Bayern 2 - Notizbuch

"Schwule Sau" und andere Nettigkeiten Homophobie in der Schule

Sich an der Schule als schwul oder lesbisch zu outen, davor haben Schüler und Lehrer meist noch große Angst. Denn die Schule ist einer der homophobsten Orte unserer Gesellschaft und noch immer ist die Gefahr groß, ausgelacht, beschimpft, beschämt oder drangsaliert zu werden.

Stand: 12.06.2012

In der Schule lernt die nächste Generation fürs Leben, wie Menschen miteinander umgehen und wie man Menschen behandelt, die in irgendeiner Form anders sind als der Mainstream. Kinder und Jugendliche können üben, wie weltoffen und menschenfreundlich sie auch später mit anderen umgehen.

Homosexuelle Jugendliche begehen sechsmal häufiger Suizid

Identitätssuche

Schule ist einer der homophobsten Orte unserer Gesellschaft. Denn gerade in der Phase, wo junge Menschen auf der Suche nach ihrer (geschlechtlichen) Identität sind, entwerfen sie ein absolutes Rollenbild und entwerten alles, was dem nicht entspricht. Deshalb können alle Schülerinnen und Schüler, die anders sind, der Ausgrenzung durch ihre Klassenkameraden nur schwer entgehen.

Besonders starke Ausgrenzung erfahren immer noch lesbische und schwule Jugendliche. Nach einer neuen Studie der Landeshauptstadt München können nur die wenigsten ihren Altersgenossen gegenüber offen zu ihrer Liebesweise stehen. Sie fürchten Schimpfwörter wie "schwule Sau" und "Lesbenschlampe" und verstecken sich vor den anderen mit einem wesentlichen Teil ihrer Persönlichkeit. Sie erleben enormen Druck und leiden unter Schuld- und Schamgefühlen. Nicht umsonst nehmen sich homosexuelle Jugendliche sechsmal so oft das Leben wie ihre heterosexuellen Altersgenossen.

Auch homosexuelle Lehrer füchten sich vor Mobbing

Besonders starke Ausgrenzung erfahren immer noch lesbische und schwule Jugendliche.

Nicht viel leichter haben es die Lehrer: Die meisten schrecken ebenfalls davor zurück sich zu outen und haben Angst davor, "entdeckt" zu werden. Auch sie fürchten sich vor dem Mobbing durch aggressive Schüler. Ein Drittel aller lesbischen und schwulen Lehrer fühlt sich an der Schule diskriminiert. Sie werden von Schülern und Kollegen beargwöhnt, manche sogar beleidigt, ausgegrenzt oder bedroht. Viele trauen sich nicht, an ihrem Arbeitsplatz zu ihrer Liebesweise zu stehen. Nach einer Untersuchung aus Norddeutschland ist nur die Hälfte der schwulen Lehrer vor den Kollegen geoutet - vor den Schülern nur ein Viertel.

Schule als Ort der Ausgrenzung oder des Miteinanders?

An vielen deutschen Schulen wurden deshalb Aufklärungsprojekte ins Leben gerufen, die mit den typischen Klischees und den Vorurteilen gegenüber Lesben und Schwule aufräumen. Sie sollen für ein liberaleres Klima in einer Klasse und damit an einer Schule sorgen. Und tatsächlich: Die Aufklärungsprojekte zeigen Erfolg. Vor allem Jungs sind hinterher weniger aggressiv gegenüber homosexuellen Klassenkameraden. Das liegt daran, dass die Mädchen meist schon vorher liberaler eingestellt waren. Jungs müssen sich nämlich viel stärker von schwulen Buben und Männern abgrenzen als Mädchen von Lesben.

"Die männliche Identität ist relativ brüchig im Vergleich zur weiblichen: sie müssen sie sich erarbeiten! Sie kann aberkannt werden bei Fehlverhalten und setzt Jungs unter hohen Konformitätsdruck, den sie weitergeben an ihre Altersgenossen. Wer erwachsen ist, verheiratet, im Beruf steht, der ist sich sicher in seiner männlichen Identität. Das können 14-,15-Jährige nicht behaupten - und deshalb reagieren sie empfindlich auf alles, was ihre Identität in Frage stellen könnte. Da gehört eine alternative männliche Identität, also zum Beispiel Schwule auch dazu, das wird als Angriff auf die eigene Identität gewertet."

Pädagogik-Wissenschaftler Stefan Timmermanns 

Die weibliche Identität junger Frauen ist weniger brüchig. Deshalb sind diese meist liberaler eingestellt.

Das ist wohl der Hauptgrund, warum die Schulen immer noch Hochburgen der Homophobie sind. Der Pädagogik-Wissenschaftler Stefan Timmermanns  wundert sich nicht, dass Jungs über Schwule Witze reißen, sie ausgrenzen und sogar körperlich angreifen. Schließlich bekommen sie von den erwachsenen Männern oft kein anderes Vorbild. Wenn Menschen allerdings darauf verzichten, andere zu diskriminieren, machen sie aber nicht nur diesen anderen das Leben leichter, sondern sie sorgen auch für Vielfalt in ihrem eigenen Leben, meint Stefan Timmermanns.

"Anders liebende Menschen bieten die Gelegenheit, Klischees und überkommene Rollenmodelle in Frage zu stellen und eigenes dagegen zu setzen. Muss man natürlich nicht 1:1 übernehmen, aber man kann sich davon bereichern lassen."

Pädagogik-Wissenschaftler Stefan Timmermanns 

Aufklärungsprojekte sorgen nicht nur dafür, dass lesbische und schwule Schülerinnen und Schüler weniger Angst vor Diskriminierung haben müssen, hat der Wissenschaftler Stefan Timmermanns festgestellt. Denn wenn Schüler ihre homosexuellen Klassenkameraden weniger ausgrenzen, wird das Schul-Klima insgesamt offener und humaner. Dann kann jeder mehr zu dem stehen, was ihn ausmacht. Denn in irgendeinem Punkt ist jeder anders als die andern.


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