Bayern 2 - Notizbuch

Türkische Gerichte mit Geschichte Oma - ein Einkaufserlebnis

Filiz Penzkofers Oma will die Zutaten für Icli-Köfte - Maisgriesbällchen mit Hackfleischfüllung - einkaufen. Filiz Penzkofer entschließt sich, sie zu begleiten. Ein Erlebnis der besonderen Art, das Nerven kostet ...

Von: Filiz Penzkofer Stand: 27.07.2012
Icli-Köfte | Bild: colourbox.com

Weil Oma nach ihrem letzten Einkauf im Radio ausgerufen wurde, begleite ich sie dieses Mal zum Supermarkt. Sicher ist sicher. Es ist das erste Mal, dass ich mit Oma beim Einkaufen bin. Normalerweise bringt Oma bei ihren Besuchen so viele Lebensmittel mit, als wäre sie auf Antarktis-Expedition und nicht bei ihrer Familie. Oma ist jetzt aber schon so lange da, dass selbst diese Vorräte langsam zu Neige gehen. Außerdem wollen wir heute Icli-Köfte machen, so nennt man mit Hackfleisch gefüllte Bulgurklöße - und die sind ganz schön aufwändig.

Als wir zum Supermarktparkplatz einbiegen, besteht Oma darauf, schon mal auszusteigen. "Du kannst mich schon mal rauslassen, solange du Parkplatz suchst!", sagt sie. "Oma, das ist ein Großparkplatz. Hier sind tausend freie Parkplätze!" Die Beifahrertür knallt. Oma ist schon draußen. Zielstrebig steuert sie die Sammelstelle für Einkaufswagen an. Ich parke das Auto in der nächsten Parklücke. Dann gehe ich zu Oma, die noch immer vor der Sammelstelle steht und energisch auf eine junge Frau einredet, die gerade ihren Einkaufswagen zurückbringen wollte. Die junge Frau seufzt, hebt und senkt resigniert die Arme und nimmt endlich die 50 Cent entgegen, mit denen Oma schon die ganze Zeit vor ihrer Nase herumfuchtelt. Oma übernimmt triumphierend den Einkaufswagen. "Ich hab dem für Hälfte gekauft!", sagt sie stolz. Dann betreten wir den Supermarkt.

Filiz Penzkofer | Bild: BR zum Artikel Filiz Penzkofer Deutsch-türkische Geschichten

Für die türkische Oma redet sie zu bayerisch, für den bayerischen Opa zu preußisch. Aber es ist ihr egal, wie sie redet, solange es was zum Reden gibt. Denn Filiz erzählt gerne Geschichten - und die gehen oft durch den Magen. [mehr]

Wir teilen uns auf. Oma besorgt Bulgur und ich die Walnüsse. Als ich die Walnüsse finde, habe ich Oma verloren. In der Reis-Nudel-Bulgur-Abteilung ist sie nicht. Ich laufe aufmerksam die Regalgassen ab. An der Fleischtheke ist Oma auch nicht. Weil ich schon mal da bin, kaufe ich gemischtes Hack von Rind und Lamm. "Haben Sie meine Oma gesehen?", frage ich die Verkäuferin, als sie mir das Fleisch über den Tresen reicht. Ihr Blick fährt prüfend über die Lammkeule, die Schweinehaxe und bleibt für einen kurzen Augenblick an der Gelbwurst hängen. "Hier ist sie nicht!", sagt sie. Ich will gerade nicken, als ich nicht unweit von mir, vielleicht hinter den Gewürzregalen, die Stimme meiner Oma höre. "Junger Mann! Nicht so schnell!", ruft sie, "nicht so schnell!" Ich verabschiede mich hastig von der Fleischfachverkäuferin und folge dem harschen Ton meiner Oma.

Zwei Regale weiter sehe ich sie: Da steht Oma, aufrecht wie ein General. Ein schlaksiger Junge im weißen Kittel schiebt ihren Einkaufswagen. "Rechts!", dirigiert Oma, als sie mich erblickt, und steuert Jungen und Wagen zu mir. "Wir brauchen noch Kreuzkümmel, Eier und Petersilie", sagt sie. Der Junge am Wagen nickt. "Kennt ihr euch?", frage ich irritiert. Oma klappt ihre Lesebrille, mit der sie sich bisher die Locken aus dem Gesicht gehalten hatte, nach vorne über die Augen und beugt sich vor. "Thomas Baierlein!", liest sie laut vom Namensschild ab. Thomas Baierlein nickt höflich. Dann besorgt er Kreuzkümmel, Eier und Petersilie. An der Kasse entlässt Oma ihn freimütig. "Zu die Auto tragen kann sie!", sagt sie und deutet auf mich. Ich räume schon mal die Einkäufe aufs Band, die Oma dann wieder umsortiert. "Kreuzkümmel kommt vor Petersilie", sagt sie. Als nächstes zwingt sie mich, die Gegenstände laut zu benennen, die vor uns auf dem Fließband liegen. "Was ist das?", fragt sie laut und zeigt auf die Eier. Der Mann neben ihr mischt sich freundlich ein: "Das sind die Produkte einer Henne." Oma schaut ihn streng an. "Auf Türkisch!", sagt sie. "Verzeihung, da muss ich passen!" Oma wendet sich wieder mir zu. "Yumurta!", sage ich. Oma zeigt auf den Bulgur. "Bulgur!" Oma nickt.

Endlich sind wir an der Reihe. Bis die Kassiererin alle Zutaten unseres Icli-Köftes über den Scanner gezogen hat, tippelt Oma ungeduldig von einem Bein auf das andere. Dann legt sie sich plötzlich fast quer über die Verkäuferin und reißt sich selbst den Kassenzettel ab. "Dauert alles zu lange!", sagt sie, als ich sie anstarre. Ich fühle mich schwach. Ich weiß nicht, ob es der Hunger ist oder mein Nervenkostüm. Endlich am Auto angekommen, zwinge ich Oma, den Einkaufswagen da zu lassen. Oma will ihn auf dem Autodach nach Hause transportieren.

Als mir Mutter daheim die Haustüre öffnet, falle ich ihr fast entgegen. "Wo wart ihr denn?", fragt sie. "Einkaufen!", sage ich. Mutter schaut mich mitleidig an. Sie gibt mir ein Glas Tee in die Hand und rückt mir in der Küche einen Stuhl zurecht. Oma kümmert sich um die Füllung, sie brät Hackfleisch mit Zwiebeln und Walnüssen an. Mutter knetet an der Maisgries-Hülle. Als der Teig klebrig genug ist, formen Mutter und ich eierförmige Hüllen daraus, in die Oma das Hackfleisch füllt. Als die goldbraunen Bällchen im kochenden Wasser nach oben steigen, ruft Oma nach Tellern. Ein wenig später sitzen wir bei Knoblauchjoghurt, Icliköfte und Salat beisammen. Es schmeckt so gut, dass ich mir für morgen noch einmal das Gleiche wünsche. "Dann gehen wir morgen eben wieder einkaufen!", ruft Oma. Ich schaue zögernd vom Icliköfte zu Oma und von Oma zum Icli-Köfte. "Okay!", sage ich.

Rezept

Knusprige Schale, würziger Kern: Icli Köfte

Zutaten für 6 Portionen

Für die Füllung:

  • 500 g Hack von Rind oder Lamm
  • 100 g Walnüsse
  • 50 g Butter
  • 2 Zwiebeln
  • 1 Bund Petersilie

Zum Würzen:

  • Salz, Pfeffer
  • Kreuzkümmel
  • Chili
  • Minze

Für die Hülle:

  • 500 g Bulgur
  • 500 ml Wasser
  • 150 g Tartar
  • 150 g Maisgries
  • 50 g Mehl
  • 1 Ei

Zum Würzen:

  • Salca (erhältlich im türkischen Laden)
  • Kreuzkümmel


Zubereitung Füllung:

Zwiebeln und Petersilie zerkleinern. Hackfleisch anbraten, danach Zwiebeln dazugeben, mit Chili, Oregano und Minze würzen und köcheln lassen. Butter, gehackte Walnüsse und Petersilie dazu geben, verrühren und kaltstellen. Je länger die Füllung ziehen kann, umso leckerer wird sie (meine Oma bereitet sie meistens einen Tag früher vor).

Zubereitung Hülle:

Bulgur und Gries auf ein Blech geben, mit kochendem Wasser übergießen und mindestens eine halbe Stunde aufquellen lassen. Anschließend gibt man die übrigen Zutaten mit aufs Blech: Ei, Mehl, Tatar, Salca und Kreuzkümmel. Jetzt kommt der sportliche Teil: Die Mischung muss kräftig geknetet werden. Die Konsistenz ist gut, wenn die Unterarme schmerzen und die Masse eine orangenrote Farbe angenommen hat und klebt. Zum Test kann man eine kleine Kugel formen und sie aufs Blech werfen. Klebt die Kugel, ist die Mischung gut, rollt sie, dann muss noch etwas warmes Wasser beigemischt werden. Sobald die richtige Konsistenz erreicht ist, kann die Hülle gebaut werden. Wer schon mal eine Vase getöpfert hat, wird sich leicht tun, denn das Prinzip ist das Gleiche: Aus dem Teig wird eine (Ei-große) Kugel gerollt, in die man mit den Fingern eine Kuhle formt, die man solange vergrößert, bis die Kugel ausgehöhlt ist. Sie wird nun mit der Hackfleisch-Mischung gefüllt und an der Öffnung sorgfältig verschlossen.

Die Icli-Köfte kommen in einen Topf mit kochendem Wasser und bleiben solange drin, bis sie von alleine nach oben steigen und abgeschöpft werden können.

Afiyet olsun!


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