Bayern 2 - Notizbuch

Häuser aus Holz Alter Baustoff, neue Maßstäbe

Bauen mit Holz: Lange genug verband man damit das Bild von der windschiefen Leichtbauhütte. Doch das hat sich gewandelt: Holz hat als Baustoff jede Menge Potenzial - Zeit also, mit einigen hartnäckigen Vorurteilen aufzuräumen.

Stand: 07.02.2012

Ein modernes Einfamilienhaus in Holzbauweise muss heutzutage kein Fertighaus von der Stange sein: Etliche Bauunternehmer in Bayern haben sich inzwischen aufs Bauen mit Holz spezialisiert und liefern individuelle Maßarbeit. Die Branche wächst: Holz ist klimafreundlich und nachhaltig, denn es speichert Kohlendioxid und ist eine nachwachsende Ressource. Das findet auch bei den Bauherren immer mehr Anklang: Im Jahr 2007 wurden bereits mehr als 16 Prozent der neu gebauten Einfamilienhäuser in Holzbauweise errichtet. Zehn Jahre zuvor waren es nur acht Prozent, 1987 nur vier Prozent.

Viele Vorteile ...

Holzhäuser stehen sehr viel schneller als konventionelle Ziegelhäuser. Für den Rohbau wird etwa ein Monat benötigt, dann ist das Haus ausbaufertig. Denn die Bauelemente werden meist von den Betrieben vorgefertigt und müssen vor Ort nur noch zusammengesetzt werden. Außerdem besitzt Holz an sich bereits wärmedämmende Eigenschaften. Eine gute Holz-Außenwand ist vergleichbar mit einer Ziegelmauer, die mit einer 24 Zentimeter dicken Dämmung versehen ist. Ein Haus in Holzbauweise ist zwar teurer als ein ungedämmtes Ziegelhaus: Rund 250.000 Euro kostet ein Passiv-Holzhaus - ohne Keller und Grundstück. Würde man das Ziegelhaus aber entsprechend nachdämmen, bewegen sich beide Bauweisen auf gleichem Kosten-Niveau.

... und Vorurteile

Allerdings soll das Bauen mit Holz auch Nachteile mit sich bringen - zumindest halten sich hier und da hartnäckige Gerüchte:

Holz und Vorurteile: Was ist dran?

Schimmel & Fäulnis

Meinung:

"Holz ist anfällig für Schimmel und Schädlinge."

Moderne Bauvorhaben sind so konstruiert, dass tragende Holzbauteile dauerhaft trocken und warm bleiben, vor allem auch durch entsprechende Dämmungen. Chemischer Holzschutz wird dafür nicht benötigt. Bleibt das Holz trocken, können Fäulnis und Schimmelbildung gar nicht erst aufkommen. Auch, was die Dauerhaftigkeit betrifft, können Holzhäuser laut Bauunternehmern mit Ziegelbauten mithalten: 80 bis 100 Jahre sind realistisch.

Hellhörigkeit

Meinung:

"Holz arbeitet, da knarzt es doch immer irgendwo."

Holz ist ein "lebendiger" Baustoff, deswegen kann es schon einmal im Gebälk knarzen. Dass das aber ein Dauerzustand sein soll, ist übertrieben. Allerdings sind Holzwände durchaus hellhöriger als massive Ziegelwände. Daher sollte man das Kinderzimmer vielleicht nicht unbedingt ans eigene Schlafzimmer angrenzen lassen. Extradicke Wände mit entsprechender Dämmung können jedoch Abhilfe schaffen, sodass derselbe Schallschutz möglich ist wie bei einer Ziegelwand.

Entflammbarkeit

Meinung:

"Ein Holzhaus, das brennt doch wie Zunder!"

Das stimmt nicht: Holzhäuser erfüllen die Brandschutznormen, außerdem ist Holz nicht gleich Holz. Bei der Massivholzbauweise fallen bei entsprechender Bauweise keine Hohlräume im Holz an, und ohne Lufthohlraum fängt auch Holz nur schwer Feuer. Natürlich brennt auch Holz irgendwann einmal, dabei ist es jedoch sehr berechenbar: Holz besitzt eine Abbrandgeschwindigkeit von ziemlich genau 0,7 mm pro Minute, brennt also noch verhältnismäßig langsam ab.

Feuerfestigkeit

Meinung:

"Nach einem Brand ist alles hinüber."

Selbst, wenn das Holz zu brennen anfängt, bildet sich eine schützende Kohleschicht. Der Holzkern selbst bleibt relativ kühl und behält seine tragenden Eigenschaften bei ausreichender Dicke in aller Regel bei - was bei modernen Holzhäusern der Fall ist. Trotz allem gilt: Beton ist feuerfester als Holz.

Negative Aspekte

Holzhausbesitzer sollten sich von Anfang an darüber im Klaren sein, wo die Elektrik verläuft und die Schalter angebracht sind. Mal eben neue Leitungsschlitze und Kabelkanäle unter Putz verlegen, das geht bei einer Holzfassade nicht. Außerdem braucht man spezielle Dübel, wenn man bohren möchte.

Im Keller bleibt alles beim Alten

Ultramodernes Einfamilienhaus aus Holz und Beton

Wer einen Keller möchte, sollte dort allerdings nicht mit Holzelementen bauen, schon allein wegen des umgebenden, feuchten Erdreichs. Hier ist Beton gefragt, auch wenn dieser für ein kälteres Raumempfinden sorgt - was in einem Keller durchaus erwünscht sein kann. Ohnehin spielen beim Hausbau pragmatische Überlegungen eine immer zentralere Rolle: Holzfassaden dürfen inzwischen gerne auch einmal verputzt sein und müssen nicht unbedingt als solche erkennbar sein. Und auch viele Ziegelhäuser haben mittlerweile Holzdächer oder entsprechende An- und Aufbauten.

"Jedes Material kann etwas ganz besonders gut. Es wäre meiner Meinung nach dumm zu sagen, dass alles in Holz oder in Beton gemacht werden muss. Das sind dumme Standpunkte, es kann nur mit einem ganz intelligenten, gezielten Miteinander gehen."

Professor Hubert Rieß, Architekt

Hoch hinaus mit Holz

Unterm Strich gibt sich die Branche optimistisch: Im Einfamilienhausbau - und auch bei Doppelhaushälften - gilt die moderne Holzbauweise inzwischen als ausgereift. Potenzial gibt es noch bei großen Gebäuden. In Bad Aibling entstand 2011 ein Pilotprojekt: Deutschlands höchstes Holzhaus, ein Achtgeschosser mit fast 25 Metern Höhe.

Mark Twain und die Sache mit dem Rheuma

Mark Twain (1835-1910) besuchte mehrmals Deutschland. Seine Eindrücke hielt er unter anderem in seinem Werk "Bummel durch Europa" fest.

"Ich habe nie verstehen können, warum die Deutschen, die so viel Holz in ihren Wäldern haben, sich partout darauf versteifen, Häuser aus Stein zu bauen. Jetzt allerdings, wo ich weiß, über welche Mengen an Rheumabädern dieses Land verfügt, sehe ich ein, daß die Deutschen in feuchten Steinhäusern wohnen müssen. Wo sollten sie sich sonst den Rheumatismus holen, ohne den ihre Rheumabäder überflüssig wären." Mark Twain