Schwieriger Stoff Wer bezahlt für unsere Billigklamotten?
In den Schaufenstern bietet sich uns heute eine Produktflut von Kleidung, häufig zu Schnäppchenpreisen. Doch meist werden die Kleidungsstücke in Asien produziert, und zwar oftmals unter schlechten Umwelt- und Arbeitsbedingungen. Es gibt aber auch Labels, die nachhaltige Mode anbieten.
"... Aus meiner europazentrischen Sicht bin ich aufgewacht und hab' halt bemerkt, dass andere dafür bluten, was ich bei H&M billig kaufe."
Enrico Rima, Mitgründer der Berliner Stoff-Agentur 'Lebenskleidung'
Weltweit, so schätzen Textilexperten, werden rund achtzig Milliarden Kleidungsstücke pro Jahr produziert. Nach den USA gilt Deutschland als der zweitgrößte Textilimporteur der Welt. Ein Konsum mit erheblichen Folgen für Mensch und Umwelt.
"Man versucht, so billig wie möglich an die Ware zu kommen. Ein deutscher Unternehmer hat mal gesagt: 'Optimal wäre Kleiderfabrik auf Schiff, und dann führen wir dahin, wo die Arbeit am billigsten ist.' 95 Prozent unserer Kleidung, die wir tragen, wird nicht in Deutschland hergestellt. Also kann man sich ausrechnen, dass im Grunde bis auf wenige Ausnahmen auch deutsche Bekleidungsunternehmen im Ausland produzieren lassen."
Christiane Schnura, Kampagne für saubere Kleidung
Auf dem Rücken der Arbeiterinnen
Allein in Bangladesch sollen rund 5.000 solcher Textilfabriken stehen mit 3,5 Millionen Beschäftigten - hauptsächlich Frauen. Gewerkschaften, die sich dort für bessere Arbeitsumstände stark machen, gibt es in der Regel nicht. Einen der Gründe für die schlechten Arbeitsbedingungen sieht Christiane Schnura von der 'Kampagne für saubere Kleidung' in der Einkaufspraxis der Modeunternehmen, und zwar auch der deutschen.
"Die Unternehmen gestalten Lieferfristen immer kürzer, und Lieferanten haben großen Druck und versuchen das mit ihrer Stammbelegschaft termingerecht abzuarbeiten. Ansonsten drohen Konventionalstrafen und im schlimmsten Fall nimmt der Auftraggeber, sprich das deutsche Bekleidungsunternehmen, die Ware gar nicht mehr ab. Den Druck gibt der Lieferant an seine Mitarbeiter weiter, und das führt dazu, dass die Tore abgeschlossen werden und Frauen nicht rauskommen, solange der Auftrag nicht abgearbeitet ist."
Christiane Schnura, Kampagne für saubere Kleidung
Edelmarke schützt vor Ausbeutung nicht
Billigklamotten und hochpreisige Designerkleidung sind gleichermaßen betroffen. In der Regel verdienen die Näherinnen am T-Shirt, an der Hose oder am Schuh gerade mal ein Prozent des Ladenpreises. Viel Geld geht, insbesondere bei teuren Markenprodukten, unter anderem in die Ausschüttung der Aktionäre, in Transport und Werbung. Die 'Christliche Initiative Romero' kritisiert zudem die mangelne Wirksamkeit von Kontrollen bei den Herstellerbetrieben in Entwicklungsländern.
"... oft sind die Arbeiterinnen so eingeschüchtert, dass sie sich nicht trauen, die Wahrheit zu sagen. Das sind alles Länder, in denen die Arbeitslosigkeit ohnehin sehr hoch, und meist sind es alleinerziehende Mütter. Die sind doppelt erpressbar, weil sonst ihre Kinder nichts zu essen haben, wenn kein Geld aus der Fabrik kommt. Und daher wird alles getan, um zu vermeiden, dass man entlassen wird. Man bräuchte ganz andere Kontrollen, dass etwas über den Fabrikalltag ausgesagt wird."
Maik Pflaum, Christliche Initiative Romero'
Jedes Kleidungsstück verbraucht Unmengen Rohstoffe
Auch in Sachen Umwelt hat die Textilindustrie erschreckende viele Schattenseiten. Das Drama beginnt bereits auf dem Acker, beispielsweise in China, Indien, Pakistan, Brasilien und Usbekistan, die zu den Top-Ten-Produzenten von Baumwolle zählen.
"Baumwollanbau ist einer der wasserintensivsten Bereiche der Landwirtschaft, und man sagt: Pro Tonne Baumwolle werden ca. 4.000 bis 27.000 Kubikmeter Wasser verbraucht. Runter gerechnet auf ein Kilogramm Baumwolle sind das zehn Kubikmeter und für ein T-Shirt, das 250 Gramm wiegt, sind es immer noch 2.000 bis 3.000 Liter Wasser. Das Austrocknen des Aralsees ist vor allem darauf zurückzuführen, dass Unmengen an Wasser aus dem See für die Baumwollproduktion entnommen wurden."
Manfred Santen, Chemie-Experte der Umweltorganisation Greenpeace
Auch für den organischen Anbau von Baumwolle ist viel Wasser nötig. Das liegt in der Natur der Baumwollpflanze. Aber organisch angebaute Baumwolle ist weniger umweltbelastend.Und zwar nicht zuletzt, weil wenig bis gar keine Pestizide und Insektizide zum Einsatz kommen.
"Baumwolle kann organisch angebaut werden (...) unter fairen Arbeitsbedingungen mit fairen Preisen. Man kann für die Färberei Substanzen einsetzen, die nicht krebserregend oder hormonell wirksam sind. Man kann färben ohne viel Wassereinsatz mit Kohlendioxid. Man kann Kartoffelstärke nehmen oder Mimosenextrakt zum Färben. Da gibt es einen ganze Reihe von Ansätzen aus dem Naturchemiebereich, aber auch technisch ist einiges zu verbessern. Es gibt da eine Reihe von Entwicklungen, die Umwelt und Mensch deutlich weniger schaden!"
Manfred Santen, Chemie-Experte der Umweltorganisation Greenpeace
Wer hat ein Öko-T-Shirt im Schrank?
"Saubere" Kleidung findet sich hier zu Lande in so genannten Concept-Stores für grüne Mode. Wer sich für den Kauf solch grüner Modeartikel entscheidet, der stimmt - einfach ausgedrückt - für weniger giftige Chemikalien und mehr Gerechtigkeit: für Pflanzen, die auf giftfreien Äckern wurzeln, für faire Bezahlung der Bauern, für eine Verarbeitung mit weniger Chemikalien, für Nähereien mit hohen Sozialstandards und für Kontrollen in der gesamten Produktionskette, die sicherstellen, dass die Waren tatsächlich "clean" sind.
Als vertrauenswürdig geltende Label
Europäisches Umweltzeichen
Herausgeber: Europäische Kommission
Kriterien: Umweltfreundliche Herstellung. Geringe Verschmutzung der Gewässer. Die Nutzung des Zeichens ist zeitlich begrenzt.
Fairtrade Certified Cotton
Herausgeber: Transfair
Kriterien: Gerechte Bezahlung und genossenschaftliche Organisation der Kleinbauern. Umweltfreundliche Methoden, aber nicht unbedingt Bio. Keine Zwangs- und Kinderarbeit.
Globale Organic Textile Standard (GOTS)
Herausgeber: Internationale Gruppe, darunter der Internationale Verband der Naturtextilwirtschaft
Kriterien: Rohstoffe müssen zu 90 Prozent aus überwiegend ökologisch produzierten Naturfasern bestehen. Keine Kinder- und Zwangsarbeit. Gerechte Bezahlung.
Naturtextil-Best-Gütezeichen
Herausgeber: Internationaler Verband der Naturtextilwirtschaft
Kriterien: Ausschließlich ökologische Fasern. Sozialstandards der Internationalen Arbeitsorganisation. Keine Zwangs- und Kinderarbeit. Gerechte Bezahlung.
LamuLamu
Herausgeber: Landjugendverlag
Kriterien: Baumwolle, die zu 100 Prozent aus kontrolliert biologischem Anbau stammt. Bestimmungen der Internationalen Arbeitsorganisation müssen eingehalten werden.
Blauer Engel
Herausgeber: RAL Umwelt
Kriterien: Bessere Umweltstandards im Herstellungsprozess. Verbesserung der Arbeitssicherheit und der sozialen Bedingungen in der Herstellung. Vermeidung gesundheitsbelastender Chemikalien im Produkt.

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