Bayern 2 - Notizbuch

Kultur-Maschinen Seelenheil und Kunstgenuss aus Automaten

Zigaretten, Gummibärchen und Kondome – Automaten stillten lange vor allem Hunger, Sucht und Lust. Jetzt sollen sie auch die Sehnsucht nach Kunst und Religion befriedigen.

Von: Franziska Draeger Stand: 09.08.2012

Früher verkaufte der Automat in der hinteren Sterngasse in Nürnberg Zigaretten. Dann hat ihn der Künstler Winfried Baumann mit seiner Kollegin Anna Bien zweckentfremdet. Wenn man jetzt fünf Euro einwirft, kommt zwar immer noch ein zigarettenschachtelgroßes Paket heraus, doch darin steckt Kunst statt Nikotin.

Werke von zehn verschiedenen Künstlern

Winfried Baumann lässt eine kleine Schachtel aus dem Automat und öffnet sie: „Hier haben wir ein Werk der Künstlerin Susanne Winter. Und jetzt lassen wir uns überraschen: Ein handgewebtes Kissen!“ In anderen Schachteln verbergen sich kleine Gemälde oder Mini-Skulpturen von zehn verschiedenen Künstlern.

„Der Automat gibt Kunst zu einem sehr niedrigen Preis ab. Und das zu jeder Tages- und Nachtzeit. Der Automat soll anfixen. Süchtig machen.“ Das scheint zu funktionieren, fast alle Fächer der Maschine sind ausverkauft, besonders nachts hört Baumann oft, wie Leute sich ein Kunstwerk kaufen – als Geschenk für eine Party zum Beispiel.

Kunst für alle

Die Mission des Automaten  ist es, Kunst für alle zu bieten. Er soll die Hemmschwelle überwinden, die viele Leute davon abhält, eine Galerie zu betreten. Am Automaten muss niemand muss so tun, als ob er sich in der Kunst auskennt.

Kultur to take away - rund um die Uhr

Die Maschine als Vermittler von Kunst, das hätte man ihr gar nicht zugetraut. Eigentlich stehen Automaten für das Gegenteil von Kultur: Für schnellen Konsum. Für praktische Produkte wie Kaffee, Zigaretten oder Gummibärchen. Doch die schlichten Maschinen können viel mehr als einfach nur satt machen. Auch das tiefe Bedürfnis nach Kultur  können sie befriedigen - und das rund um die Uhr.

Besinnliches aus allen Religionen

Ein Automat auf dem Augsburger Stadtmarkt treibt das auf die Spitze: Er verkauft Spiritualität. Für 50 Cent bekommt man hier Gebete. 300 Gebete aus den verschiedensten Religionen und Regionen sind in ihm gespeichert: Vom plattdeutschen Vaterunser bis zum äthiopischen Falaschagebet. Man setzt sich wie in einen Passbildautomaten hinein, zieht den Vorhang zu und wählt ein Gebet. Während es erschallt, sieht man einen Balken, der anzeigt, wie lange man noch beten kann. Nach fünf Minuten meldet ein Piepston, dass es sich ausgebetet hat.

Stört die Technik nicht beim Beten? Der Bildschirm, der unpersönliche Automat? Kann man meditieren auf dem halben Quadratmeter? Anscheinend ja. Zwei Frauen, die nacheinander den Gebetomat testen, kommen sichtbar berührt wieder heraus.  

Besinnung aus dem Automaten

Der Künstler Oliver Sturm, der den Automaten entworfen hat, war überrascht von den starken Gefühlen, die er auslösen kann. Für ihn war es anfangs nur eine skurrile Idee: „Ich wollte die schnödeste Kapitalismusmaschine, den Automaten, mit dem intimsten Handeln des Menschen, dem Zwiegespräch mit Gott, zusammenbringen.“ Doch als er begann, Gebete zu sammeln, wurde das Projekt immer ernsthafter. Jetzt sieht er: Es gibt sie tatsächlich, die Besinnung aus dem Automaten.

So neu ist die Verbindung von Automat und Religion übrigens gar nicht: Der erste überlieferte Münzautomat stand vor 2000 Jahren in Griechenland und gab nach Münzeinwurf Weihwasser ab. Mit dem Gebetomat geht der Münzautomat also wieder zurück zu seinem Ursprung.


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