Bayern 2 - Notizbuch

Gestorben wird immer Vom Umgang mit dem Tod auf dem Land

In vielen Bauernfamilien wohnen die Altenteiler mit am Hof und sterben auch dort. Anders als in der Anonymität der Städte bleiben die Toten in der Dorfgemeinschaft lebendig. In vielen Dörfern wird für Verstorbene noch der Rosenkranz gebetet, und zur Kremeß oder zum Leichenschmaus werden alle eingeladen. Von Kindesbeinen an bekommt man mit, dass der Tod zum Leben dazu gehört, viel Aufhebens wird darum nicht gemacht.

Von: Gertrud Helm Stand: 22.11.2012

"Ich bin als Kind neben der Kirche aufgewachsen, und wir hatten ein Leichenhaus. Bei uns waren alle vom ganzen Dorf aufgebahrt. Ich habe ein ganz anderes Bild vom Sterben als Kind schon gehabt, dann ist es mal verloren gegangen, und jetzt habe ich es wieder. Und ich bin dankbar, dass ich das so erleben darf."

Dorle Reiter, Angehörige

"Ich denke, die Menschen, die mit Natur verbunden sind, haben ein total anderes Verständnis dafür. Man hat eine andere Einstellung zum Leben. Man sieht, wie die Tiere geboren werden und sterben, wie die Felder geerntet werden, die Bäume Blätter verlieren, aber dann sieht man auch diesen Frühling."

Helena Snela, Sterbebegleiterin in einem kleinen Hospiz auf dem Land

Früher war der Tod auf dem Land immer ein fester Bestandteil des Lebens. Davon ist auch heute auf dem Land noch viel zu spüren, vor allem in der bäuerlichen Bevölkerung.

Kerzen und Blumen für die Verstorbenen

"Durch Licht anzünden würdigen wir den Verstorbenen, geben wir auch ein Zeichen für die Menschen, die das Haus betreten, da ist etwas Wichtiges passiert, da ist ein Mysterium geschehen, jemand ist gestorben. Das ist ein sehr wichtiger Moment für uns alle: Wenn jemand geht, die Erde verlässt, ein Leben ist zu Ende gegangen."

Helena Snela, Sterbebegleiterin

Im Hospiz gehört der Tod zum Leben dazu, Angehörige, Freunde, Bekannte und Nachbarn dürfen hier von ihren Verstorbenen Abschied nehmen:

"Die Menschen, die trauern, dürfen beim offenen Sarg Abschied nehmen und alles, was gut war und nicht gut war, noch mal zur Sprache bringen. Dann passieren auch noch Versöhnungen. Bei offenem Sarg wird auch einem bewusst, dass der Mensch tatsächlich gestorben ist. Wenn man nur den geschlossenen Sarg sieht, das ist etwas Unrealistisches, man weiß es nicht, man hat nicht mit den Augen gesehen. Wenn man noch am Sarg meditiert, betet, spricht, was auch immer, erleichtert das die Trauer."

Helena Snela

... in der Stunde unseres Todes

Hände zum Gebet, mit Rosenkranz | Bild: picture-alliance/dpa
Totenwache, Aussegnung und Sterberosenkranz

Früher ist zweimal der Rosenkranz gebetet worden. Der Verstorbene war aufgebahrt im Sarg oder auf dem Totenbrett, das man vors Haus gestellt hat als Erinnerung. Dort hat man miteinander getrauert, und es wurde Totenwache gehalten. Häufiger als in der Großstadt werden auf dem Land Verstorbene auch heute noch zu Hause von den Angehörigen gewaschen, angekleidet und aufgebahrt. Bis zu drei Tage dürfen Verstorbene im Haus bleiben. Für die Katholiken auf dem Land gehört noch immer das Rosenkranzbeten zu einer richtigen Leich’ dazu. Der Sterberosenkranz wirkt wie eine Meditation, wie das Einschaukeln in eine Art Trancezustand, der neue Kräfte geben kann.

Was früher die Nachbarn gemacht haben, macht heute der Bestatter

Sargträger | Bild: picture-alliance/dpa
Die Nachbarn haben sich früher um alles gekümmert.

Früher war es so, dass die Nachbarn den Sarg getragen, das Grab geöffnet und nach der Beerdigung wieder geschlossen haben. Zuvor haben sie den Verstorbenen angekleidet, darauf geachtet, dass das Totenglöckchen geläutet wird, damit jeder weiß, jetzt ist einer gestorben. Der Pfarrer ist gekommen. Die Angehörigen hatten nicht viel damit zu tun gehabt, die Nachbarschaft hat sich um alles gekümmert. Heute werden diese Aufgaben auch auf dem Land zunehmend Bestattern übertragen. Wie jemand beerdigt wird, das ist, wie fast alles in unserer Kultur, der Mode unterworfen, auch auf dem Land.

Ob mit Naturbild oder christlichem Symbol, ein Sterbebild muss sein

Besonders deutlich wird der Umbruch an den Sterbebildern. Die Gedenkbilder waren früher immer mit einem christlichen Motiv auf der Vorderseite versehen. Das ist heute äußerst selten. Die Vorderseite zeigt fast immer Naturmotive wie Wasser und Bäume. Selten geworden ist dagegen eine Madonna oder ein Kreuz.

"Wenn man heute ein Sterbebild macht, also ein Gedenkbild ohne Foto interessiert sich kein Mensch fürs Bild, das tät keiner behalten. Wichtig ist wirklich das Foto [der verstorbenen Person], wichtiger als der Spruch, der drinnen ist. Es ist ja auch ein Gedenkbild, man sollte ja des behalten und später mal wieder anschauen. Wenn wir den Sarg im Friedhof aufbahren, dann stellen wir immer ein großes Foto auf von dem Verstorbenen. Dann ist das Ganze wieder ein Mensch. Es ist wieder greifbarer."

Petra Six, Bestatterin

Die letzte Ehre erweisen

Blumenschmuck bei einer Beerdigung | Bild: picture-alliance/dpa
Prächtiger Blumenschmuck

Geprotzt wird nicht beim Umgang mit dem Tod, jedenfalls nicht mehr. Die Betroffenen sind pragmatisch geworden. Ein aufwändig geschnitzter Sarg kostet viel Geld und verschwindet dann unter der Erde, wozu also mehr Geld ausgeben als vernünftig. Immer mehr Menschen entscheiden sich heute auch nicht mehr für die Erdbestattung, sondern für eine Urne, selbst auf dem Land. Nicht zuletzt, weil die Kinder oft gar nicht mehr am Ort leben und das Grab pflegen können. Den Blumenschmuck aber lassen sich die Hinterbliebenen durchaus etwas kosten, und auch bei der Todesanzeige wird mit Sinnsprüchen und Texten mehr Augenmerk auf das Leben des Verstorbenen gelenkt. Weitgehend verschwunden ist das lange Tragen von Trauerkleidung, wenngleich für viele Menschen die schwarze Bekleidung ein gewisser Schutz ist, eine Trauerhilfe. Eines aber ist offenbar geblieben, trotz aller Modernität und trotz Verstädterung beim Totenkult: der Wunsch nach dem Geistlichen am Totenbett.

"Auf einmal kommt so eine Erinnerung an die Kindheit, und sie wünschen sich den Priester. Sie wünschen sich die Messe. Manche sind schon aus der Kirche ausgetreten und wünschen sich trotzdem den Priester."

Helena Snela

"Pfiati, Opa ..." - Wie Kinder auf den Tod reagieren

Während Erwachsene den Tod gerne verdrängen und als etwas Schreckliches erleben, gehen Kinder zumeist viel unbefangener mit dem Tod um. Die Erfahrung zeigt das immer wieder:

"Ich wurde am frühen Morgen zu einem verstorbenen Opa gerufen. Die größte Sorge der Eltern war, wenn die Kinder jetzt kommen. Sie wollten sie fernhalten. Ich habe gesagt, auf keinen Fall. Und der Sohn kam, fünf Jahre, und ich habe ihm erklärt, jetzt ist der Opa eingeschlafen, der schläft jetzt für immer. Ja wo isser? Ja beim lieben Gott. Und dann hat er ihm die Hand gegeben und gesagt, pfiati Opa, schlaf' guad und vergiss' mich nicht. Das war für die Eltern auch ganz ergreifend, und da dürfen wir von den Kindern sogar lernen."

Walter Waldschütz, Dekan


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