Bayern 2 - Notizbuch

Im Pflegeheim auf Visite Medizinische Versorgung von Heimbewohnern

Die meisten alten Menschen haben einen Hausarzt, der sie seit vielen Jahren betreut und gut kennt. Doch was ist, wenn sie in eine Pflegeeinrichtung umziehen müssen? Nur ganz wenige Ärzte sind bereit, ihre Patienten auch im Altenheim weiter zu behandeln. Der Weg ist ihnen meist zu weit, die Bezahlung zu niedrig.

Von: Rainer Ulbrich Stand: 09.07.2012

Wer ins Heim umziehen muss, steht in der Regel ohne seinen vertrauten Hausarzt da und muss sich nach einem neuen umsehen. Doch das ist leichter gesagt, als getan. In fast allen Heimen gibt es zwar Ärzte, die regelmäßig ins Haus kommen. Doch häufig sind es mehrere niedergelassene Mediziner, die sich ein Pflegeheim "teilen". Es kommen also immer wieder andere Ärzte, die die Bewohner kaum kennen und das Pflegepersonal weiß oft nicht, wer wann zu welchem Bewohner kommt. In der Regel finden die Visiten zudem auch nur einmal in der Woche statt – für pflegebedürftige alte Menschen mit mehreren Erkrankungen viel zu selten.

Modelle zur Verbesserung der medizinischen Versorgung

Die Arbeiterwohlfahrt beschäftigt einen eigenen Heimarzt in ihrem Haus in München-Haidhausen.

Verschiedene neue Modelle sollen die medizinische Versorgung von Pflegeheimbewohnern verbessern: So hat die Arbeiterwohlfahrt für ihr Haus in München-Haidhausen einen Heimarzt fest angestellt. Er ist den ganzen Tag im Haus. Das Pflegepersonal kann ihn aber auch außerhalb der üblichen Arbeitszeiten anrufen, wenn Bewohner erkranken oder Probleme haben. Und das passiert häufig, denn unter den 119 Bewohnern des Heims sind überdurchschnittlich viele Schwerstpflegebedürftige mit der höchsten Pflegestufe drei.

Nicht nur für das Pflegepersonal ist der festangestellte Heimarzt eine große Arbeitserleichterung unter anderem weil es so rasch eine ärztliche Einschätzung auftretender Krankheiten bekommt und somit immer juristisch auf der sicheren Seite ist. Auch für die Heimbewohner ist es ein großer Vorteil, wenn immer ein Arzt in der Nähe ist, der sie kennt und medizinische Probleme rasch einschätzen kann.

Weniger Einweisungen ins Krankenhaus nötig

Krankenhaus- Einweisungen von Pflegeheimbewohnern stellen einen hohen Kostenfaktor für die Krankenkassen dar.

Im Normalfall würde bei einem medizinischen Problem sonst der Ärztliche Bereitschaftsdienst oder ein Notarzt angerufen werden. Doch wenn der Bereitschaftsarzt dann möglicherweise ein Kinderarzt oder Gynäkologe ist, der eventuell wenig Erfahrung mit alten Patienten hat, wird es problematisch. Denn eventuell ist er sich dann in der Behandlung unsicher und weist den Bewohner in ein Krankenhaus ein, auch wenn dies vielleicht gar nicht nötig wäre. Und so profitieren auch die Krankenkassen von dem Heimarztmodell. Denn unter dem Strich sparen sie sich so eine Menge Geld durch die geringere Anzahl an Krankenauseinweisungen.

"Wir haben Hochrechnungen von 2003 bis 2011: Bruttoeinsparungen von über zwei Millionen, zu 70 Prozent durch ersparte Krankenhauseinweisungen."

Hans Kopp, AWO

Praxisverbünde und Pflegenetze

Die Kontinuität in den Arztbesuchen führt für das Pflegepersonal zu einer besseren Planbarkeit.

Ein anderes Konzept hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung entwickelt, bei dem sich Hausärzte und Fachärzte abstimmen und mit dem Pflegepersonal fachübergreifend zusammenarbeiten. Ziel des Verbunds war es, die einzelnen Aktivitäten und Engagements zu bündeln und unter ein gemeinsames Dach zu bringen. Ein wichtiger Punkt dabei ist: Die Ärzte kommen zu festen Zeiten zur Visite ins Haus. Dadurch können die Pflegekräfte die Arztbesuche entsprechend vorbereiten und sind beim Rundgang dabei. Wichtig ist dabei unter anderem, dass die Zahl der involvierten Ärzte überschaubar bleibt, also sich möglichst immer die gleichen Ärzte um die Heimbewohner kümmern.

Geriatrische Praxisverbünde

In Bayern gibt es 44 „Geriatrische Praxisverbünde“- so lautet der offizielle Name - in rund 100 Pflegeheimen. Über 400 Ärzte nehmen daran teil. Das Modell hat die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns entwickelt. Ziel ist es, die medizinische Versorgung in den Pflegeheimen zu verbessern. Ärzte, die an einem Praxisverbund teilnehmen, müssen bestimmte Bedingungen erfüllen: Sie können die Heime innerhalb von 30 Minuten erreichen. Sie machen regelmäßige Visiten, sie sind gut telefonisch erreichbar - und sie organisieren eine gegenseitige Vertretung.

Die Geriatrischen Praxisverbünde der Kassenärztlichen Vereinigung sind nicht der einzige Versuch, die medizinische Versorgung in den Pflegeheimen zu verbessern. Die AOK hat ein eigenes Konzept entwickelt, die sogenannten „AOK- Pflegenetze“. Die beiden Modelle sind sehr ähnlich und unterscheiden sich nur in wenigen Punkten. So sind die Praxisverbünde ein Angebot für einzelne Pflegeeinrichtungen. Die Pflegenetze sind räumlich etwas weiter gefasst, nämlich für mehrere Heime einer Region. Beide Modelle verfolgen das gleiche Ziel: eine bessere ärztliche Versorgung in den Pflegeheimen – und als Folge davon weniger Krankenhaus- Einweisungen.

Mehr Kontinuität, Einsparungen und gute ärztliche Versorgung

Eine gute medizinische Versorgung von Heimbewohnern - gar nicht so einfach...

Von den neuen Versorgungsmodellen profitieren alle Beteiligten. Die Heimbewohner erhalten eine qualitativ hochwertige ärztliche Versorgung, unnötige und belastende Krankenhausaufenthalte bleiben ihnen erspart. Die Pflegeeinrichtungen bekommen kompetente Ärzte an die Seite, die bei Problemen schnell und unkompliziert erreichbar sind. Die Ärzte können die Versorgung der Bewohner nach ihren Vorstellungen und Wünschen gemeinsam organisieren und werden dabei vom Pflegepersonal unterstützt. Außerdem erhalten sie für ihr Engagement in einem Praxisverbund oder einem Pflegenetz eine Extravergütung. Für die Hausärzte sind das pro Patient 100 Euro zusätzlich im Jahr. Das ist nicht allzu viel, kann sich aber doch zu einer schönen Summe addieren, wenn der Arzt viele Patienten im Heim betreut.

Das Pflege-Neuausrichtungsgesetz

Auch die Politik hat das Problem der medizinischen Versorgung in den Heimen  inzwischen erkannt. Das Pflege- Neuausrichtungsgesetz eröffnet der Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen die Möglichkeit, Preiszuschläge für Heimbesuche zu vereinbaren. Außerdem werden die Kassenärztlichen Vereinigungen stärker in die Pflicht genommen. Sie sollen künftig Kooperationsverträge mit niedergelassenen Ärzten vermitteln, wenn eine Pflegeeinrichtung das wünscht.

In Bayern sind bis jetzt nur etwa zehn Prozent der Pflegeeinrichtungen an einen Praxisverbund oder ein Pflegenetz angeschlossen. Ein Ausbau der neuen Versorgungsmodelle ist also dringend erforderlich. Dass dies nur schleppend vorangeht, liegt auch an der mangelnden Bereitschaft einiger Krankenkassen, die Kooperationsmodelle finanziell zu unterstützen. So macht bis jetzt nur ein Teil der Kassen bei den Praxisverbünden mit und zahlt den Ärzten für ihre Teilnahme einen Honorarzuschlag.


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