Bayern 2 - Notizbuch

Nah dran Immer nur Vorfahrt fürs Auto?

Eine Großstadt wie München wird zwar von Menschen bewohnt - den meisten Platz auf ihren Straßen beanspruchen aber parkende oder fahrende Autos. Fußgänger und Radfahrer werden an den Rand gedrängt. Die Automobile verursachen zudem Lärm und Abgase, und die machen krank. Gleichzeitig wachsen die Pendlerströme: Während Stadtbewohner teilweise auf das Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel umsteigen, fahren immer mehr Bewohner des Umlands täglich mit dem Auto in die Stadt.

Autor: Lorenz Storch Stand: 02.02.2012

München gehört in Sachen Feinstaub zu den Spitzenreitern unter den deutschen Städten. Seit Oktober 2008 gibt es deshalb innerhalb des Mittleren Rings eine Umweltzone. Wer mit dem Auto in die Innenstadt möchte, muss eine gültige Feinstaub-Plakette oder eine Ausnahmegenehmigung haben.

Abgase, Feinstaub und Lärm

Nicht nur Autoabgase machen krank, sondern auch der Lärm setzt den Menschen zu. An manchen Straßen werden über 70 Dezibel erreicht. Schon bei 65 Dezibel, das entspricht einer etwas leiseren Kneipenkulisse, nehmen Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich zu, die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit nimmt ab. In der Nacht kommt es schon bei 55 Dezibel zu diese Erscheinungen.

Autos ersticken das Leben in einer Straße

Das hat der amerikanische Städteplaner Donald Appleyard schon vor dreißig Jahren nachgewiesen. In seiner Studie "Livable Streets" verglich Appleyard in San Francisco drei Straßen mit geringem, mittlerem und starkem Autoverkehr und befragte die Anwohner. Das Ergebnis: Wo wenig Autos fahren, kennen sich die Menschen untereinander besser, sie begegnen sich häufiger, das soziale Netz ist enger. Nur wenn sie nicht in Autos erstickt, kann eine Straße ein Lebensraum sein, der Menschen verbindet und nicht trennt.

Begegnungszone - (k)eine Utopie

Eine Begegnungszone, auch als 'Shared space' bezeichnet, ist eine Fläche ohne Fahrbahn und ohne Vorfahrt für Autos. Alle Verkehrsteilnehmer, sprich Fußgänger, Radler und Autofahrer, haben dort das gleiche Recht.

"Parkraummanagement"

Parklizenzbereich

München boomt, die Zahl der Einwohner und der Arbeitsplätze steigt - in der Stadt, vor allem aber auch im Umland. Dennoch geht der Autoverkehr über die Isarbrücken seit etwa 1990 zurück und ist jetzt wieder auf dem Niveau wie Anfang der 80er Jahre. Ähnlich ist die Entwicklung im Nord-Süd-Verkehr über die Hauptbahntrassen in München. Das ist auch auf das so genannte Parkraummanagement zurückzuführen.

City Maut ist nicht erlaubt

Eine Einfahrtsgebühr in die Innenstadt wie die City Maut in London oder anderen europäischen Großstädten ist in Deutschland nicht erlaubt.

In München gibt es innerhalb des Mittleren Rings kostenlose Parkplätze nur noch für Bewohner des jeweiligen Stadtviertels. Berufspendler finden deshalb kaum noch Parkplätze in der Stadt und steigen vermehrt auf öffentliche Verkehrsmittel um.

Mehr Platz für Fußgänger und Radler

München hat sich zur "Radl-Hauptstadt" ernannt und will das Fahrradfahren weiter fördern. In den nächsten Jahren sollen Autofahrer deshalb etwas von ihrem Raum abgegeben, denn auf den Radwegen ist es mittlerweile schon ziemlich eng. Was lange ein Tabu war, soll jetzt also kommen: Fahr- und Abbiegespuren sollen Radwegen Platz machen, Parkplätze sollen Radlständern weichen.

Verkehrspolitik der Zukunft

Die Stadt der Zukunft ist nicht autogerecht, sondern sie soll den Menschen gerecht werden, die darin leben. Die EU-Kommission gibt in ihrem neuen Weißbuch zur Verkehrspolitik ein ehrgeiziges Ziel vor:

  • Bis zum Jahr 2030 soll der konventionelle Autoverkehr in Europas Städten halbiert werden.
  • 2050 sollen dann gar keine Kraftfahrzeuge mit Verbrennungsmotor mehr in die Städte fahren.