Feminismus heute Rückblick auf 45 Jahre Frauenbewegung
Lila Latzhosen oder birkenstocktragende Blaustrümpfe - das Image der "Feministin" war noch nie besonders sexy. Doch was ist tatsächlich aus den Frauen geworden, die in den 70ern die autonome Frauenbewegung im Deutschland initiiert haben?
Es gehört wohl zur Geschichte des Feminismus, dass das Wort für viele ein Schimpfwort ist. Während der ersten Frauenbewegung Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hätten sich Sozialistinnen und Proletarierinnen auch nie so bezeichnet. Clara Zetkin, die Sozialistenführerin, würde sich im Grab umdrehen, sollte man sie zur reinen Kämpferin für Frauenrechte abstempeln. Sie wollte Seite an Seite mit Männern für eine Welt kämpfen, in der alle gleiche Rechte haben. Was ist heute noch geblieben von den Träumen der Frauen damals?
"Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt" – das Aufblühen der Frauenbewegung
In den siebziger Jahren kam es in Deutschland zu einer Blüte der feministischen Bewegung, zu einem lustvollen, lauten Aufbegehren der Frauen gegen die Ungerechtigkeit der Geschlechterrollen. Zum Beispiel Helke Sander, Filmemacherin, sie wird am 31.Januar 2012 75 Jahre alt. Damals, 1968, war sie gerade aus Finnland zurück nach Deutschland gezogen und hier verzweifelte die alleinerziehende Mutter daran, dass es so gut wie keine Infrastruktur für die Betreuung ihres Sohnes gab.
"Es fing schon damit an, dass ich für meinen Sohn damals keinen Kindergartenplatz gefunden habe. Und die einzige Möglichkeit, die ich mir damals angeguckt habe, die fand ich so entsetzlich, da habe ich gedacht, nee, da gebe ich den nicht hin. Der war vollkommen überfüllt, ganz streng behandelt wurden die Kinder da. Und autoritär herumgeschubst. Und das fand ich einfach unzumutbar. Weil ich den Vergleich hatte mit skandinavischen Kindereinrichtungen."
Helke Sander, Filmemacherin
Der Kontakt zum Sozialistischen Deutschen Studentenbund
Dann kommt ihr die Idee, mit ihrem Problem, wie sie ihren kleinen Sohn tagsüber unterbringen soll, zum SDS, der zentralen Gruppierung der entstehenden außerparlamentarischen Opposition (APO) zu gehen. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund gilt als fortschrittlich. Und er macht damals in Berlin mit vielen Teach-Ins an den Unis und Demos gegen den Krieg in Vietnam auf sich aufmerksam. Beherzt trägt sie dort ihr Anliegen vor. Wortführer dort ist Peter Schneider, mit dem hat sie immerhin schon mal ein Wort gewechselt, deswegen traut sie sich hin.
"Die saßen zusammen, haben diskutiert und ich saß dabei und habe kein Wort gesagt. Und irgendwann nach zwei Stunden hat er mich gefragt, was ich denn nun hier wolle. Und dann habe ich mein Anliegen vorgebracht. Dann gab es so ein merkwürdiges Schweigen. Und alle guckten sich so ein bisschen komisch an. Und dann sagte der Peter Schneider, ja, geh mal in die Küche, da sitzt die Marianne, die macht auch so was. Und in der Küche saß dann tatsächlich Marianne Herzog vor so einem großen Koffer mit Unterlagen, die sie sich von der Ulrike Meinhof hatte schicken lassen. Die sie kannte. Über Frauen Leichtlohngruppen und so weiter. Und dann habe ich ihr erzählt, was ich mir ausgedacht hatte, also um für die Kinder etwas zu machen von solchen linken Frauen, die Kinder hatten"
Helke Sander
Die Sache mit den Tomaten und die Gründung der Weiberräte
Es war den Frauen ernst damals mit ihrem Anliegen, das Private politisch zu sehen und jenseits individueller Lamenti harte politische Forderungen zu stellen. Beim SDS allerdings stießen sie damit nicht auf offene Ohren. Was Helke Sander in einer historischen Rede zum bitteren Vorwurf formulierte.
"Genossen, wenn ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich geführt werden muss, nicht bereit seid, dann müssen wir allerdings feststellen, dass der SDS nichts weiter ist als ein aufgeblasener konterrevolutionärer Hefeteig"
. Helke Sander
Auf diese Rede hin reagieren die Genossen gar nicht. Sie wollen sofort zur Tagesordnung übergehen. Als daraufhin eine Studentin Tomaten auf die Männer im Präsidium wirft, entsteht so ein Tumult, dass die Sitzung abgebrochen wird. Noch am gleichen Tag gründen Frauen die "Weiberräte". Ihre Parole lautet: Das Private ist politisch.
Das Lebensgefühl von Helke Sander und den anderen ist in der Zeit geprägt von vielen Experimenten und vom Aufbruch. Sie probieren neue Lebensgemeinschaften aus und sie gründen die ersten Kinderläden. Auf einem ersten Flugblatt, das nur an Frauen verteilt wird, laden sie ein zu einer Versammlung, auf der dann sofort die ersten fünf Berliner Kinderläden gegründet werden. Das ist die Keimzelle der autonomen Frauenbewegung. Und die breitet sich rasch aus – zuerst in andere Universitätsstädte.
Die Frauenbewegung in München
Auch in München finden sich Anfang der 70er Jahre Frauen zusammen und stellen fest, dass sie viele frauenspezifische politische Fragen haben, die sie umtreiben. Gemeinsam gründen sie das Frauenzentrum, das sich heute in der Gabelsbergerstraße befindet. Ein Ort, den sie gemeinsam mieten, gemeinsam renovieren und gemeinsam nutzen, um ihre Anliegen weiterzutreiben. Hier gibt es §218-Beratung, Verhütungsberatung, Schwangerenberatung, Beratung für vergewaltigte und geschlagene Frauen, Psychologische Beratung, Bewegungstherapie, Selbstverteidigung, Lesben, Müttergruppe, Fotogruppe, Frau und Gewerkschaft, Zentrumsgruppe und viele viele Frauenfeste. Die Soziologin Anita Heiliger erinnert sich.
"Das war damals einfach diese Aufbruchstimmung, toll und wir machen das und wir wollen das und wir wollen was verändern und wir wollen unsere Themen bearbeiten. Also es war einfach eine unglaubliche Energie da. Wahnsinnige Energie. Alle zusammen und mit Begeisterung. Und dazwischen gab es immer ganz tolle Feste. Was auch sehr wichtig ist, dass es Spaß macht. Es gab tolle Diskussionen eben auf diesen Plena, es war immer rappelvoll, das Zentrum. Und den ganzen Tag war da ständig was los. Also was Spannenderes hätte ich mir zu der Zeit überhaupt nicht vorstellen können."
Anita Heiliger, Soziologin

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