wenn die Äpfel verführerisch im Baum leuchten, da greift man doch gerne zu, egal ob sie eigentlich in des Nachbars Garten oder auf dessen Streuobstwiese wachsen. Auch anderes Obst, wie beispielsweise Himbeeren oder Weintrauben, ist begehrt. Da kann es schon sein, dass Fremde, wenn nicht sogar die Nachbarn regelrecht "ernten" und man selbst als Besitzer nur noch staunen kann. Da lernt man schnell: Beeren haben und diese Beeren auch selber essen können - das sind zwei Paar Stiefel.

Ist so etwas Mundraub und damit erlaubt?

Verlockende Feldfrüchte. Bitte bezahlen nicht "vergessen".

Auch Feldfrüchte erfreuen sich als "Gratis"-Mitnahmeartikel großer Beliebtheit. Kofferraumweise werde abtransportiert, erzählt beispielsweise ein Bauer, der im Norden von Regensburg Ölkürbisse anbaut. Mittlerweile hat der Landwirt sogar Kassen installiert, damit die 'Kürbisliebhaber' netterweise ihre Beute bezahlen können. Aber nur für die Hälfte dessen, was verschwindet, klingelt Geld im Kasten.

"Der Mundraubparagraf hat eine Privilegierung des Diebstahls vorgesehen, das heißt, jemand, der Essbares geklaut und konsumiert hat, ist milde bestraft worden. Man schafft privilegierte Fälle, die man von Natur aus nicht besonders stark bestrafen will, weil sie eben in damaligen Zeiten Notfälle betroffen haben. Also Leute, die nichts zu essen hatten, die wollte man da nicht so hart bestrafen. Und diese Privilegierung gab's bis 1975, dann ist es weggefallen. So dass jetzt der Mundraub genauso bestraft wird wie jeder Diebstahl. Er kann milder bestraft werden, muss aber nicht."

Artur Nowak, Rechtsanwalt, Bad Abbach

Wer sich an fremden Früchten bedient, der ist ein Dieb

Kinder wissen es noch nicht besser: auf der moralischen Entwicklungsstufe eines Kindes.

Vielen Menschen scheint offenbar nicht bewusst zu sein, dass ein Dieb ist, wer sich an fremden Früchten bedient. Oder warum reißen Menschen, die niemals im Supermarkt eine Banane stehlen würden, beim Spazierengehen ungeniert Äpfel von Bäumen anderer Leute? Entwicklungspsychologe Prof. Dr. Peter Zimmermann von der Universität Wuppertal erklärt das damit, dass in jedem Menschen die moralische Entwicklungsstufe eines Kindes schlummert.

"Bevor man eine Moralvorstellung verinnerlicht hat, beurteilt man, ob man etwas falsch macht oder richtig, danach, ob man einen Vorteil hat davon. Solang man nicht erwischt wird, ist's ok. Man nennt das 'instrumenteller Egoismus', das ist etwas, was unsere Art zu beurteilen beeinflusst, ob etwas moralisch ist oder nicht."

Prof. Dr. Peter Zimmermann, Entwicklungspsychologe, Universität Wuppertal

Der moralische Standard wird angepasst

Verlockend: Apfelbaum am Wegesrand

Erlaubt ist, was mir nützt!? Die meisten Menschen sind moralisch nicht so gefestigt, wie sie von sich glauben. Im Gegenteil. Der moralische Standard wird der jeweiligen Situation angepasst. Beispiel Apfel. Beim Anblick der appetitlichen Äpfel am Wegesrand möchte ich unbedingt in so eine saftige Frucht reinbeißen. Freilich ist es nicht mein Baum, und ich weiß, dass ich mich nicht an fremdem Eigentum vergreifen darf. Aber ich will einen Apfel haben! Jetzt! Und schon setzt ein Abwägungs- und Rechtfertigungsprozess ein:

  • Erstens ist keiner da, der mich sieht, ich muss also nicht befürchten, erwischt zu werden.
  • Zweitens kenne ich den Baumbesitzer nicht persönlich, schade also niemandem aus meinem sozialen Umfeld.
  • Und drittens hängen mehr als genug Äpfel am Baum.

Die Bauern bauen nicht zur Gaudi an, sondern leben vom Verkauf ihre Erzeugnisse.

Die Menge des Schadens, die man verursacht, ist also ein ganz wesentliches Kriterium, um zu beurteilen, ob man jetzt etwas falsch macht oder nicht. Und wenn der vermeintliche Schaden, den man anrichtet, relativ gering ist, dann würde man sagen: 'Ist ja gar nichts passiert.' Vielleicht, so vermutet Entwicklungspsychologe Prof. Peter Zimmermann, wird der Schaden auch deshalb als vernachlässigbar bewertet, weil vielen heute das Bewusstsein fehlt, dass die Pflege eines Apfelbaumes oder der Anbau von Kürbissen Arbeit, Zeit und Geld kosten. Und dass der Bauer, der die Früchte anbaut, von deren Verkauf lebt.

Und die Moral von der Geschicht'?

Wer an fremdem Obst vorbeispaziert und Gelüste verspürt, der sollte entweder den Eigentümer um Erlaubnis fragen oder aber seine Hände ganz fest in die Hostentaschen klemmen.


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