Betrug mit System? Inkasso-Büros und Abofallen-Betreiber
Mitfahrzentralen, Kochrezepte, Routenplaner und Schnäppchen: Bei diesen Angeboten können Sie in die Abofalle tappen. Dann bekommen Sie Post von Inkasso-Büros - und die arbeiten in Bayern mit System.
Unterhaltsame Mitfahrer, die suchte Gretel Krauss im Internet für ihre Fahrt nach Stuttgart. Der erste Tipp der Suchmaschine war die mitfahrzentrale-24.de. Um in die Angebotsdatenbank zu gelangen, sollte sich die 67-Jährige mit Namen und Adresse anmelden. Das tat Gretel Krauss - und tappte in eine Abofalle. Statt Mitfahrer zu finden, bekam die 67-Jährige ein Zwei-Jahres-Abo für 138 Euro - und lernte, wie Abofallen funktionieren:
Abofallen haben ein System
Locken
Abofallen lauern meist auf Seiten, auf denen sich Kunden einen kostenlosen Service oder Gewinne erwarten, wie zum Beispiel Mitfahrzentralen, Kochrezepte, Routenplaner und Schnäppchen. Auf der Startseite locken große, fröhliche Fotos oder Comics, Preishinweise fehlen. Um in den Genuss des angebotenen Service zu kommen, müssen Kunden ihren Namen und ihre Adresse eingeben. Dass sie schon damit ein Abo abschließen, wird meist nicht klar gesagt, sondern steht verklausuliert und versteckt im Kleingedruckten.
Fordern
Die Rechnung für das unbewusst abgeschlossene Abo kommt meist mit großer zeitlicher Verzögerung - bis zu einem halben Jahr später. Die Widerrufsfrist ist meist abgelaufen und die Kunden erinnern sich sowieso nicht mehr an den Vorgang. Sie sind verunsichert.
Drohen
Wer nicht zahlt, bekommt Post von unseriösen Inkasso-Unternehmen. Schnell und gezielt werden Kunden unter Druck gesetzt - mit Großbuchstaben, Ausrufezeichen, angedrohten Klagen, dazu werden noch Anklageschriften anderer Fälle mitgeliefert.
Drohkulisse - und nichts dahinter
Verhaltens-Tipps
Lassen Sie sich nicht durch die Drohungen unter Druck setzen! Zahlen Sie nicht, widersprechen und widerrufen Sie schriftlich, dann kann Ihnen nichts passieren. 80 bis 90 Prozent der Gerichtsurteile über Abofallen gingen bisher zugunsten der Verbraucher aus, Zahlungsurteile sind die absolute Minderheit, sagt der Karlsruher Rechtsanwalt Benedikt Klas, Spezialist für IT-Recht. "Dass die meisten Irrtümer auch vermeidbar sind, das führt noch nicht zur Straflosigkeit, sondern Betrug ist gerade daraus gekennzeichnet, dass Leute darauf hineinfallen", betont Klas.
Drohung: negativer Schufa-Eintrag
Neben einer Klage drohen unseriöse Inkasso-Büros zudem meist mit einem negativen Schufa-Eintrag. Viele Kunden zahlen dann zähneknirschend - "leider", sagt Christian Seidenabel von der Schufa. Doch weil die Deutsche Zentral Inkasso "strittige Rechnungen" eintreibt, hat die Schufa den Vertrag 2009 gekündigt. Zudem musste die Deutsche Zentral Inkasso eine Unterlassungserklärung abgeben und darf auf der Internetseite nicht mehr damit werben, dass sie ein Vertragspartner der Schufa sei. Das hält das Unternehmen allerdings nicht davon ab, Briefe zu verschicken, in denen mit einem Schufa-Eintrag gedroht wird.
"Da es kein Vertragspartner ist, hat die Deutsche Zentral Inkasso keine Möglichkeiten, die haben auch technisch keine Voraussetzungen, solche Forderungen bei uns anzumelden. Der Verbraucher muss also keine Angst haben, dass diese Daten bei uns angemeldet werden."
Christian Seidenabel, Schufa
Arbeiten Abofallenbetreiber und Inkassobüros zusammen?
Laut Schufa treiben seriöse Inkasso-Büros keine strittigen Rechnungen aus sogenannten Abofallen ein. Unseriöse Inkasso-Büros haben da anscheinend weniger Berührungsängste. Sie werden teils sogar verdächtigt, mit den Geschäftsführern von Abofallen zu kooperieren - bis hin zur Postenverteilung. So sollen zum Beispiel Mitglieder der Abofallen-Unternehmen auch Posten in den Inkasso-Büros haben.
Einer davon ist Frank Drescher: Bei der Deutschen Zentral Inkasso ist der 30-Jährige aus Gammelsdorf bei Landshut als Einzelprokura geführt und ist gleichzeitig bei den Abofallen-Unternehmen OPM Media und Paid Content GmbH tätig. Drescher betreibt Internetseiten, die teure Kopien von Mitfahrer- und Wohnungsvermittlungs-Börsen sind wie beispielsweise Mitfahrzentrale-24.de, Mitwohnzentrale-24.de und analog dazu Drive2you und live2gether. Ist das noch legal? Rechtsanwalt Benedikt Klas:
"Dass es personelle Verflechtungen gibt, ist nicht strafbar, aber es ist so, dass meines Erachtens - und zum Glück auch vieler Staatsanwaltschaften - das Betreiben von Abofallen an sich strafbar ist. Genauso wie die bewusste Geltendmachung dieser nicht-existenten Forderungen, wie es die Inkasso-Büros betreiben. Die personelle Verflechtung ist ein weiteres Indiz dafür, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht. Es hat ein ganz deutliches Gschmäckle - und es zeigt ganz deutlich, dass es sich hier um betrügerische Geschäftsmodelle handelt."
Benedikt Klas, Rechtsanwalt, Karlsruhe
Banken gegen Internet-Abzocker
Frank Drescher streitet in einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber dem Bayerischen Rundfunk alle Vorwürfe ab und verweist darauf, dass er strafrechtlich bisher nicht belangt wurde. Das könnte sich aber in Zukunft ändern. Die Luft für die Deutsche Zental Inkasso wird immer dünner: Das Bankkonto bei der Sparkasse Saarbrücken wurde kürzlich gelöscht - obwohl die Firma vor Gericht gegangen ist.
Bisher waren die Banken immer die Archillesverse der Internet-Abzocker, kommentiert der Bankangestellte und Buchautor Andreas Sterntal. Die Geschäftsbanken in Frankfurt hätten einen Arbeitskreis gegen Abzocker gegründet, daher suchten sich die Abzocker derzeit vor allem Konten bei den Sparkassen und auch bei den Volks- und Raiffeisenbanken.
Abofallen lohnen sich - noch
Doch weder die Kündigung eines Kontos, noch die Einstellung einer Internetseite können die Betreiber von Abofallen von ihrem lukrativen Geschäft abhalten. Sie gründen einfach wieder ein neues Konto - mit Strohmännern, die sich gegen Bezahlung ins Impressum eines neuen Online-Angebots eintragen lassen. Da stellt sich sogar Justizministerin Beate Merk die Frage, ob es überhaupt etwas nützt, wenn ein solches Unternehmen die Zulassung verliert:
"Wenn eine Zulassung zurückgezogen wird, muss man immer damit rechnen, dass am nächsten Tag ein neues Unternehmen mit einem anderen Namen, aber mit den gleichen Hintergrundleuten gegründet wird. Das ist ein Problem: Nützt das alles überhaupt?"
Justizministerin Beate Merk
Neues Gesetz soll mehr Transparenz bringen
Helfen Sie mit!
Helfen Sie als Verbraucher mit, Abofallen-Zirkeln das Handwerk zu legen. Sammeln Sie Beweise gegen die Abzocker, zum Beispiel mit Screenshots (Fotos) der entsprechenden Internetseiten.
Die Justizministerin will deshalb ein Gesetz auf den Weg bringen, das dafür sorgt, dass Inkasso-Büros transparentere Rechnungen verschicken müssen. Merk hält es für möglich, dass der bayerische Abofallen-Zirkel sich in nächster Zeit vor Gericht verteidigen muss - wegen banden- und gewerbsmäßigen Betrugs.
Bei einer Gerichtsverhandlung im August ist es allerdings nicht gelungen, der Deutschen Zentral Inkasso die Lizenz zu entziehen. Die Staatsanwaltschaft Landshut ermittelt aber derzeit gegen Frank Drescher - wegen Betrugs mithilfe von Abofallen.

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