Bayern 2 - Notizbuch

Türkische Gerichte mit Geschichte Ein Esel bleibt ein Esel

Feliz Penzenkofer hat sich mit ihrer Schwester gestritten. Nachgeben kommt nicht infrage. Stur wie Esel - da hilft auch kein versöhnliches Gericht ihrer Mutter: Lamm in Joghurtmariande. Natürlich mit einer Familiengeschichte.

Von: Filiz Penzkofer Stand: 08.06.2012
Lammfleisch | Bild: colourbox.com

Ich habe mich mit meiner Schwester gestritten. Das ist jetzt vier Tage her, und den Grund habe ich schon längst vergessen. Ich weiß nur, dass ich Recht hatte. Und deswegen werde ich dieses Mal auch ganz sicher nicht klein beigeben. Da hilft auch das Lamm nicht, das Mutter heute schon den ganzen Tag in Joghurt mariniert hat und das sie uns zum Abendessen mit buttrigem Reis serviert. Während des Essens schweigen meine Schwester und ich uns hartnäckig an und ich laufe lieber einmal um den ganzen Tisch herum, als sie um den Salzstreuer zu bitten. Dafür verzichtet meine Schwester auf den Pfeffer, den ich gebunkert habe.

Mama betrachtet uns kopfschüttelnd. "Ihr seid genauso stur wie mein alter Esel!", sagt sie. Ich salze schweigend das Lammfleisch und sehe nicht ohne Schadenfreude, dass meine Schwester immer noch auf den Pfeffer schielt. "Ich wusste gar nicht, dass du mal einen Esel hattest", sagt Vater, der schon die ganze Zeit krampfhaft versucht, die frostige Stimmung am Tisch durch ein munteres Gespräch aufzuheitern.

Filiz Penzkofer | Bild: BR zum Artikel Filiz Penzkofer Deutsch-türkische Geschichten

Für die türkische Oma redet sie zu bayerisch, für den bayerischen Opa zu preußisch. Aber es ist ihr egal, wie sie redet, solange es was zum Reden gibt. Denn Filiz erzählt gerne Geschichten - und die gehen oft durch den Magen. [mehr]

Ich will gerade gähnen, aber meine Schwester kommt mir zuvor. Unauffällig fahre ich meine Kiefer wieder ein. Am Ende wird mein Gähnen noch als Empathie fehlgedeutet.

Mutter lässt sich nicht entmutigen. "Naja, war Esel von meinem Onkel. Er hat zusammen mit der Familie im Haus gewohnt." "Im Haus?", frage ich. Mutter nickt. "Ja, sein Stall war mit im Haus und er konnte immer seine Kopf über die niedrige Holztür stecken und uns beim Essen zuschauen. Immer wieder hat er I-AA gerufen. I-ch A-uch, I-ch A-uch." Mutter lacht. "Aber wenn ich mir so recht überlege, war der Esel nicht stur, sondern sehr, sehr klug! Er hat die ganze Familie von meinem Onkel gerettet."

Jetzt ist der Streit vergessen. Meine Schwester und ich hängen gebannt an Mutters Lippen und Vater legt erleichtert die Beine übereinander und lehnt sich entspannt zurück. Mutter genießt die Aufmerksamkeit. Sie nimmt sich noch von dem Lamm und schließt nach dem ersten Happen genießerisch die Augen. "Wie Butter!", seufzt sie. "Schmeckt's euch auch, Kinder?" Wir bejahen hastig und bestehen darauf, die Geschichte weiter zu hören.

"Na gut. Meine Onkel hatte sich in eine junge Frau aus dem Nachbardorf verliebt, die auf dem Wochenmarkt immer Tomaten und Gurken verkaufte. Sie hatte auch schon eine Mann, aber ihr Herz schlug für den Onkel. Weil eine Hochzeit ausgeschlossen war, entschied sich mein Onkel, seine Familie zu verlassen und stattdessen die attraktive Gemüseverkäuferin zu entführen."

"Ehrlich? Entführen?", flüstert meine Schwester. Mutter macht eine abwinkende Handbewegung. "Nein, nein, nicht so Kidnapping wie aus Tatort. Brautentführungen gibt es heute noch in den Dörfern, wenn die Eltern gegen das Zusammensein sind oder eine normale Ehe aus anderen Gründen ausgeschlossen ist. Man entführt die Braut also mit ihrem Einverständnis."

Wir erfahren, dass der Onkel tatsächlich seine Familie verlassen wollte, um mit der Gemüseverkäuferin durchzubrennen. Heimlich hat er seine wichtigsten Sachen gepackt. Viel wird es nicht gewesen sein, Hosen, ein paar Hemden und die Angel vielleicht. Das wichtigste war aber der Esel. Mein Onkel hatte vor, den Marktstand seiner Braut im größeren Stil weiter zu führen. Um die geplanten Massen an Gemüse und Obst transportieren zu können, brauchte er das Lastentier. Er musste also an seinem Fluchttag vor seiner Frau aufstehen, die den Esel schon früh am Morgen mit in die Felder nahm, um Auberginen zu ernten. In der Nacht vor seiner Flucht verabschiedete er sich weinend von seinem schlafenden Töchterchen. Auch seine Frau umarmte er liebevoll und dankbar für alles Gute, dass sie an ihm getan hatte.

Der Hahn hatte gerade sein Vier-Uhr-Krähen beendet, da schlich sich der Onkel schwerfällig vor Müdigkeit zum Esel. Er öffnete leise die sonst so knarzende Stalltür des Esels und verstaute sein Hab und Gut in die Satteltasche des Tieres. Jetzt musste er nur noch gehen. Sanft zog er am Halfter des Esels und bedeutete ihm, zu folgen. Der Esel bewegte sich nicht. Er zog fester. Der Esel verlegte sein Gewicht auf die Hinterbeine und ging in die Hocke, was bedeutete: Ich Esel gehe kein Stück. Egal wie der Onkel rüttelte und zerrte, wie er bettelte und zischte, es war nichts zu machen. Das Tier wich nicht das geringste Bisschen von der Stelle. Irgendwann gab mein Onkel auf. Er legte sich zurück zu seiner Frau ins Bett, und als sie seine kalten Füße zwischen ihren Schenkeln wärmte, da kam es ihm nicht vor, als wäre das das Schlechteste.

Mutter hat die Geschichte kaum beendet, da schnappt meine Schwester nach dem Pfeffer. Geistesgegenwärtig reiße ich ihn an mich, meine Schwester greift ins Leere. Mutter schüttelt den Kopf. "Stur wie ein Esel!", murmelt sie. Ich erinnere sie an die Geschichte ihres Onkels. "Ist ja manchmal nicht das schlechteste!". Mutter schaut mich lange an. "Esege altin semer vurulsa, esek yine esektir", sagt sie trocken. Esel bleibt Esel, auch wenn er einen goldenen Sattel trägt.

Rezept

Joghurt-Lamm für Streithansel und Genießer

Zutaten für 4 Personen

  • 800 g Lammfleisch ohne Knochen  
  • 500 g Joghurt
  • 350 g Tomaten
  • 100 ml Weißwein
  • 3 Eier
  • 3 Zwiebeln
  • 5 Knoblauchzehen
  • 1 EL Mehl
  • 2 EL Olivenöl

Zum Würzen:

  • 1 TL Pfeffer
  • 1 TL Majoran
  • 1 TL getrocknete Minze
  • 1 TL Piment
  • 1 TL Koriander
  • 1 Lorbeerblatt
  • Salz

Zubereitung:

Zwiebeln und Knoblauch schälen, vierteln und in Öl andünsten. Das Lammfleisch in große Würfel schneiden und mit in den Topf geben. Fleisch und Gemüse fünf Minuten lang bei mittlerer Hitze braten. Das Fleisch salzen, würzen und mit dem Wein angießen. Jetzt den Topfdeckel schließen und das Lamm etwa 45 Minuten schmoren lassen. Bei Bedarf ein wenig Wasser dazu geben.

In der Zwischenzeit die Tomaten mit kochendem Wasser überbrühen, häuten und klein schneiden. Das Mehl in den Joghurt einrühren und alles mit Salz und Pfeffer würzen.

Jetzt werden Fleisch, Zwiebeln und Knoblauch in eine Auflaufform gefüllt. Als zweite Schicht folgen die Tomaten, darüber kommt die Joghurtsoße.

Das Joghurtlamm kommt für etwa 45 Minuten in den 220 Grad heißen Ofen. Dazu schmecken Pide und frischer Sommersalat.

Afiyet olsun!


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